Direkt zum Inhalt wechseln
|

Das große 2×5-Interview: Boris Kropp, Tätowierer, 56 Jahre

Interview: Tamara Winter. Foto Arne Landwehr.

BERUF

Du betreibst seit 17 Jahren das „Inmost Light“, eines der alteingesessenen Tattoo Studios der Stadt. Wie bist du zum Tätowieren gekommen?

Mitte der Neunziger habe ich Kommunikationsdesign studiert und das Team von „South West Tattoo“ in Biebrich kennengelernt. Sie hatten mehrere Filialen in Wiesbaden, Mainz und Hanau und organisierten die 1. Tattoo-Convention in Frankfurt. Ursprünglich sollte ich dafür Plakate entwerfen, aber dann wurde mir angeboten, das Tätowieren selbst auszuprobieren. Nach einer Weile Bedenkzeit habe ich es dann gemacht. Nun ja, und jetzt bin ich hier. Mittlerweile sind wir zu fünft: Christian, Urmel, Adrian, Big Dalla und ich. Mich reizt an meinem Job, dass man jeden Tag mit anderen Leuten zu tun hat. Es entsteht ein gemeinsamer kreativer Prozess, und wir tauschen uns zu den mitgebrachten Ideen und Wünschen aus. Die Menschen lassen uns sehr nahe an sich heran, was sehr viel Vertrauen erfordert. So können auch persönliche Beziehungen entstehen, vor allem zu den Stammkunden.

Wer lässt sich tätowieren, und gibt es Trends?

Von Polizisten über Rechtsanwälte bis hin zur Chefärztin – alle gesellschaftlichen Schichten. Bei vielen Leuten würde man sich wundern, wie es unter den Klamotten aussieht. Ganz früher waren Indianer-Armbänder sehr beliebt. Momentan geht die Tendenz hin zum Hyperrealismus und sehr klein und fein gestochenen Sachen. Wir orientieren uns im Gegensatz zum aktuellen Trend an „Bold will hold“: Damit Tattoos auch nach vielen Jahren noch erkennbar sind, brauchen sie eine gewisse Größe und klare Linien. Dann hält das auch. Nordische Symbole sind zurzeit häufiger gefragt, was auch mit der Beleibtheit der Serie „Vikings“ zusammenhängen könnte. Ich kenne ehrlich gesagt wenige Leute, die sich für ein Tattoo entscheiden und es dann dabei belassen. Andererseits ist Haut eine begrenzte Fläche. Irgendwann ist halt Schluss.

Wie hat sich die Tattoo-Szene in Wiesbaden entwickelt, was zeichnet sie aus?

Mittlerweile gibt es vermutlich über siebzig Tattoo-Studios in Wiesbaden und Umgebung, darunter auch Ketten. Allein in unserem direkten Umfeld befinden sich sechs Studios. Für die Größe und die Struktur der Stadt ist das wirklich eine nicht nachvollziehbare Menge. Da frage ich mich selbst oft, was zieht die Leute eigentlich hierher, um einen Laden zu eröffnen? Wir haben aber eigentlich keine Sorge, dass man sich gegenseitig die Kundschaft wegnimmt. Jeder Tätowierer hat seinen eigenen Stil und seine eigenen Stammkunden. Wir haben Erfahrung und trauen uns auch zu sagen, wenn gewisse Wünsche von einem anderen Tätowierer besser umgesetzt werden können.

Vor zwei Jahren wurden in der EU fast alle Tattoofarben verboten. Wie hast du das erlebt?

Das war eine schwere Zeit. Zu Pandemiebeginn mussten wir wegen Corona mit Unterbrechung fast ein Jahr zumachen. 2022 durften wir weitermachen, und genau dann kam das Farbverbot: Es war bis letztes Jahr nur noch erlaubt, mit schwarz zu tätowieren. Zum Glück arbeite ich fast immer mit schwarz und konnte möglicherweise besser weitermachen als andere.

