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Wenn das Immunsystem sich langweilt – Experten-Interview zum 1. Allergie-Patiententag

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Interview: Dirk Fellinghauer

Im Rahmen des 9. Allergiekongresses findet am Samstag, 4. Oktober,  erstmals ein Allergie-Patiententag im Rathaus statt. Die Veranstaltung gibt von 9.30 bis 15 Uhr bei freiem Eintritt einen breiten Überblick über die Behandlungsmöglichkeiten bei allergischen Erkrankungen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten bzw. -intoleranzen. Im sensor-Interview erklärt Kongresspräsident Prof. Ludger Klimek (Foto), Leiter des Zentrums für Rhinologie und Allergologie Wiesbaden, wie der Patiententag zustande kam und welche neuen Entwicklungen es bei Diagnose und Behandlung von Allergien gibt.

Wie kamen Sie auf die Idee, erstmals einen Allergie-Patiententag in Wiesbaden durchzuführen?

Der Allergiekongress, eine jährliche Tagung der Allergiespezialisten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, findet in diesem Jahr wieder in Wiesbaden statt. Dort wird alles rund um das Thema Allergiebehandlung besprochen. Da liegt es nahe, dass wir die dort versammelten Experten gebeten haben, auch für die Patienten zur Verfügung zu stehen und mit uns einen Patiententag durchzuführen.

Um was geht es auf dem Patiententag?

Allergien sind sehr vielfältig, das reicht von Heuschnupfen bis zu Allergien, die sich an der Haut abspielen, von Nahrungsmittelallergien und Asthma bis zu Insektengiftallergien. Experten aus den verschiedensten Bereichen gestalten ein Programm, bei dem für jeden Allergiker etwas Interessantes dabei ist – und zwar in einer inhaltlichen Qualität, die nur möglich ist, weil alle wichtigen Experten zum Kongress zusammenkommen, rund 1200 Allergologen treffen sich in Wiesbaden.

Was erfahren die Besucher auf dem Patiententag, was sie sonst nicht erfahren würden?

Wir haben festgestellt, dass viele Dinge, viele Erkenntnisse und Fortschritte, die wir in der Forschung bereits für selbstverständlich halten, bei den Patienten noch nicht so bekannt sind. Es gibt zum Beispiel neue Untersuchungsverfahren.

Welche denn?

Eines der größten Probleme sind Nahrungsmittelallergien. Hier gibt es aber glücklicherweise große Fortschritte in der Möglichkeit, Betroffene zu untersuchen. In speziellen Laborverfahren lässt sich wesentlich genauer feststellen, auf welche Moleküle jemand allergisch ist. Somit lässt sich feststellen, ob eine echte Allergie oder Kreuzreaktion auf das Nahrungsmittel vorliegt. Viele Patienten haben auch gar keine Allergien, sondern sogenannte Intoleranzen oder Pseudoallergien. Die genaue Diagnose ermöglicht dann auch besser zu helfen.

Und die Behandlungsmöglichkeiten?

Auch hier machen wir Fortschritte. Immuntherapien schaffen es zum Beispiel, das Immunsystem so zu aktivieren, dass es sich selbst besser helfen kann. Auch in vielen anderen Bereichen gibt es große Fortschritte. Neue und bessere Medikamente, biologische Therapiepräparate. Aber es dauert eben, bis es sich durchsetzt und beim Patienten ankommt.

Klingt nach einem spannenden Feld voller rasanter Entwicklungen.

Es entwickelt sich sehr schnell. Allergien sind eine Immunerkrankung. Das Immunsystem ist einer der Bereiche der Medizin, wo wir ständig noch wahnsinnig viel dazu lernen. Bei einem Großteil der Erkrankungen ist das Immunsystem der Schlüssel zum Behandlungserfolg. Es gibt Fortschritte bei den Möglichkeiten, das Immunsystem zu aktivieren. Dies kann sich auch in anderen Bereichen wie in der  Behandlung von Krebs oder Autoimmunerkrankungen positiv auswirken. 

In Wiesbaden betreiben Sie ein Studienzentrum.

Ja, das gibt uns die Möglichkeit, neue Behandlungsmethoden unseren Patienten sehr frühzeitig anzubieten, und noch dazu kostenlos. Wir können neue Behandlungsmethoden frühzeitig erforschen und haben auch schon selbst Behandlungen entwickeln. Ich lade alle Allergiker ein, einfach mal vorbeizuschauen. Vielleicht ist ja gerade für sie etwas Passendes dabei.

Nehmen Allergien generell zu?

Ja, Allergien nehmen weiterhin zu, die Tendenz ist seit drei, vier Jahrzehnten anhaltend. Heute spüren wir vor allem eine Zunahme von Allergien bei Kindern und, das ist ganz neu, bei älteren Patienten. Früher war es jenseits der 50 oder 60 sehr unwahrscheinlich, eine Allergie  zu bekommen. Heute bekommen viele Patienten erst in diesem Alter eine Allergie.

Wie kommt das?

Dieses Phänomen lässt sich bisher nicht erklären.

Wie kommt es überhaupt zu Allergien?

