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Osteuropäische Vielfalt – nicht nur zu goEast

 

Von Hendrik Jung. Foto Pavel Metelitsyn.

Zum 12. Mal findet ab heute das goEast-Festival des mittel- und osteuropäischen Films statt – Anlass genug, sich auf Spurensuche nach dem hiesigen Leben der Menschen aus dem ehemaligen Ostblock zu begeben.

Mitternacht im Schlachthof: Janeck Altshuler und Mustafa Kocak servieren ihr Schwarzmeer-BBQ, bei dem Gypsy-Swing auch mal zu House mutiert. Ein Hotspot osteuropäischen Lebens in Wiesbaden? Weit gefehlt. Der Großteil des Publikums ist deutsch. Genau wie beim goEast-Festival, bei dem 75 Prozent der Publikumsbefragungen von Deutschen ausgefüllt werden. „Wenn wir eine Veranstaltung für Russen machen, bewerben wir die ganz anders und dann kommen auch nur Russen“, erläutert Janeck Altshuler, dessen Familie aus der Ukraine stammt. Dem 31-jährigen geht es keineswegs darum, Pionier osteuropäischer Klangwelten zu sein. Mit Swing-Parties sei das DJ-Team ebenfalls sehr erfolgreich. Dennoch habe eine Veranstaltung wie La Bolschevita gefehlt, als er zum Studium nach Wiesbaden kam. Die meisten Osteuropäer sind schließlich erst seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in Deutschland.

Versicherung, Friseur, Arzt – vieles lässt sich auf Russisch regeln

„Es braucht 20, 30, 40 Jahre bis sich das als eigenes kulturelles Phänomen durchsetzt. Ab dem Zeitpunkt, ab dem Du – ohne Dich damit zu beschäftigen – russisches Essen finden kannst, ist man präsent. Aber das dauert Jahre“, ist Janeck Altshuler überzeugt. Der Prozess jedoch ist in vollem Gange: Ob der Besuch beim Versicherungsvertreter, Friseur oder Arzt – viele Belange des täglichen Lebens kann man auf Russisch regeln, wenn man das möchte. Was auch daran liegt, dass Wiesbaden bereits lange vor der Errichtung des Eisernen Vorhangs Anziehungspunkt für Russen gewesen ist. „In der russischen Sprache gibt es das Wort „Kurort“ und es bedeutet Kurort“, verweist Fotograf Michael Lebed auf die Geschichte der russischen Gemeinde in Wiesbaden. Zwar geht der Bau der orthodoxen Kirche auf dem Neroberg nicht, wie in anderen Kurorten, auf die steigende Zahl russischer Kurgäste zurück. Sie entstand schon Mitte des 19. Jahrhunderts als Grabkirche für die nassauische Herzogin und russische Großfürstin Elisabeth Michailowna. Dennoch lockte sie sowohl Kurgäste als auch Flüchtlinge der Oktoberrevolution hierher. Derzeit arbeitet der klassisch ausgebildete Fotograf an einem Bildband über die russisch-orthodoxe Kirche. Auftraggeber ist der Wiesbadener Verein Herus, der sich den interkulturellen Austausch zwischen Hessen und der Russischen Föderation zur Aufgabe gemacht hat.

„Ich bin gekommen als gerade Perestroika war, weil ich ein anderes Leben für meine Kinder wollte, weil ich Freiheit wollte“, erläutert der 60-jährige, dass er selbst erst seit 20 Jahren in Wiesbaden ist. „Die Stadt ist so faszinierend wie meine Heimatstadt, St. Petersburg“, bereut der Fotograf nicht, dass er sein traditionsreiches Studio auf dem berühmten Nevsky Prospekt aufgegeben hat.

Wiesbadens mit Abstand größte ausländische Bevölkerungsgruppe aus dem ehemaligen Ostblock sind die Polen. Ende vergangenen Jahres lebten hier 3.765 Menschen polnischer Staatsbürgerschaft. Dazu kommen jene, die zwar einen deutschen Pass haben, deren Wurzeln aber in Polen liegen. Allesamt potenzielle Kunden für das Smakosz („Feinschmecker“) in der Blücherstraße. „Das war einfach eine Marktlücke, es gab keinen Laden, in dem man polnische Waren kriegen konnte“, erläutert Joanna Wasiuk, warum ihr Mann das Geschäft vor bald vier Jahren gründete. Sie selbst habe die Süßigkeiten aus ihrer Heimat vermisst, die einfach anders schmecken. Auch Glückwunschkarten, Zeitungen und Zeitschriften in polnischer Sprache gehören zum Sortiment, das zwei mal pro Woche aus Polen geliefert wird. Immer häufiger kommen mittlerweile deutsche Kunden in den Laden. „Die haben im Urlaub Pirogi oder Bigos kennen gelernt und wollen das jetzt auch machen“, berichtet Joanna Wasiuk. Der absolute Renner sei jedoch die aus Polen importierte Wurst. Die russischen Supermärkte im Schelmengraben und dem Klarenthal dürfen ihre Fleisch- und Wurstwaren dagegen nicht aus Russland einführen. „Darum gibt es in Deutschland Metzgereien, die nach russischem Rezept arbeiten“, erläutert Viktor Schreder, Inhaber des Teremok. In Klarenthal entsteht rund um den Schulz-Markt derzeit sogar ein kleines russisches Zentrum. Friseursalon, Bäckerei und Reisebüro sind schon eingezogen. Für das Lokal sucht Ewald Schulz noch einen Betreiber. Auch Läden mit ungarischen und bulgarischen Lebensmitteln sind mittlerweile in Wiesbaden zu finden.

