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Geht doch – Leben mit Behinderung, Beeinträchtigung, Handicap

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Von Hendrik Jung. Fotos Michael Zellmer.

Klänge erzeugen und Hip-Hop tanzen, kreativ schreiben und Filme drehen – in den letzten Wochen haben sich Menschen mit und ohne Beeinträchtigung vielfach gemeinsam kreativ betätigt. Die Ergebnisse der spannenden Workshops werden nun Anfang Juni im Rahmen des inklusiven Filmfestes „No Limits“ präsentiert – bei einer Ausstellung in der Mauritius-Mediathek, in einem Kurzfilmprogramm im Festivalkino Caligari und live beim Auftritt der Hip-Hop-Tänzer während der Auftaktveranstaltung am 28. Mai auf dem Mauritiusplatz. Dort wird auch eine Kletterwand stehen, und wer möchte, kann sich an einem Rollstuhl-Parcours versuchen. Oder auch Stan Albers und Stephan Vokuhl zujubeln. Sie werden ihren Halbmarathon durch die Landeshauptstadt beim Fest auf dem Mauritiusplatz beenden.

Seit dem vergangenen Jahr treten die beiden Arbeitskollegen von der Wiesbadener IFB-Stiftung als gemeinsames Lauf-Duo an. Dabei leidet Stephan Vokuhl seit seiner Geburt an einer Tetraspastik und kann deshalb kaum laufen, lediglich einen Arm eingeschränkt benutzen und sich auch sprachlich nur schwer verständlich machen. Er sitzt in einem Laufrollstuhl, der von seinem Laufpartner Stan Albers angetrieben wird. „Alleine bin ich deutlich langsamer als mit Stephan. Am Anfang dachte ich, meine Uhr ist kaputt. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden“, berichtet der 55-jährige.

Laufend Lerneffekte

Nicht der einzige Lerneffekt, den die Partnerschaft mit sich gebracht hat. „Für mich war es neu, so nah an jemandem dran zu sein, der krass behindert ist. Und für Stephan war es neu, voll und ganz in einen Sportablauf zu gehen, der auf seine Behinderung keine Rücksicht nimmt“, erläutert Stan Albers. Die beiden sind sich einig, dass ihre Läufe ganz auf die Zeit ausgerichtet sein sollen. Dabei wird der 47-jährige Stephan, der mit einem Gurt gesichert ist, auch mal im Sitz hin und her geschleudert. Und das, obwohl der passionierte E-Rolli-Fahrer eigentlich findet, dass es „gar nicht geht“, dass ein Erwachsener geschoben wird. Für die Teilnahme an den Rennen stehe er zum Teil sogar extrem früh auf, um rechtzeitig zur Abfahrt fertig zu sein. „Seine Behinderung verschwindet ein Stück weit. Früher hat er nur zugeschaut. Jetzt hilft er mit, wenn ich den Laufrollstuhl zusammen baue“, betont Stan Albers. Deswegen hält es der gebürtige Niederländer für einen Verstoß gegen das Menschenrecht, wenn man Menschen mit Beeinträchtigung Inklusion vorenthalte. „Nur so wirst du auf eine Art und Weise angesprochen, die alles mobilisiert, was du an Kraft in Dir hast“, findet er. Für den Sportverein Rhinos wolle man daher sowohl einen Laufrollstuhl für Kinder anschaffen, als auch ein Damen-Team ausrüsten, um auf Veranstaltungen mehr Präsenz zeigen zu können.

Geplant war im Rahmen von „No Limits“ auch eine Besucher-Führung für Sehbehinderte im Landesmuseum. Die Grundlage dafür wurde in einem Projekt der Hochschule RheinMain entwickelt. „Ich hoffe, dass wir es irgendwann umsetzen können“, betont Annika Haas vom Museum, dass aufgeschoben hier nicht aufgehoben bedeuten soll. Das wäre ganz im Sinne von Thomas Sauer, der den Studierenden beratend zur Seite stand. „ Die Überlegung war, wo man etwas ergänzen kann. Etwas für die Sinne anzubieten“, erläutert der 34-jährige. Seine Sehkraft ist seit seiner Geburt stark eingeschränkt. So sehr, dass er die Bedingungen erfüllt, um als blind zu gelten, auch wenn er manche Kontraste noch wahrnehmen kann. „Der große Eisbär in der Ausstellung darf nicht berührt werden, aber man könnte eine Alternative entwickeln, bei der das Bärenfell angefasst werden kann. Außerdem müsste man die Dimension des Tieres verdeutlichen“, gibt Thomas Sauer ein Beispiel.

