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Gefährdete Lieblinge – Bienen in der Stadt

 

Text Hendrik Jung. Fotos Kai Pelka.

Die Biene der Zukunft verfügt über piezoelektrische Stellantriebe: Die Flügel sind mit einer verlängerten Kohlenstoff-Faser verbunden, so dass sie sich unabhängig voneinander drehen und schlagen lassen. Was der Entwicklung an der weltberühmten Harvard School derzeit noch fehlt, ist ein Computer-Hirn. Außerdem eine Batterie, die leicht genug ist, um die „RoboBee“ so zu manövrieren, dass sie tatsächlich für die so wichtige Bestäubung von Pflanzen einsetzbar ist. Weltweit bereitet das anhaltende Bienensterben der Menschheit Sorgen über die Zukunft ihrer Ernährung. Zum Glück wird nicht nur an künstlichen Alternativen gearbeitet, sondern auch etwas für die Erhaltung des Originals getan, und das längst nicht nur auf dem Land. Imkern in der Stadt ist in. Und der Wiesbadener Umweltladen macht die Bienen derzeit zum Mittelpunkt einer Ausstellung und zahlreicher Veranstaltungen. Dabei wird der Schwerpunkt ganz bewusst nicht nur auf die Honigbiene gelegt.

„Allein in Deutschland gibt es mehr als 500 Bienenarten. Die wenigsten davon bilden Staaten“, erläutert Organisatorin Isa Außem. Einer aktuellen internationalen Studie zu Folge leisten auch die Solitärbienen einen wesentlichen Beitrag zur Bestäubung von Nutzpflanzen. Ohnehin kann gar nicht jede Blüte von Honigbienen bestäubt werden. So ist etwa bei Tomaten eine Vibrationsbestäubung notwendig, die nur von Hummeln geleistet werden kann. Wespen und Hornissen wiederum haben im Garten eine wichtige Funktion als Bekämpfer von Schadinsekten, weil sie ihre Brut mit Proteinen ernähren.  „Wer ein Wespen- und Hornissennest tolerieren kann, ist als Gartenbesitzer gut dran“, betont Isa Außem.

Unter dem Motto „Mit Bienen blüht das Leben“ präsentiert der Umweltladen allerlei Wissenswertes über die Hautflügler (Hymenoptera), zu denen außer Bienen, Wespen, Hornissen und Hummeln auch die Ameisen gehören. „52 Prozent der Wildbienen sind in ihrem Bestand gefährdet, 25 Arten vom Aussterben bedroht“, schlägt die Umweltberaterin Alarm. Ursache ist der Mangel an Nahrung und Nistmöglichkeiten. Während die Futtersuche durch Trachtpflanzen im Garten oder auf dem Balkon sowie durch das Anlegen von Blühstreifen in der Landwirtschaft geradezu dekorativ gefördert werden kann, sind natürliche Nistmöglichkeiten optisch nicht ganz so ansprechend. So bleibt heutzutage kaum noch Totholz liegen. Außerdem werden weder auf den Feldern noch im Garten Staudenreste oder abgestorbene Pflanzenstängel stehen gelassen.

Insektenhotels immer beliebter

Aus diesem Grund werden Insektenhotels immer beliebter. Ein Experte dafür ist Johannes Löhde vom Heupferd Erlebnisgarten im Aukammtal. „Wirklich besiedelt wird vor allem der Schilf- und Bambusbereich. Vieles andere ist eher für den Menschen“, erläutert der Gärtner und Gartengestalter, dass auch hier die Optik eine Rolle spielt. Für die Tiere sei es wichtig, dass die Insekten-WG Windschutz bietet, weil das den Anflug erleichtert. Direkte Sonneneinstrahlung sei erwünscht, weil die Wärme dem Ausbrüten der Eier förderlich ist. Nicht nur die Wildbienen und –wespen sind in unserer aufgeräumten Kulturlandschaft auf Hilfe angewiesen.  Auch für die Honigbienen ist es schwer, in freier Natur eine leere Baumhöhle für ihren Bau zu finden. Doch ihnen werden zahlreiche Alternativ-Angebote gemacht.

