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Hartes Pflaster – So wohnen Wohnsitzlose in Wiesbaden

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Von André Werner. Fotos Heinrich Völkel und Andrea Diefenbach.

Was bleibt hängen, wenn man die hessische Landeshauptstadt besucht? Kurhaus? Ja. Neroberg? Sicherlich. Generell die prächtige Architektur? Definitiv! Ja, das schöne Leben ist in Wiesbaden Zuhause. Doch es gibt auch andere Seiten. Wir alle sehen sie tagtäglich. Gehen meist achtlos daran vorbei, denn sie stören den Blick und hinterlassen einen fahlen Beigeschmack, wenn man doch eigentlich ausgiebig shoppen gehen wollte. Die Rede ist von Obdachlosigkeit. Ein Phänomen, dass es wahrscheinlich schon gibt, seitdem Menschen in Häusern leben. Ein weltweites Problem, das auch in Wiesbaden „zuhause“ ist. Aber wie wohnen eigentlich die Menschen, die tagsüber in Gruppen oder allein an den stadtbekannten Stellen lungern? 

Bloß nicht wie ein Penner aussehen 

Unterhält man sich mit den betroffenen Menschen, wird schnell klar: Den typischen Obdachlosen gibt es nicht. Klar sind da die Klischees. Der etwas streng riechende Typ mit den Plastiktüten voller Pfandflaschen, der einen lallend nach einer Zigarette fragt. Gab es, gibt es und wird es vermutlich immer geben. Es gibt aber auch die andere Seite. Menschen mit einem gepflegten Äußeren, die einer bezahlten Beschäftigung nachgehen und trotzdem jeden Tag hoffen, irgendwo Unterschlupf zu finden. 

Wer das Gespräch sucht, merkt schnell: hinter jedem Schicksal verbirgt sich eine eigene Geschichte, ein einschneidendes Erlebnis, das zur Obdachlosigkeit geführt hat. „Ich war Eventmanager, hatte ein schönes Haus und alles. War halt ein bisschen locker mit den Fäusten und kam in den Knast. Naja und danach war halt alles weg“ erzählt uns Frank (Name geändert), den wir am Platz der deutschen Einheit kennenlernen. Er schläft bei Freunden, manchmal, ansonsten verbringt er die Nacht am Bahnhof, in Parkhäusern oder abgeschiedenen Gassen. Frank gehört zu den Menschen, denen man nicht ansieht, dass sie auf der Straße leben. „Wenn du dich gehen lässt, ist es vorbei! Ich hab morgen einen Termin für `ne Wohnung, wenn ich da aussehe wie ein Penner, werde ich doch sofort abgestempelt.“ 

Keine Freunde. Nur Leidensgenossen.

 Es gibt zahlreiche Angebote für Obdachlose in Wiesbaden, aber eine Garantie auf einen Schlafplatz hat hier niemand. „Du kannst vielleicht ein paar Nächte hier bleiben, aber es gibt einfach zu viele, die das wollen.“ berichtet Pavel (Name geändert), den wir vor der Teestube der Diakonie kennenlernen. Seine harte Vergangenheit steht ihm ins Gesicht geschrieben, aber er wirkt sehr nett und aufgeschlossen. Seine Geschichte geht so: Glückliche Beziehung mit einer Frau, zwei Kindern. Irgendwann zerbricht die Beziehung und Pavel gleich mit. Er fängt an, harte Drogen zu nehmen. Die Abwärtsspirale nimmt ihren Lauf. Er kam „mal hier, mal da“ unter: „Im Sommer kannst du gut in den Reisinger Anlagen pennen. Wenn du drauf bist, ist es dir sowieso egal.“ Und im Winter? „Wenn´s richtig schlimm wird, kannste ja immer noch ein paar Nächte im Krankenhaus verbringen oder du fährst schwarz bis sie dich einbuchten.“ Mittlerweile lebt Pavel in einer eigenen Wohnung, führt ein selbstbestimmtes Leben ohne Drogen und hat wieder Kontakt zu seinen Kindern. „Es gibt zwei Arten von Obdachlosen“ erzählt er uns: „Einmal die, die durch unglückliche Umstände plötzlich da rein geraten sind. Und die Junkies, ob Alkohol oder irgendwelche anderen Drogen, ist egal. Denen kannst du nicht helfen. Die wollen auch gar keine Hilfe! Ich war ja selbst mal so.“ Zum Leben auf der Straße sagt er uns folgendes „Es ist die Hölle auf Erden, du musst jeden Tag gucken, wo du bleibst, bist immer allein, auch wenn du mit anderen zusammen bist. Echte Freunde gibt es nicht. Im Zweifelsfall ist sich jeder selbst der Nächste.“ Man verlässt diese Menschen mit einem komischen Gefühl. Denn wo die Nacht sie hintreiben wird, wissen viele nicht. Manche werden in den städtischen Einrichtungen unterkommen, viele werden sich irgendwo zusammenkauern und warten bis ein neuer Tag beginnt. Ein Tag, an dem sie ihr Leben wieder vollkommen neu erfinden müssen.

 

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