Inklusion bedeutet Austausch

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Auf diese Weise würden alle Gäste die Gelegenheit erhalten, ein Eisbär-Fell begreifen zu können. Schließlich bedeutet Inklusion für ihn, dass alle etwas davon haben. Am liebsten hätte es der studierte Pädagoge, dass Sehbehinderte eine Führung durch die Ausstellung anbieten. „Es ist wichtig, Dinge zu machen, wo man in Austausch kommt“, findet Thomas Sauer. Aus diesem Grund ist er seinen Eltern nach wie vor dankbar. Sie haben sich dafür eingesetzt, dass er Ende der 80-er Jahre nach dem Kindergarten auch die Grundschule in seinem Heimatort Leidersbach und später ein paar Jahre das Gymnasium in Aschaffenburg besuchen konnte. Zwar sei es dann richtig gewesen, an die Blindenstudienanstalt nach Marburg zu wechseln, wo er nach dem Abitur an der Philipps-Universität studiert hat. Doch ist er sicher, dass sein Selbstvertrauen ohne diese Erfahrungen ein anderes wäre. „In der sogenannten Regelschule muss man sich auch mal behaupten. Das hat mir sehr viel mit gegeben“, erläutert Thomas Sauer, der beruflich in der Beratungsstelle von Blickpunkt Auge in der Taunusstraße viele Menschen berät, denen durch Krankheit der Verlust ihrer Sehkraft droht. „Wir sind auch mal zu zweit mit dem Zug nach Kassel gefahren und mit den Blindenstöcken auf ein Heavy-Metal-Konzert gegangen“, erzählt er, was alles möglich ist, auch wenn man schlecht oder gar nicht sieht.

Als Autistin zum Abi – und weiter

Ziemlich einzigartig ist auch die Schullaufbahn von Diem My Ly verlaufen. Als Tochter philippinischer Eltern in Wiesbaden geboren, wird bei ihr in frühester Kindheit Autismus diagnostiziert. „Ich war sehr schüchtern und habe mich nicht getraut, Menschen anzusprechen“, blickt die 21-jährige zurück. Auch habe sie in ihrer Kindheit gelernt, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Eingeschult wurde sie in der Johann-Hinrich-Wichern-Schule, einer Schule mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Ein Lernziel, das wohl nur bei wenigen Schülerinnen und Schülern so erfolgreich gewesen ist, wie bei Diem My Ly. Denn eine Lehrerin erkennt deren Potenzial und sorgt mit zusätzlichem Einzelunterricht dafür, dass diese ihren Lernrückstand überwindet. „Gib nicht auf, egal wie viele Hindernisse im Weg stehen“, habe die Lehrerin ihr mitgegeben. Das Mädchen mit den vietnamesischen Wurzeln wechselt auf die Comeniusschule. Hier hilft ihr die Teilnahme an einer Theater-AG dabei, sich anderen zu öffnen und ihr Selbstwertgefühl zu heben. Eine Antiaggressionstherapie trägt ebenfalls dazu bei, dass es ihr fortan immer leichter fällt, Freundschaften zu entwickeln. Während sie von Mitschülerinnen und Mitschülern oft unterstützt wird, muss sie sich immer wieder mal gegen Vorurteile von Lehrkräften zur Wehr setzen. „Teilweise haben sie über mich gelacht. Ich hätte unrealistische Vorstellungen über meine Zukunft“, erinnert sich Diem My Ly. Am Ende macht sie ihr Abitur an der Carl-von-Ossietzky-Schule und studiert nun bereits im zweiten Semester Jura in Marburg. Einerseits, weil sie gerne Menschen helfen möchte. Andererseits, weil sie davon ausgeht, dass sie damit weiterhin immer wieder an ihre Grenzen gehen muss.

