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Verborgene Welten: Lesesaal Hessische Landesbibliothek

Knappe zwei Jahre habe ich in der Hochschul- und Landesbibliothek gesessen und gelernt. Ich habe den Lesesaal zu meinem erweiterten Arbeitszimmer  – im Designer-Deutsch glaube ich auch co-working-space genannt – gemacht. Ich habe das sehr genossen. Die Vorherrschaft der Studenten an den Uni-Bibliotheken in Mainz war für mich auf Dauer nicht auszuhalten.

Irgendwann in diesem Jahr ereignete sich in der Hochschul- und Landesbibliothek aber ein Paradigmenwechsel. Eine einschneidende Richtungsentscheidung des Direktoriums veränderte alles auf einen Schlag: Die Zeitungsleser wurden aus dem Lesesaal verbannt.

Der Zeitungsleser, um es vorab mal ein bisschen zu pauschalisieren, ist ein besonderer Typ Bibliotheksbenutzer. Er hat zum Beispiel einen Gehfehler oder führt Selbstgespräche, flucht unwillkürlich beim Lesen oder riecht nach Schweiß oder Alkohol, schnauft beim Lesen wie eine sowjetische Eisenbahn oder streitet sich um die aktuelle FAZ. Mancher geht zwischen den Artikeln auch Flaschen sammeln. Ein ganz normaler Mensch eben, der Zeitungsleser.

Die Zeitungsleser müssen jetzt, das ist die Entscheidung der Bibliotheksleitung, buchstäblich einen Stock tiefer lesen, an vier Holztischen neben der Ausleihe. Das hat den Charme der Wiesbadener Stadtbücherei. Also keinen. Jedenfalls im Vergleich zu dem 1913 erbauten, in elegant dunklem Massivholz gehaltenen Lesesaal. Die Zahl der Zeitungsleser, so wirkt es auf mich, hat sich seitdem deutlich verringert. Ich würde da auch nicht mehr lesen.

Das klingt alles vielleicht nach einem unspektakulären Detail. Das ist es aber nicht. Ich finde, darin ist etwas Grundsätzliches angelegt.

Über das Outsourcing der Zeitungsleser kann man sich als eifriger, störanfälliger Student natürlich freuen. Wahrscheinlich findet man jetzt auch leichter einen guten Platz. Ich, für meinen Teil, bedauere die Entscheidung. Die Landesbibliothek war einer dieser seltenen Melting Pots: Hier trafen Obdachlose auf Anwälte, Rentner auf Schüler und Medizinstudenten, Alte auf Junge, Arme auf Wohlhabende, Kranke auf Gesunde. Das ist jetzt vorbei. Die Atmosphäre im Lesesaal hat sich rapide verändert. Muffige Geruchswolken gibt es kaum noch. Jetzt dominieren hübsche, konzentrierte Studentengesichter an durchtrainierten, zurechtgemachten Körpern. Die Charaktergesichter der Zeitungsleser sehe ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an sie.

Zum Beispiel gab es da den bärtigen, Bill-Cosby-Pullover tragenden, stets ausladend hustenden Grantler, der im Lesesaal gerne fluchte, wahrscheinlich um etwas auf sich aufmerksam zu machen. Es gab den drahtigen, leicht hinkenden, sehr konzentriert wirkenden älteren Asiaten, der die Zeitung immer leise vorlas, wenn ich neben ihm saß. Und den mützentragenden Wiesbadener-Kurier-Experten, der seiner Trinkfreudigkeit äußerst effektiv und für niemanden sichtbar (nur riechbar) irgendwo im Spindbereich nachging. Wenigstens ein Charakter ist, Gott sei Dank, geblieben: Der selbstauserkorene sächsische Hausmeister ermahnt mich immer noch gerne auf dem Klo, für das Händeabtrocknen nur ein Papierhandtuch zu verwenden.

Mir gefällt diese neue Privilegierung nicht. Die so genannten Eliten werden offen bevorzugt. Kulturgüter von Stadt und Land sollten jedem zugute kommen, zumal wenn sie öffentlich zugänglich sind. Ich finde es zum Beispiel gut, dass das ehemalige Palast Hotel am Kranzplatz immer noch Sozialwohnungen beherbergt und der Bau noch nicht an Investoren verkauft wurde, die darin teure „Appartements im gehobenen Stil“ installieren.

Überhaupt finde ich, wir brauchen mehr öffentliche Orte und Institutionen, an beziehungsweise in denen man noch unbehelligt trinken und stinken kann. Je länger ich so darüber nachdenke, desto mehr bin ich dafür, die nächste Gibber Kerb auf das Bowling Green zu verlegen. Die Würstchenbuden könnte man im Kurhaus aufstellen. Auch die Schießstände würden sich im Übrigen wunderbar in den Friedrich-von-Thiersch-Saal einfügen.

In die Bibliothek gehe ich übrigens immer noch.

Hochschul- und Landesbibliothek / Rheinstraße 55-57 / 65185 Wiesbaden / Montag bis Freitag 9 bis 19 Uhr, Samstag 9 bis 16 Uhr

Martin Mengden, 26, Musiker, Flaneur und bekennender Jungjurist, öffnet in der Rubrik „Verborgene Welten“ Türen zu Wiesbadener Sub-Welten, durch die nicht jeder auf Anhieb gehen würde.

Foto: Ben Schroeter

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