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Kinderbetreuung? Männersache!

 

Hendrik Jung

Fotos Heinrich Völkel und Andrea Diefenbach

Weniger als vier Prozent der Fachkräfte  in den städtischen Einrichtungen zur Kinderbetreuung in Wiesbaden sind Männer. Das Projekt „MEHR Männer in Kitas“ soll das ändern. Aber auch mehr Frauen werden gebraucht, um den künftigen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren erfüllen zu können.

Die Tür zur blauen Gruppe im SchulKinderHaus in Nordenstadt fliegt auf. Noch während Gerrit sich seines Ranzens entledigt, ruft er: „Andreas, können wir Schach spielen?“ Das Spiel der Könige ist die neue Leidenschaft des Grundschülers. Kennen gelernt hat er es durch Andreas Rulff, der seit zehn Tagen im SchülerClub ein Blockpraktikum absolviert. „Er hat jetzt vier Mal gespielt und setzt das Pferd schon, ohne einen Schlenker zu machen“, freut sich der 43-jährige: „Die Entwicklung der Kinder zu beobachten, ist immer wieder faszinierend.“ Noch intensiver sei das in der Vorschulzeit im Kindergarten zu erleben. Deshalb möchte er später am liebsten dort arbeiten.

Fischstäbchen-Tricks

Andreas Rulff ist im zweiten Ausbildungsjahr an der Fachschule für Sozialpädagogik an der Louise-Schroeder Schule. Wäre es nach ihm gegangen, würde er schon lange als Erzieher arbeiten. Doch in seiner Heimatstadt Magdeburg hat es mit der Umschulung nicht geklappt. Nachdem er mit seiner Lebensgefährtin nach Wiesbaden zog, ist er auf das Projekt „Große Zukunft für kleine Helden“ gestoßen. Im Umgang mit Kindern zeichnen ihn Gelassenheit und Humor aus. „Die versuchen immer wieder einen auszutricksen. Gerade, wenn man neu ist“, erklärt er bei Fischstäbchen, Salat und Kartoffelbrei in der Mensa. Damit die Kinder sich nicht am Nachtisch satt essen, dürfen sie davon nur so oft nehmen, wie sie sich an der Hauptspeise bedient haben. „Ich habe drei Mal gegessen“, verkündet der pfiffige Gerrit, als der Vanillepudding aufgetischt wird. Dabei verschweigt er, dass er nur kleine Portionen mit je einem Fischstäbchen auf den Teller geladen hat.

Sechs Wochen wird Andreas Rulff im SchulKinderHaus bleiben, in dem mittlerweile mehr als 120 Kinder betreut werden. Los ging es 1999 mit 12 Kindern, berichtet Leiterin Elke Hauff. Sie hat den Hort einst ins Leben gerufen, weil sie für ihre Tochter keinen Betreuungsplatz fand. Noch immer kümmert sie sich im Nebenberuf um die Organisation der Einrichtung. Während die eine Hälfte der Kinder heute im Hort betreut wird, gehört die andere Hälfte schon zur „Betreuung an der Grundschule“, der in Wiesbaden die Zukunft gehören soll. Das ist umstritten. Die Anforderungen an die pädagogische Ausbildung der Betreuer sind nicht so hoch wie im Hort.

Kritik an Sparmodell

„Das ist ein Sparmodell, kein Modell auf das man das stadtweite Angebot stützen kann“, kritisiert Christoph Leng, bis November Vorsitzender des Stadtelternbeirats der Kindertagesstätten in Wiesbaden. Die Räume, die in Kindergärten bislang den Hortkindern vorbehalten waren, werden durch die Umstrukturierung nun für Krippenplätze frei. „Dafür werden sie natürlich umgebaut“, erläutert Sozialdezernent Axel Imholz. Derzeit verfüge man über ein Betreuungsangebot für 25 Prozent der Kinder im Alter unter drei Jahren, für die ab August kommenden Jahres ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz besteht. Laut einer Befragung der Eltern werde in Wiesbaden aber für 48 Prozent aller Kinder in diesem Alter eine Betreuung benötigt. „Dafür brauchen wir 1.500 zusätzliche Plätze. Die wollen wir bis zum Ende der Legislaturperiode 2016 geschaffen haben“, so der Dezernent.

