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Das 2×5 Interview: Anke Domscheit-Berg, Publizistin und Aktivistin, 47 Jahre, 1 Sohn

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Interview Dirk Fellinghauer. Foto Arne Landwehr.

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BERUF 

Leben wir in einem Überwachungsstaat?

Wir haben auf jeden Fall die Grenzen einer lupenreinen Demokratie verlassen. Anlasslose Massenüberwachung ist in Deutschland Alltag, ebenso wie Geheimdienste, die außer Kontrolle geraten sind. Wir sind eine Demokratie, die sich der Methoden eines totalitären Staates bedient. Wir bereiten damit den Boden für den Weg in einen digitalen Totalitarismus.

Was sagst du denen, die sagen: Ich habe doch nichts zu verbergen!

Es gibt keine unschuldigen Informationen. Nur Tote haben nichts (mehr) zu verbergen, oder vielleicht sogar die … Die Privatsphäre ist ein hohes Gut der Demokratie, geradezu ihre Grundlage, denn sie ermöglicht jedem von uns, ein Individuum zu sein mit persönlichen Leidenschaften, Ängsten, Interessen, Träumen und Abneigungen. Wer überwacht wird, ist nicht frei. Viele Untersuchungen haben nachgewiesen, dass Menschen unter Beobachtung ihr Verhalten verändern. Sie handeln häufiger so, wie die beobachtende Instanz es erwartet. Das ist eine Einschränkung ihrer Freiheit.

Du sprichst aus Erfahrung.

In der DDR habe ich durch die Stasi noch erfahren müssen, auf welch perfide Weise sie Kenntnisse über persönliche Interessen und Beziehungsgeflechte zur Manipulation und Erpressung eingesetzt hat. Sie hat versucht, mich als IM zu werben, in dem man meine Leidenschaft für das Französische ausnutzte. Ich hatte einen Wettbewerb einer französischen Uni gewonnen für ein 3-monatiges Stipendium in Paris. Ein Traum für eine DDR-Studentin! Aber die Stasi sagte mir, ich dürfe nur fahren, wenn ich für sie meine Kommilitonen ausspioniere. Das habe ich abgelehnt und bin dann nicht nach Paris gekommen. Aber ich kann mir seitdem vorstellen, wie harmlose Informationen gegen einen verwendet werden können.
Deine fünf Tipps, sich im Alltag vor digitaler Überwachung zu schützen?

1. Datensparsamkeit – nicht mehr von sich selbst preisgeben, als nötig, und vor allem stets die Privatsphäre Dritter achten. Damit meine ich z.B. dass man nicht einfach Fotos von Freunden (schon gar nicht von Kindern!) auf Facebook postet und dann auch noch mit ihren Namen taggt. Lieber einmal zu viel fragen, als zu wenig, denn wirkliches Löschen gibt es im Netz kaum. 2. Monopole und US-amerikanische Anbieter vermeiden – Alternativen nutzen, z.B. einen regionalen Emaildienst statt Gmail, startpage.com statt Google. Man findet Alternativen  bei www.prism-break.org. 3. Emails und Festplatten verschlüsseln –  gar nicht so kompliziert, wie man denkt. Einfach Cryptoparty besuchen, wo man eine praktische Einführung bekommt und Handy und Laptop sicherer machen kann. 4. Sich informieren, welchen meist gruseligen Konditionen man bei diversen Apps und Internetdiensten zustimmt. Hier sei www.tosdr.org empfohlen.   5. Initiativen wie Digital Courage unterstützen, die Lobbyarbeit für Datenschutz und Privatsphäre betreiben. Tipp: die Infosammlung digitalcourage.de/support/digitale-selbstverteidigung bzw. der Flyer https://digitalcourage.de/sites/default/files/media/datenschutz/prism-flyer-was-kann-ich-tun.pdf

Ein paar Schlagwörter deines bisherigen Weges im Schnelldurchlauf: DDR, Westdeutschland, Textilkunst-Studium, Business-Studium, Karrierefrau, Feministin, Grüne, Piraten, Großstadt, Landidylle – würdest du deinen bisherigen Lebensweg als stimmig bezeichnen?

Auf jeden Fall, ich bin ja keine einseitige Person, sondern ein Mensch mit vielen Schattierungen. Ich wollte schon als Kind später viele verschiedene Dinge studieren, war in allen Fächern gut und fand es schrecklich, dass ich mich für eine Sache entscheiden musste. Früher habe ich Textilkunst studiert, meine kreative Ader entwickelt, später Unternehmen beraten und kreative Lösungen für komplexe Probleme gesucht. Das ist nicht so verschieden, wie es sich anhört.  Durch viele Reisen, aber auch durch das Auslandsstudium und das Leben in zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, konnte ich verstehen, dass es selten Antworten gibt, die schwarz weiß sind.

