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Landeshauptstadt, deine Plätze: Macht was draus! Umgesehen auf dem … Christa-Moering-Platz

Von Titus Grab. Fotos Samira Schulz.

Umgesehen auf dem … Christa-Moering-Platz. In loser Folge betrachtet und beschreibt Titus Grab Plätze unserer Stadt.

„Wieder zu den alten Schienen gehen?“ Meine zweijährige Tochter liebte diesen Ort ebenso sehr wie ich selbst. Wild überzogene Büsche, Bäume und reichhaltige Magerwiesen. Rostende Gleise, Weichen, alte Bahnsteige und Schuppenfundamente. Schmetterlinge, Kaninchen, Brombeeren und Birkenpilze wurden geboten, dazu Blätterrauschen, Abstand zum Stadtlärm, Trampelpfade und eine Prise „Abenteuer“ – in Sichtweite rückwärtiger Häuser an der Dotzheimer Straße.

Der ehemalige Güterbahnhof Wiesbaden West weicht dann dem Bedarf an Wohnraum in Gestalt des „Künstlerviertels“. Es entsteht im Jahr 2008 auf freigeräumter Fläche zwischen Baukränen, Rohbauten und einem ersten bezugsfertigen Mehrfamilienhaus der Christa-Moering-Platz als „Lebensmittelpunkt“ des Quartiers. Den „Straßenverkehr“ solle er zudem „hemmen“ (so der zuständige Stadtrat Pös damals – angesichts des reichen Parkplatz- und Tiefgaragenangebots eine mich erstaunende Absicht.) Nicht allein der Platz, auch die ringsum entstehenden Straßenzüge tragen alle Namen von Künstlerinnen ganz unterschiedlicher Genres.

Zukunft und Aufbruch

Das ganz Besondere am Tag der Einweihung: die Namenspatronin selbst ist – nahezu 92-jährig – anwesend!  Eine Ehre, die nur wenigen Personen zu Lebzeiten zuteilwird. Die Wiesbadener Malerin, Galeristin und Begründerin der Künstlergruppe 50 ist zudem die erste Ehrenbürgerin der Stadt – und die bislang einzige: Sowohl die 23 vor ihr als auch die bisher drei nach ihr mit der höchsten Auszeichnung der Stadt Geehrten waren Männer. Als Namenspatin enthüllt sie am 26. November 2008 das erste Namensschild des Viertels.  An diesem sonnigen Novembertag atmet der frisch angelegte Platz Zukunft und Aufbruch, die hier Geehrte ist freudig gestimmt.

Ein in strengem Raster gepflanzter Eschenhain von heute 22 Bäumen liegt seitlich einer zentralen, den halben Platz einnehmenden Freifläche von circa 45 x 45 Metern, die mit großformatigen Betonplatten belegt ist. Reihungen von je vier stahlblechumrandeten Staudenbeeten bilden die Abschlüsse an nördlicher und südlicher Schmalseite. Insgesamt neun Bänke und acht Steinquader aus schwarzem, poliertem Stein sind vor allem im Bereich der teilweise von Sommerhitze gezeichneten Bäume angeordnet.

„Wo sollen wir denn hin?“

Ein paar Jungs kicken ihren Ball hin und her. Eine Längsseite des Platzes nimmt ein Altenheim ein, die anderen drei Seiten begrenzen Straßen, von denen eine seit kurzem durch massive rot-weiße Barrieren abgesperrt wird, um den stark zunehmenden Autodurchgangsverkehr zu unterbinden.

Zwei Frauen unterhalten sich und berichten mir: Sie wünschen sich hier Rasen oder Wiese – die es nicht gibt – und fänden auch einen Brunnen hier gut, im Sommer sei der Platz viel zu heiß. „Nein“ sagt eine Bewohnerin, „wir sind hier nie draußen. Wo sollen wir denn hin?“ Zur Weihnachtszeit würde ein Tannenbaum am Rande der Fläche aufgestellt. Der Bäckerladen an der Ecke und danach zwei Gastronomiebetriebe konnten nicht bestehen. Nun wolle der Altenheimträger die Räume zu einer Ausbildungsstätte für Altenpfleger umbauen, ist zu hören.

Nichts von dem, was dem Viertel den Namen gab

Spuren der ehemaligen Gleisanlagen, die sich just hier einst eindrücklich auf mindestens 13 Gleise auffächerten, sind vollständig beseitigt. Sie hätten ein für eine Platzgestaltung in Wiesbaden einzigartiges Gestaltungselement sein können. Nun handelt es sich hier um ein Künstlerinnenviertel, das offiziell in der männlichen Form als „Künstlerviertel“ bezeichnet wird, und – außer einem Wandbild in einer Seitenstraße – vollkommen frei von Kunst in irgendeiner ihrer vielfältig denkbaren Formen ist! Keine Werke, keine Werkstätten an diesem Ort, nichts! Was wohl die 2013 verstorbene Namensgeberin, deren Geburtstag sich am 10. Dezember jährt, hierzu sagen würde?!

Fazit: Aufenthaltsqualität: sehr gering / Raumgefühl: kalt und ungeschützt / Optik: karg, streng, akzentarme, vierstöckige Randbebauung / Besonderheit: Die Künste kommen – entgegen ehemaliger Konzepte – auf diesem Platz überhaupt nicht vor. Dieser Platz wirkt zwölf Jahre nach seiner Eröffnung tatsächlich unfertig. / Gesamteinschätzung: Viel freie Fläche- sogar corona-kompatibel! Dieser Platz und seine Umgebung haben Potenzial.

Auf welchen Plätzen der Landeshauptstadt sollte Titus Grab sich noch umschauen? Vorschläge gerne als Kommentar oder per Mail an hallo@sensor-wiesbaden.de, Betreff: „Wiesbaden, deine Plätze“.

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