Gibt es etwas, was du nicht tätowieren würdest?

Ganz klar, politische Sachen. Für mich ist unser Job ein Handwerk, vielleicht sogar ein Kunsthandwerk. Da haben politische Statements für mich wenig zu suchen.

MENSCH

Bist du selbst tätowiert oder hast schon mal jemanden aus deiner Familie tätowiert?

Klar, ich habe einige. Ich habe sie selbst nie gezählt. Es begann mit einem japanischen Drachen auf dem Oberarm. Zuletzt habe ich mir oberhalb meiner beiden Daumen zwei Runen, die Hugin und Munin symbolisieren sollen, stechen lassen. Die Raben Odins repräsentieren in der nordischen Mythologie den Gedanken und die Erinnerung.  Gestochen hat sie mir Tor Ola Svennevig von „Ihuda Tattoo“ in Bergen. Er macht mit seiner Technik ganz erstaunliche Arbeiten. Ich habe schon einige aus der Verwandtschaft tätowiert. Meine Schwester mehrmals. Vor kurzem meine Cousine und von einer anderen Cousine auch die Tochter. Und meine Frau. Das macht aber keinen Unterschied für mich. Die Arbeit ist die gleiche. Man muss sich mit der Beschaffenheit der Haut auskennen. Sie ist bei allen Menschen unterschiedlich. Es ist wie bei einem Maler auf verschiedenen Untergründen.

Was bedeutet dir Wiesbaden?

Ich komme eigentlich aus Mainz, aber die Architektur in Wiesbaden hat mir einfach besser gefallen. Ich zog in eine der schönen Altbauten, nicht weit von unserem bisherigen Studio am Kaiser-Friedrich-Ring entfernt. Das war etwa 2003. Ich konnte mich mit meinem eigenen Laden hier gut etablieren und bin mein eigener Chef. Eigenverantwortung ist eine große Motivation. Außerdem gibt es wenige Kilometer von der Innenstadt entfernt viel Wald. Ich gehe gerne wandern, auch direkt vor der Tür in Rheingau und Taunus, und halte mich gerne in der Natur auf.

Hast du sonst noch Hobbies?
Ich gehe so oft wie möglich auf Konzerte. Nächsten Sommer fahre ich wieder nach Bergen in Norwegen auf ein Festival, das „Beyond the Gates“. Dort ist man noch schneller im Off als in Wiesbaden. Man läuft gefühlt ein paar Meter und steht direkt im Wald. Das sind unglaubliche Landschaften. Mein Job bleibt aber meine größte Leidenschaft. Da brauche ich eigentlich keine Hobbies zum Ausgleich.

Welche Band beeindruckt dich am meisten?

Current 93 – der Name unseres Studios The Inmost Light basiert auf einem Song der Band. Sie haben einen einzigartigen Stil und begründen meiner Meinung nach ihr eigenes Musikgenre.  Man könnte es als Apocalyptic Folk bezeichnen. Bei „All the pretty little horses“ hat auch Nick Cave mitgewirkt. Ich finde sie sehr inspirierend.

Was wünschst du dir für 2024? 

Wir ziehen mit dem Studio um. Neueröffnung ist am 10. Februar in der Nerostraße 36. Lustigerweise hat zwei Häuser weiter 1997 meine Selbstständigkeit begonnen. Dort hatte ich das erste eigene Studio mit einem Kollegen. Ich wünsche mir natürlich, dass der Umzug entspannt und reibungslos über die Bühne geht. Auch dort gibt es bereits einige andere Studios. Mit denen stehen wir aber nicht in Konkurrenz. Ich wünsche mir auch, dass es wieder mehr Arbeit für alle gibt. Früher war ich manchmal für ein- bis anderthalb Jahre im Voraus ausgebucht, heute ist es deutlich weniger. Unser Material und vieles weitere wird teurer, aber ich möchte meine Preise nicht erhöhen. Jeder Mensch, der es möchte, sollte sich ein gutes Tattoo leisten können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert