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Das große 2×5-Interview: Pfarrer Matthias Loyal, Vorstandsvorsitzender EVIM, 58 Jahre, 3 Kinder

Von Dirk Fellinghauer. Foto Arne Landwehr.

Wer und was gehört alles zu EVIM?  

Der Evangelische Verein für Innere Mission in Nassau heute ist eine gemeinnützige Organisation mit über 60 sozialen Einrichtungen und Diensten in Hessen und Rheinland-Pfalz. Der Verein und seine Gesellschaften beschäftigen rund 2600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Altenhilfe, Behindertenhilfe, Jugendhilfe, Bildung und in Service-Angeboten. Besonders dankbar sind wir für das anhaltend enorme Engagement von rund 650 Ehrenamtlichen und jungen Freiwilligen.

Gemeinnützigkeit ist auch ein Geschäft. Wie positionieren und behaupten Sie sich mit Ihrer 1850 gegründeten Organisation im „Markt“?  

Die überwiegende Zahl der Arbeitsfelder und Projekte bei EVIM muss keine Aufmerksamkeit im „Markt“ suchen: Die Nachfrage nach Hilfe und Unterstützung ist ungebrochen groß. In den vergangenen 12 Jahren hat sich unser Umsatz verdoppelt: aktuell 150 Millionen Euro jährlich. Die Umsatzrendite liegt bei knapp drei Prozent. Auf den ersten Blick ein „Geschäft“. Der Unterschied zum Markt: Wir investieren jeden Euro zurück in die Absicherung unserer sozialen Aufgaben. Und das Wichtigste: In den letzten 12 Jahren ist die Zahl unserer Mitarbeitenden von 1700 auf 2600 gestiegen. 70 Prozent unserer Kosten sind Personalkosten – und das ist gut so! „Humankapital“ ist für mich persönlich kein „Unwort“ – der Mensch – ob Mitarbeiter/in oder Klient/in – ist das wichtigste Kapital unserer Arbeit!

„Die soziale Frage war zu einem wesentlichen Problem in Deutschland geworden“, steht im Wiesbadener Stadtlexikon über die Situation zur Gründungszeit des Evangelischen Vereins für Innere Mission. Welches sind heute die wesentlichen Probleme, zu deren Lösung EVIM beitragen will?

Genaugenommen ist unsere hohe Nachfrage ein Alarmzeichen für diese Gesellschaft. Menschen geraten zunehmend in Überforderungssituationen: Eltern bei Kindern, Angehörige bei Eltern oder Partnern usw. Darauf reagieren wir mit unseren Angeboten. Das reicht aber nicht. In den vergangenen zehn Jahren sind wir immer mehr dazu übergegangen, Angebote zu machen, die Menschen frühzeitiger den Druck nehmen.

Vor welchen Herausforderungen steht EVIM beim Thema Ehrenamt?

Das Ehrenamt hat bei EVIM eine lange Tradition, als eigener Bereich nun schon seit fast 20 Jahren. Ehrenamtliche engagieren sich in fast allen Bereichen: im Café oder Besuchsdienst eines Seniorenzentrums, bei Rikschafahrten, bei der Ausgestaltung von Festen und Gottesdiensten oder in einer Tandem-Patenbeziehung mit geflüchteten Menschen. Aber das Ehrenamt verändert sich stark – weg von einer langfristigen Bindung hin zum Wunsch insbesondere bei jüngeren Menschen nach einem befristeten und projektbezogenen Engagement. Darauf müssen wir unsere Angebote künftig stärker ausrichten.

Wie groß ist die Versuchung, Aufgaben an Ehrenamtliche zu übertragen, die eigentlich Hauptamtliche erledigen müssten?

Diese Versuchung kenne ich nicht. Ich weiß, dass das immer wieder gemutmaßt wird. Aber wie soll das gehen? Unsere hauptamtlich Mitarbeitenden sind fachlich sehr gut qualifiziert. In allen Arbeitsfeldern gibt es genaue Vorgaben, was die „Profis“ zu erledigen haben. Es wäre grob fahrlässig, sie durch Ehrenamtliche zu ersetzen.

MENSCH

Sie stammen aus Dresden, haben in Ost-Berlin Theologie studiert, waren beruflich unter anderem in Hoyerswerda und in Rothenburg bei Görlitz tätig. Wann und wie kamen Sie „rüber“?

Das war 2006 und eine ganz persönliche Entscheidung. Ich war der Meinung, dass ich mich vor meinem 50. Geburtstag noch einmal neu orientieren sollte. So habe ich mich auf eine Stellenanzeige in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ beworben, da sie dem, was ich damals tat, sehr entsprach. Ich war zuvor noch nie in Wiesbaden. Inzwischen haben meine Familie und ich Stadt und Region kennen- und schätzen gelernt und fühlen uns sehr wohl hier.

Gerade wurden 30 Jahre Mauerfall gefeiert. Was ist noch nicht zusammengewachsen, was zusammengehört?

Wir Menschen haben die merkwürdige Angewohnheit, immer genau sagen zu können, was wir nicht mehr wollen und sind trotzdem nur unzureichend bereit, Veränderung auch zu gestalten. Nach der Euphorie des Mauerfalls ist es nicht gelungen, die Menschen ausreichend in den neuen Gesellschaftsentwurf einzubeziehen. Auch hat kaum jemand thematisiert, dass das für das ganze neue Deutschland eine Veränderung bedeuten würde – übrigens auch nicht in der Kirche. Es wurde unterschätzt, dass Menschen nach der Erfahrung zweier deutscher Diktaturen kaum demokratiefähig sein können. Das waren nur sehr wenige, vor allem die, die in den Binnenstrukturen der Kirchen der DDR Demokratie bereits eingeübt hatten. Nach dem Mauerfall wurden aus Erwartungen zunehmend Zweifel, die mittlerweile in radikale Rufe nach einem Zurück in die Unfreiheit und zu schwierigen gesellschaftlichen Verwerfungen führen. Grundlegende Veränderungen sind jedoch begleitet von Ängsten, weil der Weg immer ins Offene führt. Dieser Aufgabe müssen wir uns gemeinsam stellen, und zwar überall auf der Welt. Jedoch: Der Rückweg ist ausgeschlossen!

Warum haben Sie sich für den Pfarrberuf entschieden?

Ich bin in der DDR zur Schule gegangen in einem staatlich reglementierten atheistischen und kirchenfeindlichen Umfeld. Vom Elternhaus wurde ich aber christlich erzogen. Unbewusst habe ich früh etwas von „Apologetik“ (theologisch: Verteidigung des Glaubens) gelernt und was es heißt, den Glauben zu bekennen, ohne ihn vor sich her zu tragen. Dies hat mich aber nie den Menschen „entfremdet“, die auch als Atheisten Freunde waren und blieben. Ich habe frühzeitig gelernt, keine Mauern zwischen Glaube und Vernunft oder Wissenschaft zu ziehen. Letztlich war die Prägung, den „real existierenden Sozialismus“ als Ruf Gottes und Herausforderung zu verstehen, entscheidend für meine Wahl des Pfarrberufs. Je älter ich werde, desto deutlicher sehe ich das. In diesem Sinne ist Dietrich Bonhoeffer für mich eine der wichtigsten theologischen Leitfiguren: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist“! Deswegen war der Pfarrberuf für mich immer auch untrennbar mit der Übernahme sozialer Verantwortung verbunden.

Engagieren Sie persönlich sich ehrenamtlich?

Ich unterstütze meine Frau in ihrem Patenamt mit geflüchteten Menschen und bin selbst im Lions Club Wiesbaden aktiv, wo wir mit verschiedenen Aktivitäten wichtige soziale Aktivitäten in der Region fördern.

Musik soll in Ihrer Familie eine große Rolle spielen, einer Ihrer Söhne eine besondere Beziehung zu Deep Purple haben. Erzählen Sie mal!

Ich habe vor 36 Jahren eine Cellistin geheiratet und damit quasi auch die Musik. In unserer Wohnung wurde von kleinauf musiziert: Klavier, Violine, Cello und Kontrabass. Der Einzige, der kein Instrument spielt, bin ich. Auf einer Autofahrt 1993 fragte mich mein damals 10-jähriger Sohn, was ich denn da höre: eine Deep Purple-Kassette. Fortan war sie in seinem Zimmer, und drei Jahre später waren wir zum ersten Mal gemeinsam auf einem Konzert der Band. Er hat dann Musik studiert und ist seit 2009 Kontrabassist in der Staatskapelle Berlin. 2010 kam das Highlight: Sowohl meine Tochter (Violine) als auch mein Sohn konnten im Orchester in der Münchner Philharmonie den leider inzwischen verstorbenen Keyboarder von Deep Purple – Jon Lord – begleiten. 2011 ging die Band selbst mit Orchester auf Tournee, und mein Sohn stand mit Kontrabass mit auf der Bühne. Einen so stolzen Vater haben Sie selten gesehen!

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