Politische Plakate konnte man in den letzten Wochen zuhauf im Stadtbild sehen: Wahlplakate – nicht immer mit den intelligentesten oder informativsten Botschaften. Künstlerische Gestaltung gar – völlige Fehlanzeige. Das war in vergangenen Jahrzehnten anders. Doch beileibe nicht weniger manipulativ oder auch regelrecht aggressiv gegen den politischen Gegner. Das belegen die Plakate aus der Sammlung des Wiesbadeners Maximilian Karagöz. Zum zweiten Mal bestückt er eine kleine Ausstellung im Landesmuseum, die noch bis zum 9. August in drei Räumen des Museums zu sehen ist. Das erste Mal war es noch um werbliche Plakate gegangen – Karagöz, Sammler aus Leidenschaft, besitzt Plakate aller Genres: Zigaretten- oder Tourismuswerbung sind darunter, aber eben auch Wahlplakate, von denen er hier eine große Anzahl ausgesucht hat.
Drachen, Schlangen, Feinde
Es geht um die Zeit zwischen 1918 und 1933. Martialische Motive bestimmen das Bild, der Zeitgeist war seinerzeit ein ganz anderer. „Feinde“ wurden als Drachen oder Schlangen gezeichnet, die von Pfeilen durchbohrt oder gewürgt wurden. Ängste wurden geschürt, indem ausgezehrte, hungernde Menschen abgebildet wurden. „Die Zeiten sind hart, doch der Sieg ist sicher“ steht über einem grimmig guckenden Hindenburg, der für die Zeichnung von „Kriegsanleihen“ warb, um den Militäreinsatz im Ersten Weltkrieg finanzieren zu können. Die Plakate sind stellenweise roh und brutal, vor allem, wenn sie von Parteien der extremen linken oder rechten Ränder kamen. Manchmal kann man in den Entwürfen, die teils von bekannten Künstlern und Grafikern stammten, künstlerischen Wert erkennen, auch typographisch sind sie oft interessant. Doch ein ausschließlich künstlerischer Blick verbietet sich angesichts der Botschaften, die hier dargestellt wurden. Auch die Nationalsozialisten hatten Plakate – als sie an der Macht waren, endete die Vielfalt, ab dann gab es nur noch Parolen, was ein „aufrechter Deutscher“ oder eine „deutsche Frau“ zu tun hatte. Die Bilder schürten Emotionen und heizten Stimmungen an, beförderten Feindbilder und sind daher als schiere Propaganda einzuordnen.
Gruselige Ästhetik
Interessant aus heutiger Sicht ist die Ästhetik, die so manche rechts einzuordnende Parteipropaganda dieser Tage sichtlich beeinflusst hat. Heute wird so etwas per KI hergestellt, damals von Hand gezeichnet und gedruckt. Zu finden ist mehr oder weniger versteckte antisemitische Symbolik, der „Bolschewismus“ ist oft ein Feindbild, es gibt unverhüllte Kriegspropaganda, es wird an niedere Instinkte appelliert: Manipulation gab es auch schon vor hundert Jahren. Diese mit wachen Augen zu durchschauen ist durchaus eine spannende Aufgabe für heutige Museumsbesuchende. Interessant ist auch, dass es parallel im Hessischen Landtag eine zweite, korrespondierende Ausstellung gibt, die sich mit politischen Plakaten von 1945 bis 1991 befasst. Auf einem Bildschirm sieht man auch im Museum Eindrücke dieser zweiten Ausstellung, die im Landtag nur vom 18. März bis zum 12. April zu sehen ist. Dort sieht man dann zum Beispiel Adenauers legendäre Formel „Keine Experimente“ oder die Sonnenblumenplakate der ersten Generation der Grünen. Auch diese waren verglichen mit heutiger Wahlwerbung noch wesentlich kreativer.

Denkanstöße, Lerneffekte
Die drei Räume im Landesmuseum jedenfalls sind ein deutlicher Denkanstoß, die historischen Plakate mahnen zur Wachsamkeit gegenüber Manipulationen der Gegenwart. Auf der rein graphischen Ebene können Arbeiten namhafter Künstler wie Lucian Bernhard, Ludwig Hohlwein, der auch die legendären Tourismusplakate „Frühling“ und „Herbst“ in Wiesbaden schuf, oder Max Pechstein betrachtet werden. Aber auch sie ließen zu, dass ihre künstlerischen Fähigkeiten instrumentalisiert wurden. Wer aufmerksam durch die Ausstellungen geht, kann für die heutige Zeit etwas lernen. Denn: Nur wenn es gelingt, Wissen um die Strategien aufzubauen, die hinter einer manipulierenden und subversiven Propaganda stehen, kann verhindert werden, dass die gleichen Mechanismen erneut erfolgreich eingesetzt werden. Die Schauen sind auch Teil des „World Design Capital“, dieses Prädikat trägt die Rhein-Main-Region das ganze laufende Jahr. „Das Motto ,Design for Democracy‘ bewegt uns dazu, gemeinsam mit dem hessischen Landtag die ,Kunst der Straße‘ in Form politischer Plakate zu zeigen“, begründet Museumsdirektor Andreas Henning, warum sich Museum und Landtag diesem Thema widmen.

Text & Titelbild von Anja Baumgart-Pietsch
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