Das Immunsystem wird offensichtlich in bestimmten Bereichen zu wenig gefordert und stimuliert. Dadurch treten Fehlfunktionen auf. Das Immunsystem sucht sich dann neue Betätigungsfelder. Teilweise hat der Körper auch zu wenig Kontakt zu „guten“ Bakterien und Mikroben, die den Menschen schon seit tausenden von Jahren umgeben haben. Für unsere Vorfahren war das anderes. Der enge Kontakt zur mikrobiellen Umgebung ist verloren gegangen. Das führt dazu, dass unser Immunsystem sich zu wenig damit auseinandersetzt. Das Training fehlt. Deshalb ist der wichtigste Ansatz in der Behandlung von Allergien, das Immunsystem wieder aufzutrainieren. Dabei ist ein wichtiges Forschungsfeld, wie wir verhindern können, dass Patienten überhaupt Allergien  bekommen. Die Frage: Wie kann man gezielt auf das Immunsystem einwirken und es trainieren, damit Fehlreaktionen wir Allergien verhindert werden? Dieses Thema werden wir auf dem Kongress intensiv behandeln.

Welche Ansätze gibt es in diese Richtung?

Studien zur Allergieentwicklung unter verschiedenen Lebensbedingungen zeigen ganz unterschiedliche Raten an Allergieentstehung. Es gibt Untersuchungen. Wenn zum Beispiel im Allgäu eine Mutter ihr Baby sozusagen direkt aus dem Kreißsaal im Maxi Cosi in den Kuhstall stellt, kommt es zu deutlich weniger Allergien. Die Idee ist nun, die entsprechenden Stoffe zu isolieren und Kindern entsprechende immunaktivierende Bestandteile zu geben.

Die Vorträge beim Allergie-Patiententag sind recht eng getaktet. Bleibt da für Besucher auch Zeit, ihre persönlichen Probleme und Fragen anzusprechen?

Sicher wird nicht zu jedem Thema die ganze Zeit über nur vom Experten geredet. Es gibt die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Auch abseits der Vorträge unter vier Augen, wenn man seine persönlichen Anliegen nicht vor Publikum erzählen will.

Kommen auch alternative Behandlungsmethoden zur Sprache, oder handelt es sich um eine reine Schulmedizin-Veranstaltung?

Es geht um alles, um das Beste aus allem. Bei bestimmten Erkrankungen gibt es auch gute Behandlungen mit Akupunktur oder zum Beispiel Darmsanierung. Teilweise gibt es da wirklich gute Ansätze, das wird genauso dargestellt, auch Themen wie Traditionelle Chinesische Medizin. Für Patienten ist es nicht leicht zu überblicken, wo es sinnvoll ist und wo nicht. Es ist nicht in allen Bereichen angezeigt, bei manchen ist es gut, bei anderen weniger. Wo die Wirkung nachgewiesen ist, müssen wir natürlich offen sein, aber grundsätzlich muss sich jeder – ob Schulmedizin oder alternative Methoden – unter strengsten Kriterien messen lassen.

Kann der Mensch selbst etwas tun, um Allergien vorzubeugen?

Alle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Entstehung von Allergien relativ früh im Leben festgelegt ist. Grundsätzlich ist es gut, einen gesunden Umgang mit Dingen zu finden, die uns im Leben umgeben. Zu den Dingen, die wir als hilfreich erkannt haben, gehören eine ausgewogene Ernährung und alles, was das Immunsystem stimuliert – also viel draußen bewegen, Kontakt zu Erde und eine natürliche Lebensweise können hilfreich sein. Und man sollte nicht bei jedem Infekt gleich zu Antibiotika greifen, andererseits aber bei starken Infektionen mit gefährlichen Keimen auch nicht zu lange damit warten. Hier haben wir in Deutschland aber schon viel dazu gelernt, der Antibiotikaverbrauch ist einer der niedrigsten in ganz Europa.

Letzte Frage – ist der Allergiekongress, und damit auch dieser Patiententag, eine einmalige Sache, oder sollen weitere folgen?

Der Kongress findet bisher in verschiedenen Städten in Deutschland statt. Zuletzt war er aber vor drei Jahren schon einmal in Wiesbaden. Unser Ziel ist es, den Allergiekongress ähnlich wie den Internistenkongress regelmäßig in Wiesbaden stattfinden zu lassen. Hier laufen momentan Verhandlungen mit dem Kurhaus und der Stadt. Dann soll auch der Patiententag eine regelmäßige Einrichtung für die Bürger in Wiesbaden und Umgebung werden.

Alle Informationen und Programmflyer gibt es hier. Wer sich für die Teilnahme an klinischen Studien interessiert, kann sich hier informieren.

Zur Person: Professor Dr. Ludger Klimek hat Humanmedizin an der RWTH Aachen, in Sydney und New Orleans studiert. Er ist Facharzt für HNO-Heilkunde, Zusatzbezeichnung Allergologie, Umweltmedizin, Plastische Operationen. Seit 1999 leitet er das Zentrum für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden.

Er ist Preisträger des Dr.-Karl-Heyer-Förderpreises für Allergieforschung und Herausgeber zahlreicher Publikationen zum Thema Allergien. Professor Dr. Klimek ist Präsident des 9. Deutschen Allergiekongresses, der vom 2. bis zum 4. Oktober im Wiesbadener Kurhaus stattfindet.

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