In Wiesbaden gibt es allein 120 im Imkerverein organisierte Bienenzüchter, die etwa 870 Völker ihr Eigen nennen. Damit das so bleibt, bietet der Verein seit fünf Jahren ein Probeimkern an, bei dem die Neulinge für einen Kostenbeitrag von 50 Euro ein Jahr lang von erfahrenen Kollegen bei der Bienenzucht angeleitet werden. Los geht es spätestens im Mai, weil es im Frühjahr im Bienenstock viel zu tun gibt: Jungvölker werden gebildet, Honigraum wird aufgesetzt, um den Schwarmtrieb zu unterbinden und es gilt, jeden einzelnen Rahmen zu kontrollieren. Aufgaben, die Imkerberater Kurt Schüler gemeinsam mit den Kursteilnehmern angeht.

Mit Schleier und Meißel

Ulrike Piepenbrink ist als einzige bereits mit einem Imkerschleier, Handschuhen und einem Stockmeißel ausgerüstet. „Mein Vater war viele Jahre Imker. Jetzt kann er es nicht mehr machen und ich will sehen, ob ich das weiter betreiben kann“, erklärt die 54-jährige ihre Motivation. Die Bienen spielen an diesem Tag jedenfalls mit. „Sie sind überraschend friedfertig. Das ist bei Wind nicht immer so“, weiß Kurt Schüler, der alle Probeimker mindestens ein Volk öffnen und die Rahmen ziehen lässt. Mal werden ein paar davon entfernt und in den Sammelbehälter gesteckt, um die Größe eines Volks zu verringern und so das Schwärmen zu verhindern. Mal wird ein Flugloch vergrößert, weil ein Volk stärker geworden und nun in der Lage ist, einen größeren Eingang zu verteidigen. Mal gibt es etwas Honig zu probieren. „Hm, schmeckt ein bisschen nach Holunder“, urteilt Dimitrios Skipas erfreut. Der 47-jährige hat in seinem Garten in Griechenland Völker stehen und will nun endlich lernen, wie er diese bewirtschaftet. Die übrigen Teilnehmer enden dagegen vielleicht als Stadtimker.

Imkern auf dem Balkon

Schließlich können selbst auf einem Balkon Bienen gehalten werden. Das hat den Vorteil, dass sie eine große Bandbreite an Trachtpflanzen zur Verfügung haben. Eine Vielfalt, die das Immunsystem der Bienen stärkt. „Das ist ein irrsinniger Tracht-Reichtum. Erst gibt es Frühblüher wie die Krokusse in den Parks. Jetzt blühen Kirschen, Kastanien und Robinien und durch den Efeu und den wilden Wein gibt es auch eine unwahrscheinlich starke, späte Tracht“, berichtet der Internist Peter von Seck begeistert. Er ist ein Pionier der Dachimkerei in Wiesbaden. Bereits in den 70-er Jahren hat er in Absprache mit dem Hauseigentümer auf seiner Dachterrasse in der Rheinstraße mit der Bienenzucht begonnen. In all den Jahren sei außer ihm selbst nie jemand gestochen worden. Zumal die Bienen sich höchstens bei ihren ersten Flugversuchen ins Innere des Gebäudes verirren. Seit diesem Jahr hat sich der 74-jährige mit dem Hofheimer Hubertus Fischer zusammen getan und folgt nun sogar den Regeln der Zunft der Bioimker.

Bio als Bedingung

 „Das war die Bedingung von Hubertus, auf die ich gerne eingegangen bin“, erläutert der Arzt. „Der große Vorteil hier oben ist, dass es keinen Vandalismus und keinen Diebstahl gibt“, erklärt der 68-jährige Fischer, der seit 1992 von Bioland zertifiziert ist. Günther Kusterer von der Wiesbadener „Bioimkerei honigsüß“ beschreibt die Kriterien: „Ich darf meinen Bienen im Winter nur Zucker aus ökologischer Herstellung zufüttern und die Bekämpfung der Varroa-Milben darf nicht durch Insektizide erfolgen“. Stattdessen greife er auf Milch- oder Ameisensäure zurück, weil diese im Honig keine Rückstände hinterlassen. Schließlich will er seinen Bio-Honig auf dem Wiesbadener Wochenmarkt verkaufen.