Die ganze Familie zeigt: Elisa gehört zu uns

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Langweilig wird es auch im Leben der Familie Göbel (Foto: Susanne Pfeil) nicht. „Es ist immer wieder eine Herausforderung“, sagt Uwe Göbel geradeheraus. Seine Tochter Elisa ist mit dem Angelman-Syndrom geboren. Dabei führt ein Gendefekt dazu, dass die körperliche und geistige Entwicklung der Betroffenen sich stark verzögert und die Sprache ausbleibt. Elisa braucht sehr viel Aufmerksamkeit, weil sie sich nicht gerne alleine beschäftigt. Mutter Silvana hat deshalb bereits vor dreizehn Jahren auf Arbeit im Home Office umgestellt. Während ihre Tochter vormittags in die Schule geht, arbeitet sie zehn Stunden pro Woche für ein Wiesbadener Steuerbüro. Der jüngere Sohn Paul besucht eine Ganztagsschule, wo ihn der Vater nachmittags abholt. Gemeinsam wird dafür gesorgt, dass die 14-jährige, die gerade konfirmiert worden ist, viel Bewegung erhält. „Es ist unser Anliegen zu zeigen: Elisa gehört zu uns, sie kann das auch machen“, betont Silvana Krauß-Göbel. Sei es beim Schwimmen, beim Rad fahren, für das im vergangenen Jahr ein Tandem gekauft werden konnte, oder beim Reiten. Dazu wird es in Zukunft öfter kommen können, denn gemeinsam mit einer Freundin ist gerade der irische Tinker Indigo angeschafft worden, der nun für den Umgang mit Elisa ausgebildet werden soll. Das Pferd macht auch Bruder Paul Freude, der seine Zeit sonst gerne bei Freunden verbringt.

„Manchmal ist es halt auch blöd“, findet der Elfjährige. Er hat gelernt, dass seine Schwester, weil sie sich verbal nicht ausdrücken kann, ihn auch mal hart anpackt, wenn sie sich durchsetzen will. Mittlerweile hat sie aber gelernt, durch die Unterstützung eines Tablet Computers zu kommunizieren. „Ich will irgendwo hin“, lässt sie durch einen Klick wissen. „Aha und wohin?“, fragt ihre Mutter. Der nächste Klick ist für sie dann wenig überraschend: „Ins Eiscafé“. „Elisa ist es am liebsten, wenn wir alle zusammen sind. Sie versucht immer, uns zusammen zu führen“, berichtet Silvana Krauß-Göbel.

Den Himmel im Blick

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Um das Gemeinschaftsgefühl geht es auch Susanne Schilling bei ihrem Hobby. Außerdem wollte sie dabei von Anfang an etwas Besonderes erreichen. „Feuerfackeln, mit fünf Bällen jonglieren oder mir zwei Diabolos – irgendwas Cooles wollte ich auf jeden Fall machen“, berichtet die Hobby-Jongleurin. Weil sie von Geburt an schlecht laufen und nicht lange stehen kann, hat sie in ihrer Schulzeit nicht am Sportunterricht teil genommen. Zwar kann sie Gymnastik machen, Schwimmen gehen oder auf flachen Strecken Rad fahren. Aber das findet sie nicht so spannend. „Ich habe immer nach einer Ballsportart gesucht, bei der man nicht laufen und springen muss“, verrät Susanne Schilling. Eine Zeit lang habe sie Tischtennis gespielt, bis sie dann einen Bericht über einen Jongleur im Fernsehen gesehen hat. Bei einem Kurs an der Volkshochschule hat sie die Grundlagen gelernt und sich dann einer Gruppe angeschlossen, die sich im Winter im Gemeinschaftszentrum Schelmengraben und im Sommer im Kulturpark trifft. „Das macht mehr Spaß, als wenn man alleine vor sich hin wurschtelt und wenn man noch nicht so viel Erfahrung hat, ist es schwierig vorwärts zu kommen“, erklärt die Systementwicklerin. In der Gruppe könne sie dagegen gemeinsam mit einem Partner oder einer Partnerin Keulen jonglieren oder sich mal mit den Feuerkeulen ausprobieren. Bei den Bällen ist sie bislang über vier noch nicht hinaus gekommen, übt aber immer neue Tricks. Die Jonglage mit zwei Diabolos dagegen gelingt ihr mit Leichtigkeit: „Das macht schon Laune, wenn es so in Richtung Himmel fliegt und wieder auf der Schnur landet.“

Den Weg zurück in die Spur finden musste Ilonka Lütjen als sie vor elf Jahren die Diagnose Multiple Sklerose erhalten hat. „Ich kannte die Krankheit nicht und habe erst Mal recherchiert: Unheilbar, man landet auf jeden Fall im Rollstuhl und kann viele Dinge nicht mehr tun“, blickt die heute 53-jährige zurück. Zunächst einmal habe sich die von je her selbstständig Tätige nur um so mehr in den Job geschmissen. Gegenüber den Teilnehmenden ihrer Coachings habe sie so getan, als wäre nichts. Ihre Erklärung: Sie habe es beim Sport übertrieben und könne wegen des Muskelkaters nicht gut laufen. Ein Weg, der in die Sackgasse führt. Vor sieben Jahren habe sie schließlich nur noch apathisch im Bett gelegen.