Zum heimatlichen Gefühl gehört jedoch mehr als Essen und Trinken. „Es geht vor allem darum den Kindern etwas von der polnischen Kultur zu vermitteln“, erläutert Malgonata Urbanska, warum ihre Tochter zur polnischen Schule geht. Sechzig Kinder kommen freitags nachmittags in die Räume der polnischen katholischen Gemeinde und bekommen dort auch Geschichte, Geografie und Gebräuche Polens vermittelt. „Es war mir wichtig, dass wir einen strukturierten Unterricht mit Noten anbieten“, betont Pfarrer Adam Prorok. Besonders stolz ist er darauf, dass die Note auch ins reguläre Schulzeugnis eingetragen wird. „Patricia ist es am wichtigsten ihre Freundin zu treffen“, berichtet dagegen Malgonata Urbanska, deren Tochter zu Hause ausschließlich Deutsch spreche. Das macht es den Lehrern schwer. „Der erste Schritt ist, die Kinder sprachlich auf das gleiche Niveau zu bringen. Das dauert ein halbes Jahr“, berichtet Barbara Pieknioczka, die auch für die Elterninitiative Pollingua arbeitet. Diese bietet ebenfalls einmal pro Woche Unterricht in polnischer Sprache, den aktuell 57 Schüler nutzen. In ähnlicher Form wird vom Lehrerverband Hungarolingua in Wiesbaden Samstagsschule und –kindergarten in ungarischer Sprache mit derzeit 34 Teilnehmern angeboten.

„Unsere Bemühungen für Sprache gehen in beide Richtungen“, betont der erste Vorsitzende der kroatischen Kulturgemeinde Wiesbadens, Ivica Kosak. Der Zuzug von Arbeitskräften sorge dafür, dass man Unterricht in deutscher Sprache anbiete. Auch bei Veranstaltungen des Vereins, wie anlässlich des Welttags des Buches im April, kommen beide Sprachen zu ihrem Recht. „Würden wir uns auf Kroatisch beschränken, würden wir die jüngeren Menschen verlieren, die der Sprache nicht ausreichend mächtig sind“, fügt er hinzu. Also hat man einen Autoren eingeladen, der auf Deutsch publiziert und zwei weitere, die in kroatischer Sprache lesen werden. Veranstaltungsort sind die Räume der Kroatischen katholischen Mission.

Imam kickt bei Bosna 04

Mit der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken existiert in Wiesbaden auch eine muslimische Gemeinde aus dem Bereich der ehemaligen Ostblockstaaten. Diese lädt nicht nur am 5. Mai zu Koran-Rezitationen in den Tattersall, sondern hat auch einen Fußballverein hervor gebracht. „Die Jugendlichen haben darum gebeten, dass es Sport gibt, also haben wir Bosna 04 gegründet“, erläutert Imam Fahrudin Dzinic, der selbst aktiv mitkickt. Zu seinen Mitspielern gehören auch Türken, Albaner und Deutsche. „Wir sind offen für alle, die unsere Ordnung akzeptieren“, betont der 40-jährige. Gewünscht sind Fairness gegenüber den sportlichen Kontrahenten sowie der Verzicht auf Alkohol während der Trainings- und Spielzeiten. Wer sich damit arrangieren kann, ist auf dem Sportplatz in Breckenheim herzlich willkommen. „Wenn ich eine Brücke zwischen beiden Ländern bauen kann, tue ich das“, betont auch die armenische Künstlerin Nona Gabrielyan, die seit fast zwanzig Jahren mit ihrem Ehemann in Wiesbaden lebt und arbeitet. Die Maler, die damals vor dem Karabach-Konflikt flohen, sind froh hier eine neue Heimat gefunden zu haben. Deshalb war es für sie selbstverständlich für eine Veranstaltung des goEast-Festivals den Kontakt zum Parajanov-Museum in Erewan herzustellen. Und so gibt es viele Wiesbadener mit osteuropäischen Wurzeln, die das Festival nicht nur besuchen, sondern als ehrenamtliche Helfer unterstützen, in ihren Publikationen darüber berichten oder die legendäre goEast-Party organisieren

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