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Mit grünem Faden – Wiesbadener machen Mode mit gutem Gewissen

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Von Sabine Eyert-Kobler. Fotos Arne Landwehr.

Fernab von Paris, Mailand oder Berlin lässt sich auch in Wiesbaden eine beachtliche Modeszene finden. Viele Designer unserer Stadt produzieren Mode nicht nur mit guten Ideen, sondern auch mit gutem Gewissen – dank ihres auffallend ausgeprägten ökologischen und sozialen Bewusstseins. In unserer September-Titelstory stellen wir einige der interessantesten Akteure, Modemacher und Shoppingziele vor.

Heiko Jourdan wollte schon immer ein Geschäft haben, in dem Männer gerne einkaufen. Ein Geschäft eben, in dem „Mann“ vom Pyjama über die Unterwäsche bis hin zum Maßanzug alles bekommen kann. Dabei greift er auf eine riesige Stoffauswahl (über 5.000) des belgischen Stoffhauses Scabal zurück: „Mode ist das, was man selber trägt.’“, zitiert er Oscar Wilde. „Produziert wird ausschließlich in Deutschland“, ist ihm daran gelegen, Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern Der 41-jährige Quereinsteiger eröffnete nach 16-jähriger Selbstständigkeit in verschiedenen Positionen im Dienstleistungssektor – vom Projektleiter bis hin zum Möbelbauer – 2008 sein Atelier Jourdan, das seit März 2010 im „Altstadtschiffchen“ in der Wagemannstraße zu finden ist. „Ich möchte mit Leidenschaft und Engagement für mehr Selbstbewusstsein im Kleiderschrank der Herren sorgen“, bringt er seine Geschäftsidee auf den Punkt. Sein Kundenkreis ist breit gefächert: „Ich durfte Kunden im Alter von 10 bis über 80 Jahren beraten und einkleiden – manche mit genauen Vorstellungen und einem ganz eigenem Stil, andere eher auf der Suche nach einer guten Beratung zur Entwicklung eines solche.“ Manche Herren kämen aufgrund ihrer Figur auch nicht so gut mit der Kollektionsware zurecht. „Für mich wird Mode spannend, wenn Sie das Individuum in den Mittelpunkt stellt und wir uns nicht uniformieren oder in genormte Größen quetschen müssen.“ Das kommt auch bei der weiblichen Begleitung gut an. So kann „frau“ seit einiger Zeit bei ihm ebenfalls maßgeschneiderte Hosenanzüge und Kostüme ordern.

Mode mit Swing

Bei Janet Seifert und Kai Unger führte die Liebe zum Swing zur Inspiration einer eigenen Kollektion. Die beiden hoben im Juni 2009 das Label Vecona Vintage aus der Taufe: „Die Mode aus den 1920er bis 1940er Jahren fehlte komplett.“ Den ursprünglichen Look haben sie modernisiert und die Schnitte auf Figur gebracht. „Wir kooperieren mit einer Mainzer Reha-Werkstatt. Dort wird, unter Anleitung einer professionellen Schneidermeisterin, die komplette Herrenkollektion genäht.“ Janet und Kai zeigen ihre Kollektionen im Salon und „Showroom“ in Biebrich in der Adolf-Todt-Straße. Präsenz und Engagement zeigen sie auch bei passenden Events wie der im Frühjahr stattfindenden „decaDance“, beim weltgrößten Swing-Festival im schwedischen Herräng oder bei den Bohème Sauvage-Partys der Berlinerin Else Edelstahl (am 3. November erneut im Thalhaus).  „International haben wir in London mit Revival Retro in der Carnaby Street einen Vertriebspartner,“ berichtet Janet. „Unsere Kollektionen basieren auf klassischen Schnitten und Materialien, die unabhängig von Trends funktionieren und sich immer wieder neu kombinieren lassen. Damit wollen wir auch der aktuellen Wegwerfgesellschaft entgegen wirken“, legen sie Wert auf Nachhaltigkeit.

