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Ein Haus für waghalsige Musik – art.ist nach Jahrzehnten im Exil nun glücklich im eigenen Domizil

Von Tim Gorbauch. Fotos Nele Prinz

Nach Jahrzehnten im Exil ein eigenes Domizil: Die Kooperative New Jazz feiert die Schönheit der Chance.

Jetzt ist da also wirklich ein Raum. Ein fester Ort, eine Spielstätte, eine Heimat. Ein Steinway-Flügel steht links auf einem Teppich, in der Mitte ein Bass, rechts ein Schlagzeug. Hier kann jetzt wirklich Musik gemacht werden. Das Warten hat ein Ende. Die  Renovierungsarbeiten in und an der Walkmühle hatten sich zuletzt endlos in die Länge gezogen.

Einzug mit fünf Jahren Verspätung

2017 war einmal als Einzugstermin in Aussicht gestellt, aber es geht noch um viel mehr: Eine jahrzehntelange Odyssee, in der die Wiesbadener Kooperative New Jazz heimatlos war, ist nun vorüber. Es gibt es jetzt wirklich: ein Haus für Musik, für besondere, für waghalsige Musik, für „Musik zur Zeit“. Und viele, die gekommen waren, um die Eröffnung des neuen Domizils in der Walkmühle zu feiern, konnten das noch gar nicht glauben.

Was für ein Ort! Was für ein Klang!

Und was für ein Ort das ist! Und was für Musik hier gemacht wird! Und wie fantastisch sie in ihrer neuen Heimat klingt! Der Engländer Alexander Hawkins war zum Eröffnungsabend mit seinem Trio gekommen und feuerte erst einmal eine ungeheure perkussive Energie in den vollbesetzten Konzertraum, als wolle er dessen Akustik testen (und den neuen Steinway gleich mit), während Steven Davis am Schlagzeug diese Energie aufnahm und in unendliche Einzelteile aufbrach und aus den Fasern neue musikalische Gedanken spann.

“Beautiful Adventure”

Der Jazz des Alexander Hawkins Trio ist frei gedacht und im Jetzt verankert. Es ist Musik, die einen nicht permanent an die Hand nehmen will, aber sie ist irrsinnig klug, zugleich auch ganz körperlich präsent und öffnet ungeheure Hör- und Erfahrungsräume, weil ganz viel gleichzeitig passieren darf. Hawkins selbst kann es gar nicht fassen, dass in Zeiten wie diesen, wie er sagt, der Musik, der freien Kunst überhaupt, ein solch toller Raum zur Verfügung gestellt wird. „Please, let’s support this beautiful adventure“, sagt er zum Abschluss. Er spürt: in dieser neuen Heimat steckt eine unglaubliche Chance.

Vierzig Jahre abseits des Mainstreams

Aber lassen Sie uns kurz auf eine kleine Zeitreise gehen: Vor mehr als 40 Jahren hat sich die Kooperative New Jazz / art.ist zusammengefunden, sie zählt damit zu den ältesten und kontinuierlichsten freien Kulturträgern Wiesbadens. Die Fragen damals waren die gleichen wie heute: Wie kann man musikalische Interessen, die sich abseits des Mainstreams bewegen, bündeln und – auch über die Stadt hinaus – sichtbar machen? Das ist beeindruckend gelungen.

Lokal bis international

Hier nur ein paar Beispiele: Der HumaNoise Congress versammelt international herausragende Musiker:innen in Wiesbaden und bietet ihnen Raum für freie, spontane musikalische Begegnungen. Das Improvisorium garantiert monatlich eine offene Bühne für Improvisierte Musik. Das Just Music Festival war jahrelang eines der wichtigsten internationalen Festivals für zeitgenössischen Jazz. Schöner Hören ist ein ganz besonderes Minifestival, ein klingendes Kaleidoskop gewissermaßen, das immer wieder Einblick gibt in aktuelle Projekte aus dem Umfeld der Kooperative-Macher*innen. Und mit Panakustika hat sich in den letzten Jahren eine wunderbare Konzertreihe für Querhörer etabliert.

Offener Ort der Möglichkeiten

Und nun, 39 Jahre nach der Eröffnung des legendären Wiesbadener Jazz-Clubs Art.ist, können all diese Ideen und Initiativen gebündelt werden an diesem neuen, schönen, immer noch unwahrscheinlich wirkenden Ort in der Walkmühle: art.ist reloaded! Aber dabei soll es nicht bleiben. Neue Impulse sollen her. Sollen die Walkmühle bespielen und beleben.

„Wir hungern nach mehr Mut, Vielfalt und Musik“, sagen die art.ist-Macher:innen, „meldet euch, falls ihr dazu beitragen möchtet!“ Die Walkmühle solle kein hermetischer Ort werden, sondern ein offener. Ein Ort der Möglichkeiten und der Teilhabe. Das gilt für Konzerte, Workshops, Klangkunst oder Performance genauso wie für Proberäume, die die Walkmühle auch bietet. Niemand hier will auf seinen Privilegien sitzen bleiben.

Aber jetzt wird erst einmal die Schönheit der Chance gefeiert. Und wie! Ein üppiges, fantastisches, vielfältiges Programm – unter www.artist-wiesbaden.de zu finden – soll den neuen Ort im Kulturleben verankern und lebendig werden lassen: „Unser üppiges Eröffnungsprogramm art.ist reloaded mit rund 40 Veranstaltungen von September bis Dezember 2022 fühlte sich an wie ein großes Festival“, sagen die art.ist-en (die mit Silvia Sauer bisher nur eine Frau unter sich haben): „Jazz und improvisierte Musik, neue Kompositionen, Performances, Tanz, Audio-Kunst, Workshops und eine offene Bühne für Improvisation standen und stehen auch zukünftig auf unserem Programm.“

Die nächsten Konzerte: 14. Januar – Piano Solo: Uwe Oberg spielt Ellington / Uwe Oberg, Piano & Tools, 22. Januar – Piano Trio qpiavis (Kim Kamilla Jäger – Cello, Mikula Schulz – Piano, Leon Senger – Drums), 31. Januar IMPROVISOHRIUM – Offene Bühne für Improvisierte Musik.

Eindrücke von der Eröffnung im September – festgehalten von Nele Prinz:

 

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