Wesentlich schwieriger ist die Vermarktung von Bienenprodukten als Heilmittel. Deshalb beschäftigt sich der Biebricher Imker Sven Eggeling zwar mit Apitherapie, nutzt sie aber nur für sich selbst. So kratzt er das Kittharz der Bienen heraus und nutzt die desinfizierende und antiseptische Wirkung des in Alkohol gelösten Propolis sowohl zur innerlichen als auch äußerlichen Anwendung. „Auch der Honig selbst ist ein wunderbares Mittel bei Verbrennungen, Schnitt- und Schürfwunden. Er wird ja auch nicht schlecht, weil sich keine Bakterien darin vermehren“, betont Sven Eggeling. Außerdem könne man das Deckelwachs der Honigwaben kauen, wenn man unter Zahnfleischentzündung oder Parodontose leide. Gemeinsam mit dem Naturheilkundler Bernd Bruns hat er sogar eine Hautsalbe auf der Basis von Olivenöl, Propolis und Sauerstoff entwickelt, die von einigen Naturärzten in Wiesbaden verschrieben wird, weil sie bei Neurodermitis helfen kann.

Lernen von den Bienen

Unendlich viel gibt es von und über die Bienen zu lernen, auch für Kinder. Sie können am Naturschutzhaus im Wellritztal verschiedene Beuteformen und Trachtpflanzen kennen lernen. Oder sich Kinderbauernhof und dem Tierpark Mainz-Kastell mit Bienenvölkern auseinander setzen. Im Heupferd Erlebnisgarten steht bereits ein Insektenhotel. In der Fasanerie soll in Zukunft eventuell eins entstehen. Im Rahmen der Ausstellung des Umweltladens erhalten Kindergartenkinder außerdem Gelegenheit, gemeinsam mit Imker Tilman Hirsch selbst Honig herzustellen und kommen so in den unvergleichlichen Genuss eines Brötchens mit frisch geschleudertem Bienenhonig.

Erwachsene können ebenso viel von der Honigbiene lernen, findet Matthias Schenk vom Erfahrungsfeld der Sinne in Schloss Freudenberg, wo ebenfalls mehrere Bienenvölker leben. Das beginne schon bei der sechseckigen Form der Waben, die unter Einsatz von wenig Material eine hohe Festigkeit und Sicherheit bieten. Bienenwaben seien aber auch so gebaut, dass jedes Geräusch sich übertrage wie bei einer Membran. So könnten die Bienen auch innerhalb des Stocks bei der Benachrichtigung über ein Futtervorkommen anhand der Intensität des Schwänzeltanzes entscheiden, ob ihre Mithilfe benötigt wird oder nicht. „In Bienen lebt Gemeinsinn“, betont Matthias Schenk. Denn sie verfügen über einen Sozialmagen, der es ihnen ermöglicht den gesammelten Nektar mit anderen Bienen ihres Volkes zu teilen. „Das ist wie bei den Steuergeldern. Wenn ich arbeite ist ein Teil für mich und ein Teil für das Volk“, fügt er hinzu. Weil Themen wie diese eigentlich immer hochaktuell sind, werden sie sich im Rahmen des Bienensommers wie ein roter Faden in die Führungen durch das Erfahrungsfeld einflechten. Beispielsweise indem die Besucher der Dunkelbar erfahren, dass der Begriff stockdunkel eines von zahlreichen Sprachbildern ist, die aus der Sprache der Imker stammen. Schließlich profitiert der Mensch bereits seit 8.000 Jahren von den Bienen. Eigentlich genug Zeit, um zu verstehen, dass man einen solch wertvollen Begleiter schützen sollte.

Bienen-Veranstaltungen im Juni:

 12. Juni, 18.30 Uhr, Umweltladen: Vortrag: Keine Angst vor Wespen und Hornissen

13. Juni, 19 Uhr, Schloss Freudenberg, Film „More Than Honey“

19. Juni, 18.30 Uhr, Umweltladen, Vortrag: Bienen halten in Wiesbaden

23. Juni, 11 – 18 Uhr, Apothekergarten: Präsentation heimischer Blütenpflanzen für Bienen

28. Juni, 16.30 Uhr, Naturschutzhaus: Ausflug in die Welt der Honigbiene (für Kinder). Anmeldung erforderlich 0611/261656

29. Juni, Schloss Freudenberg: Zweiter Termin Bienen-Seminar

29. Juni, 31. August und 7. September, ab 10 Uhr: Schnupperimkern in Bierstadt (Anmeldung im Umweltladen unter 0611/313600)

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