Lieber in Wiesbaden Nische füllen als in Berlin eine von vielen sein

Birgit Fligge hat im Dezember 2002 ihr Modelabel meelbiin erschaffen: „Durch die Kombination von Modedesign und Handwerk, Styling und Nähkursen stehe ich jeden Tag immer wieder vor neuen Herausforderungen.“ Auch sie lässt ihre Kleidung vor Ort produzieren, in einem kleinen Schneideratelier „um die Ecke“. „Mit meelbiin kann ich meine eigenen Ideen umsetzen und das realisieren, was ich selbst ‚auf der Stange’ vermisse. Wenn das Drumherum stimmt, bin ich auch bei Aktionen vor Ort, wie zum Beispiel dem Taunustraßenfest.“ In ihren Nähkursen gibt sie dann ihr eigenes Wissen weiter: „Es ist toll für mich, den derzeitigen Trend ‚zum Selbstgemachten’ zu unterstützen.“ Als gebürtige Wiesbadenerin möchte sie genau hier eine Nische füllen und nicht eine von vielen sein, auch wenn man im Ausland oder in Berlin ein größeres Netzwerk habe: „Ich kann sozusagen meine Mode von Wiesbaden aus ‚in die Welt tragen lassen’.“ Mode ist für sie in erster Linie ein Ausdruck eines Lebensgefühls und einer Stimmung. Man könne sich damit hervorheben und den Typ unterstreichen oder eben auch verstecken und unscheinbar machen. In gewissen Kreisen der Wiesbadener Szene herrsche nach wie vor der Dresscode: Viel Marke und hohe Preise. „Umso größer ist dann meine Freude, wenn ich Gleichgesinnte treffe, die ich anziehen kann.“ Aktuell arbeitet sie an einem eleganten, legeren Jerseykleid aus Stoffen, die sie in Lissabon gefunden hat. Parallel dazu stattet sie eine Frankfurter Bar mit textilen Interieur aus. „Generell denke ich, dass der Modetrend sich immer mehr in die Richtung ‚alles ist möglich’ weiter entwickelt. Der Stilmix wird immer größer. Man kann tragen und kombinieren, was einem gefällt – je eigenwilliger, desto besser. Und das ist gut so!“

Fiktive Familie lebt Label

Das Label soar gründete Ariane Höfer im Herbst 2002. Die Designerin war Teil der Jungdesignerförderung von MTV (MTV Designerama). Ihre Marke steht für feine Accessoires wie Haarbänder („die sind der Dauerrenner“) und Kragen, die seit Jahren hauptsächlich in Berlin und München verkauft werden. Vier Jahre später folgte das Kindermode- und Accessoirelabel Kinkers Litzchen. Dahinter verbirgt sich die fiktive Familie Kinker, die mit viel Liebe und Sinn für das Detail schöne Dinge für Zuhause fertigt. Drei Wiesbadener „Omis“, die Mutter und Schwiegermutter von Ariane sowie eine „Zufallsbekanntschaft von der Straße“, produzieren bunte Mützen, Röcke und Pullover sowie handgestrickte Decken, Kinderzimmerteppiche und Sitzkissen aus gerissenen Stoffteilen. Parallel dazu ist Ariane seit 2010 als Dozentin an verschiedenen Kunstschulen tätig und gibt Nähkurse für Mütter und Kinder: „Dieses Angebot boomt total. DIY (Do it yourself) ist nicht nur in den USA ein großer Trend.“ Auch für sie steht die Wiederverwertung von Materialien an oberster Stelle. „Ich bekomme regelmäßig aus meinem Bekanntenkreis ausrangierte Kleider.“ Die Kinderhose hat sie zum Beispiel aus einem Herren-Baumwollhemd gefertigt: „Vielleicht gibt ja es ja wirklich einen Wandel hin zu einem bewussten Umgang mit allen Ressourcen. In der Mode träten dann Aspekte wie Qualität, Ökobilanz und sympathisches Unternehmertum in den Vordergrund – als Gegenmodell zu den auf Gewinnmaximierung angelegten Großkonzernen.“  In Wiesbaden findet man sowohl soar als auch Kinkers Litzchen bei „Was kann schöner sein“ am Wallufer Platz sowie im Friseur Schnittpunkt in der Westendstraße.