Auf die Potenzial-Seite konzentrieren

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Um sich daraus zu befreien, sei sie in sich gegangen und habe sich in einem unangenehmen aber notwendigen Prozess Fragen darüber gestellt, was ihr noch möglich ist, was nicht mehr und wohin es in ihrem Leben gehen soll. Ein Prozess, den sie auch in einem Buch abbildet, für das sie derzeit einen Verlag sucht. „Ich habe festgestellt, was ich kann und dass das toll ist. Es geht darum, die Potenzial-Seite zu sehen und nicht die Defizit-Seite“, betont Ilonka Lütjen. Auf ihrem langen Weg sei sie zur Ruhe gekommen, und es sei ihr auch endlich gelungen, ihre verschiedenen Seiten miteinander zu vereinen. Ilonka und Frau Lütjen zusammen zu bringen, wie sie es nennt. Seit fünf Jahren seien nun keine aktiven Entzündungen mehr in ihrem Körper festzustellen, freut sie sich. Mittlerweile gibt sie die Erfahrungen, die sie gemacht hat, als Beraterin mit ihrem Unternehmen „Busicap“ weiter. Sei es, um anderen Menschen mit Beeinträchtigung bei ihren Bewerbungen zu helfen. Sei es, um Unternehmen klar zu machen, welche Potenziale Mitarbeitende mit Handicap haben. „Man lernt, neue Lösungen zu finden, weil es einfach Dinge gibt, die man nicht mehr so gut tun kann“, gibt Ilonka Lütjen ein Beispiel.

Ministerium für Beeinträchtigung

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Weit fort geschritten sind die Planungen von Maiko Büchl für die vierte Ausgabe der Behindertentage auf dem Schlossplatz in Wiesbaden, die vom 17. bis zum 19. Juni zum zweiten Mal unter dem Titel Schlossplatzfest laufen. Mehrere Stunden am Tag ist der 38-Jährige, der nach einem schweren Autounfall vor 15 Jahren einen Behinderungsgrad von einhundert attestiert bekommen hat, mit der Organisation der Veranstaltung beschäftigt. Vom Bühnenprogramm mit zahlreichen Künstlern aus der Region über die Werbung bis zur Organisation der Wasserleitungen für die Stände reichen die Aufgaben des Vorsitzenden des Vereins Interessenverband für Menschen mit Behinderung. „Ich bin froh, dass ich mich diesmal nicht um die Gastronomie kümmern muss“, zeigt sich Maiko Büchl erleichtert. Dafür sorgt in diesem Jahr das Street Food Festival, das noch dazu als Wohltätigkeitsveranstaltung den Großteil des Budgets zur Verfügung stelle. Im Vergleich zur ersten Ausgabe wird sich die Zahl der Stände von einst fünf auf dann voraussichtlich rund 70 erhöhen und so dazu beitragen, die Anliegen des Interessenverbands bekannter zu machen. „Es geht darum, die Menschen zu fördern und nicht zu unterfordern“, ist Maiko Büchl überzeugt. So sei es wichtig, die vorhandenen Potenziale von Menschen mit Handicap genau zu erfassen, um einen passenden Arbeitsplatz für sie finden. Er würde sich gar ein eigenes Ministerium für den Bereich Beeinträchtigung wünschen und fühlt sich nicht zuletzt durch die Erfahrungen bei der Etablierung des Schlossplatzfestes dafür gewappnet, sich in Zukunft auch in der Kommunalpolitik für seine Anliegen zu engagieren.

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sensor präsentiert: No Limits-Filmfest

Das inklusive Filmfestival „No Limits“ findet, mit sensor als Medienpartner, vom 2. Bis 5. Juni in der Filmbühne Caligari statt. Die Filme sind barrierefrei mit Audiodeskription für Sehgeschädigte und Closed Caption-Untertitel oder Sprachverstärkung für Hörgeschädigte. Das Caligari verfügt über eine kinoeigene Höranlage. Empfangsgeräte, Kopfhörer und Funkschleifen stehen an der Kinokasse zur kostenlosen Ausleihe bereit. Zum „No Limits“-Rahmenprogramm gehören das große Fest auf dem Mauritiusplatz (28. Mai, 11 – 17 Uhr), die Ausstellung in der Mediathek (bis 11. Juni) und die Schatzkisten-Party im Kulturzentrum Schlachthof (3. Juni, ab 19 Uhr). www.wiesbaden.de/nolimits

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