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Verborgene Welten: Irish Stepdance

Der aktuellle sensor steht im Zeichen des Sports. Damit lag ein schlechtes Wortspiel nahe, Sport vereint mit sensor macht sponsor. Gut, dass das keinem eingefallen ist, immerhin schreiben wir die Texte selbst. Ich begab mich also diesmal auf die Suche nach verborgenen Sportwelten. Tanz ist ja auch irgendwie Sport, fiel mir bald ein. So wurde ich auf „Wiesbaden tanzt“ aufmerksam: An einem Wochenende im September boten unzählige Wiesbadener Tanzstudios Unmengen oft exotisch klingender Workshops an. Ungeahnte Tanzstätten waren damit plötzlich weit geöffnet, ich brauchte nur noch einzutreten.

Am liebsten hätte ich die Veranstaltung mit dem bemerkenswerten Namen „Ladies Night – pure Pleasure“ besucht. Jene Bezeichnung, die auf gekonnte Weise mit unzureichender Information versehen wurde, hat einen wirkungsvollen psychischen Effekt: Die Fantasie ergänzt das Fehlende.

Ich wollte die Ladies, ihre pleasures und meine Fantasie dann aber doch nicht unterbrechen, man hätte mich sicher sowieso nicht hereingelassen. Ich entschied mich stattdessen für den auf anderer Ebene attraktiven Workshop „Irish Stepdancing á la Riverdance“. Der irische Steptanz ist für mich ästhetisch schwer verständlich, zumindest visuell damit das Gegenteil von „pure pleasure“. Aber Vorurteile sind bekanntermaßen zum Brechen da. Wie viele andere und im Sinne einer Schocktherapie stolperte ich also, Angstschweiß auf der Stirn, in den Workshop hinein.

Der spontane Zusammenschluss fremder Menschen ist ein spannendes Phänomen. Noch dazu in einem unverbindlichen Schnupperkurs. Es öffnet sich ein tiefer gesellschaftlicher Querschnitt. Ich möchte die Behauptung wagen, dass wir uns eigentlich gar nicht gerne in solchen Querschnitten aufhalten. Wir verharren lieber im Längsschnitt. Ich glaube, das hat irgendwie mit Angst zu tun. Andererseits sucht der Mensch, als geselliges Wesen, den Zusammenschluss. Damit entsteht ein psychisch aktiver Widerspruch, aus der schließlich jene spannungsreiche Schnupperkursatmosphäre erwächst, in der ich mich wiederfand.

Dass der gemeine irische Steptänzer in seinem hektischen Gehopse wie ein im Oberkörper gelähmtes Huhn wirkt, dem man gerade den Kopf abgeschlagen hat, ist meine persönliche Auffassung. Neben der allumfassenden Hysterie irritiert mich vor allem die Armhaltung. Militärisch an den Körper gepresst, die Faust geballt; der Oberkörper wird ausgeblendet. Eine Legende besagt, vor langer Zeit machte man das zum System, um dem englischen Tanzverbot zu entgehen. Anderen Quellen zufolge waren es die sich selbst zum Gentleman stilisierenden irischen Tanzmeister des 18. Jahrhunderts, die jede Armbewegung als „unkontrollierte Gefühlsäußerung“ verbannten und so die für feines Benehmen stehende Strenge des Irish Dancing etablierten.

Für mich ist es natürlich leicht, sich über den Tanz lustig zu machen. Ich bin nicht in Irland aufgewachsen; in seiner formalen Steifheit steht der traditionelle Steptanz in diametralem Gegensatz zu dem weichen und runden Gegenwartsgetanze, das meine Generation (und die angrenzenden) gewohnt ist. Was nicht heißt, dass es in unserer pluralistischen Gesellschaft keine modernen Äquivalente gäbe, zum Beispiel den eckigen Melbourne Shuffle der Raver (siehe Youtube). Es scheint also ein durchaus generationsübergreifendes Bedürfnis nach steifem Schnellgehopse zu geben. Das sollte man gutheißen, finde ich, es baut mehr Kalorien und Agressionen ab, als es jeder Wiener Walzer vermöchte und steht in einem angenehmen Kontrast zum aktuellen ich-ruhe-in-mir-selbst-Yogahype. Wir – vor allem ich? – brauchen nur noch eine zugehörige ästhetische Toleranz, die uns das alles auch ertragen lässt. Übrigens hat fehlende Toleranz, glaube ich, ebenfalls irgendwie mit Angst zu tun.

Man hopste also hektisch im Querschnitt, ich hopste mit, eine Stunde lang, und übte mich dabei in ästhetischer Toleranz. Schnell war meine kognitive Leistungsgrenze erreicht. Wir fassten uns an den Händen, ich fühlte mich als Teil eines Querschnitts. Immerhin.

Fiddle & Feet School of Dancing / Winkeler Straße 6 / 65197 Wiesbaden 

Martin Mengden, 27, Musiker, Flaneur und bekennender Jungjurist, öffnet in der Rubrik „Verborgene Welten“ Türen zu Wiesbadener Sub-Welten, durch die nicht jeder auf Anhieb gehen würde. Foto: Simon Hegenberg.