Ökologisch korrekter Filz

Im Januar dieses Jahres eröffnete Katja Kuznetsova ihr Kreativstudio namens „Felt in Fashion“ am Bismarckring 36: „Ich bin froh, dass ökologisch korrekte Mode immer beliebter wird. Immer mehr Menschen denken darüber nach, unter welchen Bedingungen etwa ihre Kleidung im Ausland hergestellt wird.“ Beim Kreieren ihrer Modelle, von Kopfbedeckungen und Schals über Tops, Röcke, Kleider bis hin zu Schmuck und Accessoires, verwendet sie neben schadstoffreien Stoffen eine spezielle Filztechnik und übersetzt diese in ein modernes und zeitgemäßes Modedesign. Die Verbindung vom archaischen Handwerk mit modernen Techniken lässt nicht nur einzigartige  Oberflächenstrukturen entstehen, sie erlaubt auch die nahtlose Schaffung von verschiedenen Formen. „Mich haben Farben, Formen und Strukturen schon immer begeistert,“ erläutert die Mode- und Textildesignerin aus Russland, die über Schweden und Mainz nach Wiesbaden kam. „Ich kreiere von Hand gefertigte Einzelstücke für anspruchsvolle Leute, die ihre Individualität unterstreichen möchten. Filz hat eine herrliche Struktur und sorgt für eine perfekte Passform.“ Katja, die ebenfalls Kurse anbietet, hat ihre eigene Vision von Mode und sieht ihre Hauptaufgabe darin, eine Frau (noch) schöner und individueller zu machen: „Man kann sagen, Wolle in der Hand einer Filzerin oder eines Filzers ist wie Ton in der Hand eines Bildhauers.“

Auch Angelika Platte setzt auf ökologisch sinnvolle, bequeme und hochwertige Kleidung. Die studierte Kommunikationsdesignerin, die sich nach Jahren in der internationalen Werbebranche im Oktober 2008 als Modedesignerin selbstständig gemacht hat, bietet mit Chichino in der Taunusstraße „urbane Mode ohne Chichi“. „Darunter verstehe ich wertvolle Kleidungsstücke, die keiner modischen Halbwertzeit unterliegen, mit hochwertigen Materialien und besonderen Design- und Verarbeitungsideen“, so die 53-jährige. Ihre Zielgruppe sind urbane Frauen jeden Alters mit Qualitäts- und Designanspruch: „Mit Kleidung kommuniziere ich Anspruch und Haltung und ich nehme eine Position ein.“

Der Schnäppchenjäger trägt Prada

Wer beim Kauf von Designerware nicht so tief in die Tasche greifen möchte, dennoch aber gerne Modelabels wie Prada, Marc Jacobs, Chanel oder Taschen von Louis Vuitton tragen möchte, ist in ausgesuchten Second Hand Läden bestens aufgehoben. Mit etwas Glück kann man zum Beispiel im Courage in der Marktstraße ein echtes Schnäppchen machen. Der Verkaufspreis für Kleider, Taschen, Schals, Kostüme oder Anzüge liegt – je nach Modell und Aktualität, bei etwa 20 Prozent des ursprünglichen Verkaufspreises. Hinzu kommt lediglich noch die Mehrwertsteuer von 19 Prozent. Inhaberin Bernarda Bole-Vekar erläutert das Besondere an ihrem Konzept: „Wird die Ware, die in Kommission vier Wochen lang in dem Geschäft angeboten wird, nicht verkauft, kann der Anbieter eine gute Tat tun. Alle Artikel, die in dieser Zeit nicht veräußert werden können, werden auf Wunsch an das Diakonische Werk Wiesbaden zur Unterstützung der Mutter und Kind-Projekte gespendet.“