„Ausbau vor Neubau“

Deshalb müsse man beim Ausbau Gas geben: In die Breite und in die Höhe werden bestehende Einrichtungen erweitert. Das habe Priorität vor Neubauten, betont Imholz. Im neuen Verwaltungszentrum in der Mainzer Straße soll dennoch eine Großkrippe mit 90 Plätzen entstehen. Der Baubeschluss ist gefasst, doch war Mitte November der städtische Haushalt noch nicht genehmigt, so dass mit den Arbeiten noch nicht begonnen werden konnte. Drittes Standbein für das Schaffen neuer Kita-Plätze ist die Schulkinder-Betreuung an den Grundschulen. In Bierstadt und Klarenthal sollen dazu zwei Projekte in freier Trägerschaft starten. Einer der beiden Träger ist der Arbeiter-Samariter-Bund. „Die haben eine Großküche im Rheingau-Taunus-Kreis, von der aus alle Einrichtungen beliefert werden“, kritisiert Christoph Leng. „Vor 20 Jahren haben wir dafür gekämpft, dass wir von den Caterern weg kommen. Das sind drei Schritte zurück“, findet die neue Vorsitzende des Stadtelternbeirats der Kindertagesstätten, Christiene Jouaux-Frönd.

Klage in Kassel

Auch die Anfang des Jahres in Kraft getretene Gebührenordnung für Kindertagesstätten kritisieren die Elternvertreter weiterhin. Mittlerweile haben sie genug Geld gesammelt, um dagegen eine Normenkontrollklage am Verwaltungsgerichtshof in Kassel zu erheben. Sozialdezernent Axel Imholz hat jedoch noch ganz andere Sorgen. Schließlich reicht es nicht, Betreuungsplätze zu schaffen. Man braucht auch staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher, die in den derzeit 175 Kindertagesstätten in Wiesbaden arbeiten. „Die Neubesetzung von Stellen wird schwieriger. Manche Einrichtungen finden über Monate hinweg niemanden“, bedauert Axel Imholz. 58 Arbeitsplätze für Erzieher hat die Agentur für Arbeit im November im Angebot. Alleine für die 1.500 Krippenplätze, die bis 2016 entstehen sollen, werden 300 neue Fachkräfte benötigt. Und eine Studie, die die Landesregierung in Auftrag gegeben hat, rechnet im Schuljahr 2013/2014 mit 550 fehlenden Erzieherinnen und Erziehern in Wiesbaden. Nicht nur mehr Männer, sondern auch mehr Frauen werden deshalb dringend benötigt. Doch der Weg ist weit: Grundvoraussetzung ist die Mittlere Reife. Dann folgt die zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten, die an der Louise-Schroeder-Schule absolviert werden kann. Mit diesem Abschluss kann im Kindergarten gearbeitet, aber keine Gruppe geleitet werden. Zum staatlich anerkannten Erzieher fehlen noch drei Ausbildungsjahre. Zwei davon auf einer Fachschule wie in der Louise-Schröder-Schule. Anschließend gilt es noch das Anerkennungsjahr in einem Kindergarten zu absolvieren. Maximal 75 neue Fachkräfte verlassen am Ende dieses Schuljahres die Fachschule. „Wenn alle ihre Prüfungen bestehen“, betont Leiterin Friederike Feyder-Sommer.

Immerhin gibt es seit diesem Schuljahr eine neue Klasse mit einem berufsbegleitenden Angebot für 25 weitere Schüler. Voraussetzung sind Erfahrungen in der Arbeitswelt, die durch eine Berufsausbildung oder dreijährige Arbeitspraxis erfüllt werden können. Außerdem pädagogische Vorkenntnisse, wie etwa als Übungsleiter in einem Sportverein. Interessierte Kandidaten müssen außerdem eine Zusage für eine halbe Stelle in einer Kindertagesstätte haben. Dort sammeln sie drei Jahre lang zweieinhalb Tage pro Woche praktische Erfahrungen. Den Rest der Zeit gehen sie zur Schule. Auch sie müssen im Anschluss noch ein Anerkennungsjahr absolvieren, das bei entsprechenden Leistungen auf sechs Monate reduziert werden kann. „In der Teilzeitklasse haben wir ein Drittel Männer. Ich hoffe, dass es so weiter läuft“, freut sich Friederike Feyder-Sommer. Das Projekt „MEHR Männer in die Kitas“ will aber nicht nur für den Beruf des Erziehers werben.

Gezielte Väterarbeit

„Wir machen gezielte Väterarbeit, damit die Frauenkultur aufgebrochen wird“, betont Dagmar Hansen von der Steuerungsgruppe des Projekts. Zum Beispiel verbringen Kinder und Väter ein Wochenende im Erlebnisgarten, damit sie anschließend gemeinsam ein Barfußpfad oder ein Weiden-Tipi in der Kita bauen können. Andernorts sollen Kinder und Väter gemeinsam an einem alten Bus schrauben. In Vorbereitung ist außerdem ein Projekt, das Mitarbeitern von Wiesbadener Unternehmen eine Woche lang Einblick in die Arbeit einer Kita vermitteln soll. „Damit die sehen, dass das kein Ort der Aufbewahrung, sondern der frühkindlichen Bildung ist“, betont Dagmar Hansen. Denn nur, wenn sich das gesellschaftliche Bild der Kitas wandelt, bleiben Männer wie Andreas Rulff in der Kinderbetreuung keine Exoten.

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