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Lebenswege: Gianfranco Amato, Barkeeper und vieles mehr – Nicht hadern, sondern machen

In seinem, oder besser gesagt, in einem Element – Gianfranco Amato ist Barkeeper, aber auch noch vieles mehr.

Von Julia Bröder. Fotos privat.

Das Schicksal legte Gianfranco Amato ein paar Steine in den Weg. Wenn sich ein Weg versperrte, wählte er halt einen anderen.

Mit einem Wort lässt sich kaum beschreiben, was Gianfranco Amato beruflich macht. Er ist Barkeeper, klar- und: Kreativer, Unternehmer, Spirituosenhersteller – und ein bisschen auch Psychologe. „Viele Leute denken, es sei so einfach, ein paar Zutaten zusammen zu mixen und das Ganze kurz zu schütteln“, sagt der 36-Jährige. Dabei steckt viel mehr dahinter, jedem Gast den richtigen Drink zu servieren.

Amato mag es, herauszufinden, zu wem zum Beispiel etwas Herbes passt, und wer es eher süß mag. Er kann zu jeder der unendlich vielen Flaschen, die hinter seiner Bar stehen, eine Geschichte erzählen. Sein Wissen hat sich der heutige Besitzer der Manoamano Bar mit Leidenschaft und über viele Jahre in der internationalen Gastro-Szene angeeignet.

Von der Mutter die verrückte, vom Vater die ruhige Ader

Gianfranco Amato wuchs im Wiesbadener Westend mit seinen Eltern, gebürtige Italiener, und zwei Geschwistern auf. Mit seiner Familie trifft er sich noch heute jeden Sonntag zum Essen – von der Mutter habe er die verrückte, von seinem Vater die ruhige Ader, lacht er. Nach dem Realschulabschluss an der Albrecht-Dürer-Schule wollte er eigentlich Fotograf werden, eine Rot-Grün-Sehschwäche hinderte ihn daran. Amato ist nicht der Typ, der so etwas als Schicksalsschlag bezeichnen würde. Statt zu hadern, suchte er neue Wege, kreativ zu sein und fand eine Ausbildungsstelle als Restaurantfachmann auf Schloss Rheinhartshausen in Eltville. Das klingt klassisch – der weitere Weg von Gianfranco Amato sollte aber zeigen, dass in der Gastronomie Gestaltungstalent und Ideen durchaus gefragt sind.

Entscheidungen für Neues, nicht gegen Altes

Nach der Ausbildung zog es Amato erst einmal weg aus Wiesbaden. Auf eine Zwischenstation im Hamburger Atlantikhotel („Mit Hamburg wurde ich nie richtig warm“) folgte eine Stelle in Italien. Er habe sich als Sohn eingewanderter Italiener in Deutschland zwar nie fremd gefühlt. Trotzdem war die Zeit in Italien eine Art nächstes Level. Beide Sprachen fließend beherrschend, war er für die Hotelbar in Livorno, in der er arbeitete, der perfekte Mann. Warum er dann trotzdem nach zwei Jahren weiter zog? „Ich hatte Lust, auf eine richtig coole angesagte Bar“, so Amato. Es ist ihm wichtig, dass seine Ortswechsel immer freiwillig waren. Es passt zu seinem Naturell, Entscheidungen FÜR etwas Neues und nicht GEGEN etwas Altes zu treffen. In diesem Fall hieß das gewählte Ziel Hangar 7 in Salzburg, Österreich. „Hier habe ich, gelernt, was echte Innovationen an der Bar sind. Die Leute vom Hangar 7 waren die ersten, die beispielsweise mit Zitronengras experimentiert haben“, schwärmt Amato. Das hat ihn geprägt, und die Einflüsse sind auch heute in seinen Cocktails zu finden.

Ibiza-Lektion: Respekt für jeden

Gianfrancos sorglose Art hat dazu beigetragen, dass er heute erfolgreicher Unternehmer ist. Er hat Dinge ausprobiert, die sich andere womöglich nicht trauen würden. Zum Beispiel, ohne Wohnung und Job nach Ibiza zu ziehen. „Weil ich Lust auf Sonne und Party hatte.“ Er arbeitete in verschiedenen Clubs und lernte, wie er sagt, „jeden Menschen mit Respekt zu behandeln und so zu nehmen, wie er ist.“ Dabei heißt sorglos nicht planlos oder gar naiv. Nach den zwei Jahren in Ibiza, in denen er übrigens fließend spanisch lernte, ging Amato in die Schweiz. Mit dem „guten Geld“, das er dort verdiente, erfüllte er sich unter anderem einen großen Wunsch und ließ sich die Augen lasern.

Die Berge aber hätten ihn „erdrückt“, und so kehrte er wieder in die Heimat zurück. Eine Zeit lang arbeite Amato noch als Barkeeper in Frankfurt und Wiesbaden, liebäugelte aber immer mehr mit einem eigenen Laden. Eine Kündigung mit folgender Arbeitslosigkeit, gepaart mit einem gerade freiwerdenden Café in der Taunusstraße, waren im Frühjahr 2010 die perfekte Gelegenheit. Amato verbrachte ab sofort quasi sein Leben dort und machte die Adresse, nicht zuletzt auch als Gründerpreis-Gewinner 2010 in der Kategorie „Gründung aus der Arbeitslosigkeit“, nach und nach vom Café zu einer der angesagtesten Cocktailbars in der Stadt.

Tinder & Co verändern Ausgehverhalten

Seit 2014 schenkt er hier seinen selbst kreierten Gin aus, der längst auch in Gastronomie und Einzelhandel gefragt ist, seit anderthalb Jahren gibt es bei „Manoamano“ auch Pizza. Ein Angebot, mit dem der Gastronom auf den Wandel in der Ausgehkultur reagiert. Denn ja: Seit Tinder & Co kämen die Menschen tatsächlich weniger in Bars und tränken auch weniger Alkohol.

Der Charme der dunkel und stylisch eingerichteten Bar zieht trotzdem noch genug Gäste an. Als Nachtmensch steht der Inhaber auch selbst noch gerne hinter der Theke – in vielen Nächten kümmert er sich aber auch um seine vier Monate alte Tochter. Am 18. April feiert das Manoamano coronabedingt leider nicht wie vorgesehen seinen 10. Geburtstag mit einem Aufgebot an angesagten DJs und Barkeepern aus der ganzen Stadt und der gesamten Region. Ein Freundschaftsdienst unter Kollegen wäre es gewesen – und wird es hoffentlich bei einem Nachholtermin -, sagt Gianfranco Amato, denn: „Mit Konkurrenzdenken kommt man in der Bar-Szene nicht weit.“

In Corona-Zeiten bietet Gianfranco in seiner Manoamano-Bar Pizza- und auch Amato und Mio Gin-Lieferservice an. Solange Vorrat reicht, gibt es auch den April-sensor als Beilage. Infos und Bestellungen hier.

Gianfranco im Videoporträt vor fast 10 Jahren als Gewinner des Gründerpreises Wiesbaden in der Kategorie „Gründung aus der Arbeitslosigkeit“