Modedesignerin Inge von Poser bedient mit ihrem „Atelier zoe“ seit 1994 „selbstbewusste Frauen mit ganz eigenen Vorstellungen – darunter oft auch Bühnenmenschen, die um die Wirkung ihrer Person und ihrer Ausstrahlung wissen.“ Ihr Motto lautet: „Beauty is a thing forever“: „Gerade in einer Zeit, wo die Industriemarke regiert und individuelle Kleidung gewagt erscheint, möchte ich Frauen in ihrer jeweils besonderen Art schön machen.“ Wie die meisten Designer in Wiesbaden engagiert sie sich aktiv in dem Stadtteil, in dem sie lebt und arbeitet. „Farbe zeigen im Westend“ hieß kürzlich eine Performance, bei der Frauen, gewandet in einzigartige, farbenprächtige und stylische Kostüme der Designerin, einem „Schmetterlingsschwarm“ gleich durch das Westend schwebten.
Mit „Weiberkram de paris“ bietet Iris Schneider die neuesten Trends aus der Modehauptstadt an – 30 bis 40 Prozent günstiger als Boutiquen. Sie verkauft ihre Ware über ihren Online-Shop – oder auf Modepartys direkt bei den Kundinnen – ein Vertriebsweg, den auch die Macherinnen des Wiesbadener Labels „heimgefühl“ wählen. „Mein Anspruch ist es, Mode direkt aus der größten internationalen Modestadt der Welt zu liefern. Hier werden die Trends direkt nach den Haute Couture Shows umgesetzt und den Importeuren angeboten“, erklärt Madame Weiberkram: „Ich liefere kleine und viele Kollektionen, da ich im Jahresdurchschnitt alle zwei bis drei Wochen in Paris bin. Die Modelabels, die ich anbiete, sind in Deutschland meist unbekannt . Die großen, bekannten Marken haben alle eine Preisbindung, die ich mit meinem Konzept nicht umgesetzt kann.“ Modenschauen im Showroom in der Schützenstraße finden alle zwei Monate statt. Am Stadtfest-Sonntag wird sie auf der großen Bühne auf dem Dern’schen Gelände Modenschauen veranstalten.

Um der unmenschlichen Ausbeutung von Arbeitern im Ausland entgegenzuwirken, haben sich auch in Wiesbaden einige Fachgeschäfte angesiedelt, die ökologisch und ethisch korrekte Trend-Mode führen. Das „Organicc“ in der Wagemannstraße 2 hat sich zum Beispiel auf exklusive Fairtrade-Fashion  spezialisiert. Unter dem Motto „Trag die Welt schön!“ betreiben Irina und Gerd Palmer das Geschäft seit Mai 2010 in der Wagemannstraße und bieten Labels wie zum Beispiel Joe London, Kuyichi, Misericordia sowie Kinderbekleidung von Carboli (zertifiziert mit dem EKO Sustainable Textile Logo) an. Weitere interessante Wiesbadener Designer und Manufakturen lassen sich beim Netzwerk „ECHT Wiesbaden“ auf der Onlinepräsenz www.echt-wiesbaden.de entdecken. Dort findet man zum Beispiel auch die „Vielfalterei“ in der Kiedricher Straße, eine Werkstattgemeinschaft aus Handwerkern und Gestaltern.  Mode als Handwerk steht im Mittelpunkt bei der großen „Mode aus Meisterhand“-Couture-Schau mit Kreationen Wiesbadener Maßschneide-Ateliers am 15. September im Meistersaal der Handwerkskammer Wiesbaden.