MENSCH

Welches ist der rote Faden im Leben und Wesen der Anke Domscheit-Berg?

Eine gute Frage… Wahrscheinlich gibt es da auch mehrere Antworten. Eine könnte sein, dass ich mich selten mit Dingen zufrieden gebe, die mir gegen den Strich gehen. Ich bin mehr so die Kämpfernatur, die immer etwas an den Umständen ändern will, die sie stören. Im Kleinen genauso wie im Großen. Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und habe einen begrenzten Respekt vor Obrigkeiten. Das war schon immer so und hat sich unter allen Umständen in meinem Leben immer ähnlich ausgewirkt. Man kann damit sehr viel erreichen und sich mindestens genauso oft arg in die Nesseln setzen und Menschen in Machtpositionen konfrontativ gegenüber stehen. Ich nehme solche Situationen dann aber immer als kämpferische Herausforderung an.

Das ist dann wohl auch ein roter Faden in meinem Wesen – ich bin ein Wettbewerbstyp und ich gewinne ganz gern, egal ob als Kind bei einer DDR Sportolympiade oder heutzutage in einer TV-Talkshow-Debatte. Und immer gehe ich gut vorbereitet in den Wettkampf und wenn ich hinfalle, stehe ich halt wieder auf und mache weiter. Früher nach intensivem Training in der Halle, heute nach intensiver fachlicher Vorbereitung. Ich weiß bei jeder Auseinandersetzung genau, wer mir gegenüber sitzt und was seine oder ihre wahrscheinlichsten Argumente sein werden und ich weiß, wie ich jedes einzelne davon bestens pariere.  Ein anderer roter Faden ist sicher auch, dass ich mit Veränderungen ganz gut umgehen kann, dass ich sie nicht furchtbar  sondern spannend finde. Ich bin ein neugieriger Mensch, das Andere, das Unbekannte reizen mich. Deshalb auch war es für mich nie seltsam, auch mal ganz andere Dinge als vorher zu tun. Der Wechsel, das ist vielleicht das Kontinuierlichste in meinem Leben

Du beschreibst dein Zuhause als Leben mit Mann, Sohn und Kater in Füstenberg/Havel sehr idyllisch, sagst „Meine Freizeit verbringe ich im Garten mit Blumen und Gemüse oder mit dem Guerillastricken“ – wie viel Freizeit bleibt dir denn?

Auf jeden Fall zu wenig, vor allem in diesem Jahr. Es ist Winter, und die letzten Bohnen hängen immer noch ungeerntet herum. Im Haus ist auch noch viel zu tun, wir bauen ja sehr viel selbst und das ist viel Arbeit. Wenn wir dafür mehr Zeit hätten, wären wir wohl längst fertig. Mein Sohn hätte vermutlich auch seine Mama gern mehr für sich. Für das Stricken bleibt noch am ehesten Zeit, denn das mache ich oft unterwegs, auf endlosen Bahnfahrten, oder im Heimkino. Ein Filmchen schauen und nebenbei stricken, auf der einen Seite meinen Mann, auf der anderen einen schnurrenden Kater – das sind für mich schöne Nächte. Was mir wirklich fehlt, ist mal wieder ein richtiger Urlaub, also mehr als eine Woche, der kommt seit vielen Jahren zu kurz. Bald wird unser Sohn vielleicht nicht mehr mitfahren wollen, wir müssen uns also beeilen, für einen längeren Urlaub in Familie.

Manchmal hat man das Gefühl, in Sachen Engagement, politischem Bewusstsein, Streitbarkeit könnten sich die Westdeutschen manche Scheibe von einstigen DDR-lern abschneiden. Gibt es diesbezüglich vielleicht sogar den „Besserossi“?

