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Das 2×5-Interview: Dr. Jacob Gutmark, 78 Jahre, Vorstandsmitglied Jüdische Gemeinde Wiesbaden, 2 Söhne, 2 Enkel

 

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Interview Dirk Fellinghauer. Foto Arne Landwehr.

BERUF

Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden feiert im September ihr 70-jähriges Bestehen. Wie rüstig ist die Jubilarin?

Wir feiern die Neugründung der Jüdischen Gemeinde vor 70 Jahren und den Neubau des Gemeindezentrums in der Friedrichstraße vor 50 Jahren. Wir haben etwas zu feiern, weil wir eine prosperierende Gemeinde sind. Wir sind die einzige jüdische Gemeinde in Hessen, die wächst, und haben etwa 850 Mitglieder. Wir sind attraktiv, weil wir funktionieren. Unsere Infrastruktur ist tadellos. Wir haben zum Beispiel einen sehr guten Sozialdienst. Hier beraten wir sogar Menschen, die gar keine Mitglieder unserer Gemeinde sind.

Wie gestaltete sich der Neuanfang nach dem Holocaust?

Berthold Guthmann war der letzte Vorsitzende der Gemeinde vor dem Krieg. Er wurde mit dem letzten Transport aus Wiesbaden deportiert und starb in Auschwitz. Seine Frau Claire Guthmann kam aus dem Krieg zurück und beantragte direkt bei den Amerikanern die Gründung einer neuen Gemeinde in Wiesbaden. Diese wurde dann am 22. Dezember 1946 offiziell vollzogen. Auch viele amerikanische Juden waren an der Neugründung beteiligt, der erste Rabbiner war ein Amerikaner.

Welche Gelegenheiten haben Interessierte heute, in Wiesbaden jüdisches Leben kennenzulernen?

Unsere Kontakte zur Außenwelt sind geprägt durch unser Kulturprogramm. Wir machen sehr viel in die Stadt hinein,  überwiegend mit Teilnehmern, die nicht unserer Gemeinde angehören. Es gibt unser Jüdisches Lehrhaus. Hier bieten wir auch profane Sachen an wie Kochen oder Tanzen. Dann gibt es „Tarbut – Zeit für jüdische Kultur“, ein Programm im Herbst, das immer sehr gut besucht wird. Das kann man schon als Erfolg betrachten, dass die Außenwelt sich uns interessiert zuwendet. Beim Tag der offenen Tür kommen viele Leute in die Synagoge.

Wofür interessieren sich die Leute am meisten?

Woran sie interessiert sind, ist nicht immer so ganz schmeichelhaft. Die Fragen verraten, dass man über uns wenig weiß. Wenn man überlegt, dass wir hier schon seit acht-, neunhundert Jahren als Gemeinschaft und als Nachbarn leben … – dafür sind die Fragen recht unbedarft, da muss man ein wenig bei Adam und Eva anfangen. Wir würden uns vielleicht manchmal differenziertere Fragen wünschen

In einer Zeit-Reportage stand kürzlich der Satz „Wir wissen alles über die toten Juden, aber nichts über die lebendigen“. Sehen Sie das auch so?

Das bezieht sich natürlich auf den Holocaust. In unseren Kulturprogrammen versuchen wir, uns nicht nur auf diese Zeit zu konzentrieren. Jüdische Geschichte geht länger als diese dreizehn Jahre Nazi-Herrschaft. Es gibt, auch in Wiesbaden, Bürgerinitiativen, die sich damit beschäftigen, meistens mit der Erinnerung, mit der Vergangenheit. Das ist natürlich ein dankbareres Geschäft, als mit uns zu reden: Die Toten stellen keine Forderungen, haben kein Mitspracherecht. Man kann einiges machen unter der Rubrik „gut meinen“. Wir sind froh, dass wir uns auf Augenhöhe unterhalten können – früher war es „Opfer-Täter“, heute vielleicht „Opfer-Wohltäter“. Man betrachtet uns als Opfer, will uns Gutes tun. Wir wollen keine Opfer mehr sein. Das ist sehr typisch für uns. Wir versuchen schnell, aus einer Opferrolle herauszukommen.

MENSCH

Sie wurden 1938 in Tel Aviv geboren, 1960 kamen Sie nach Wiesbaden – warum?  

Es war damals üblich, nach dem Militärdienst für ein paar Monate in die Welt zu reisen. Früher nach Europa, heute nach Nepal, Indien oder Südamerika. Ich wollte nicht nach Wiesbaden, ich wollte nach Schweden. Ich hatte dort Verwandte. Aber ich kam nie an. Ich traf meine Frau, wie das Leben so ist. Wir haben geheiratet, sie ist übergetreten zum Judentum. Da bin ich geblieben. Ich fing spät an zu studieren, da war ich schon über dreißig. Da hatte ich schon Familie und habe gearbeitet parallel dazu. Es war schon eine gute Entscheidung, einen Beruf zu erlernen. Psychologie liegt mir bis heute ganz gut. Ich arbeite immer noch, in der Forensik, als Sachverständiger am Gericht. Hauptsächlich erstelle ich Prognosegutachten.

Sind Sie in Wiesbaden heimisch geworden?

Das kann man schon sagen, ja. Auf jeden Fall, was Menschen angeht. Ich kenne sehr viele Leute und kommuniziere mit fast allen hier. Ich bewege mich relativ frei.

Was bedeutet Jüdisch sein für Sie persönlich?

Ich bin leidenschaftlich Jude, bekenne mich jede Sekunde dazu. Wenn mich jemand mit „Du Jude“ beschimpfen würde, würde ich sagen: Ja, das bin ich, Danke! Ich stamme aus einer Familie, die keine religiösen Juden waren,  sondern eher sozialistisch orientiert. Mein Vater und meine Mutter sind als junge Menschen als Zionisten vor dem Krieg nach Israel gegangen. Ich pflege die Identität als Jude. Das ist auch ein Grund, warum ich diese Arbeit so gerne mache, ehrenamtlich, mit viel Zeitaufwand. Das ist der beste Beleg dafür, welches Interesse ich habe, meine Umgebung zu erhalten. Jüdisch zu sein, das ist vielleicht meine kleine Heimatadresse.

Apropos Heimat: Wie wohnen Sie?

Ich wohne gerne mitten in der Stadt. Wahrscheinlich, weil ich gerne unter Menschen bin. Wir haben eine Wohnung erworben. Ich schaue nur ins Grüne, und das innerhalb der Stadt. Da will ich schon gerne bleiben. Es ist bezeichnend, dass ich zum ersten Mal Eigentum erworben habe, das wollte ich früher nie. Jetzt war es vielleicht ein Zeichen für Anker werfen, Wurzeln schlagen. Ich versuche es zu deuten, aber bin noch nicht sicher (lacht). Ich bin bis heute auch regelmäßig in Israel. Tel Aviv ist mir sehr vertraut, ich habe auch noch eine Wohnung dort.

Sie sind älter als die Gemeinde, der Sie vorstehen. Denken Sie ans …

… Aufhören? Man denkt immer ans Aufhören. Aber es liegt mir nicht zu kneifen. Immer gab es ein Problem zu lösen. Da darf man nicht wegrennen. Und so bin ich immer geblieben. Mit dem Nachwuchs ist es bei uns schwierig, wie überall. Wir brauchen Ehrenämtler. Nachfolger? Ich weiß nicht. Es ist wirklich schwer, einfach so zu gehen. Wenn man gut ist, ist es noch schwieriger. Man wird gefragt – die Wahl zum Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden steht an. Ich habe mich zur Verfügung gestellt. Ich bin dem Kalender nie verpflichtet.

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