Ob und wie viel sich Menschen gegen Mißstände wehren, ist vermutlich am ehesten von der eigenen Persönlichkeit abhängig – und die wiederum hängt nicht davon ab, ob man Ossi oder Wessi ist. Aber ich glaube auch, dass einen die Lebensumstände prägen, die Biographie, die Familie, Vorbilder, die man hatte, aber eben auch gesellschaftliche Umstände. Und bei letzterem macht es vielleicht wirklich einen Unterschied, ob man so eine Massenbewegung wie die Opposition der DDR Bürgerinnen und Bürger in der Wendezeit und ihren letztlichen Sieg gegen die DDR Machthaber persönlich miterlebt hat oder nicht. Für mich war das definitiv das prägendste Erlebnis meines ganzen Lebens. Seitdem glaube ich an die Macht der Masse, an die Möglichkeit von Veränderungen – selbst von Veränderungen, die vermeintlich unmöglich sind. Wer hätte denn 1989 geahnt, dass die Mauer einmal fallen könnte? Niemand, den ich kenne, hielt das für möglich. Aber sie ist gefallen. Und ich war dabei. Seitdem gibt es für mich nichts, das per se unmöglich ist. Für mich ist die Wendeerfahrung daher eine unendliche Energiequelle. Sie gibt mir die Kraft, immer wieder auch für große Ziele zu kämpfen – es könnte ja wieder klappen, also macht es Sinn, es zumindest zu versuchen. Ich würde mir wünschen, dass sehr viele Ossis so denken, aber ich mir nicht sicher, ob das überhaupt so ist.

Dein Mann Daniel Domscheit-Berg, der als Sprecher der EnthüllungsplattformWikiLeaks bekannt wurde, stammt aus dem Rheingau und lebte in Wiesbaden – was erzählt er denn so über unsere Stadt?

Wenn Daniel von Wiesbaden erzählt, schwärmt er immer von seinen Lieblingsorten, die er immer noch vermisst. Sein Lieblingsladen war zum Beispiel der Haselnuss-Hofladen im Westend. Und Käse hat er immer bei Till in der Bergkäsestation gekauft, er lässt sich heute noch manchmal per Post Käse von Till schicken, weil der so lecker ist und in beide Läden hat er mich auch schon mehrfach mitgeschleppt. Unser Ersatz im Brandenburgischen ist ein Apfelhof, der uns jede Woche eine Grüne Kiste bringt und ein Ziegenkäsehof im Wald an der Havel. Für das Café Klatsch in Wiesbaden haben wir hier aber noch keinen Ersatz gefunden. Das fehlt ihm auch und wenn er mal in Wiesbaden ist, geht er dort auch immer wieder rein. Manchmal macht er sich lustig über sein hessisches Abitur, er hat in Wiesbaden ja auch die Oberschule besucht. Und so gar nicht fehlen ihm die Blechlawinen in Wiesbaden, die wohl nur noch schlimmer geworden sind. Jedes Mal, wenn wir in Wiesbaden und im Rheingau sind, schüttelt er darüber den Kopf. Das ist natürlich gar kein Vergleich zur Idylle bei uns im Norden von Brandenburg. Es ist ein großer Gewinn an Lebensqualität, mit weniger Autos auf der Straße.

Zu Daniels Zeit als Wikileaks-Sprecher war Julian Assange sein Mitbewohner im Wiesbadener Westend – wie sehr „verfolgt“ euch diese Episode bis heute?

Julian hat nur wenige Monate in seiner Wohnung gewohnt. Aber insgesamt ist das Thema ja auch durch die zeitgeschichtlichen Entwicklungen – Stichwort Edward Snowden – nach wie vor aktuell und so kommen wir damit immer wieder in Berührung. Es fragen ja auch andere Medien zum Beispiel diese Frage,  nicht nur der sensor…, auch dadurch kommt es immer wieder hoch.

Es sind auch so surreale Dinge passiert, wie ein Hollywoodfilm über WikiLeaks, in dem Julian Assange und Daniel vorkommen (gespielt von Daniel Brühl) und auch ich, gespielt von der Schauspielerin Alicia Vikander, die man gerade bei ExMacchina als Roboterfrau sehen konnte. Das ist schon hochgradig schräg, so einen Film anzusehen, denn er vermischt reale Tatsachen mit freierfundenem Hollywoodinhalt. Wenn da jemand im Film so heißt wie man selbst, den gleichen Zickzackscheitel und die gleichen roten Strumpfhosen trägt wie ich und meinen eigenen Schmuck, den meine Schwester geschmiedet hat, aber sich dann ganz anders verhält oder andere Dinge erlebt, als man selbst…dann ist das sehr irritierend und man fragt sich, was für ein Bild andere Menschen bekommen, die nicht genau wissen, was Fiktion und was Wahrheit ist. Für Daniel ist das alles natürlich noch viel ausgeprägter als für mich.

Für ihn war es sicher die aufregendste Zeit seines Lebens, vom Stellenwert bestimmt so, wie für mich die Wendezeit in der DDR. Das legt man nicht ab wie eine alte Hose. Es sind Erfahrungen, die bleiben, die guten wie die weniger guten. Wir reden nicht ständig darüber aber das Thema kommt schon immer mal wieder hoch.

http://ankedomscheitberg.de/

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