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Geschäft des Monats: G. Eberhardt – Welt der Schneidwaren, Faulbrunnenstraße 6

Von Anja Baumgart-Pietsch. Fotos Kai Pelka

Hier gibt es nur scharfe Sachen – vom kleinen „Kneibchen“, wie der Wiesbadener ein Obstmesserchen nennt, bis zum Profi-Kochmesser, für das man einen vierstelligen Betrag investieren muss. Und das seit 1852: „Wir sind das älteste Fachgeschäft in Wiesbaden“, sagt Inhaberin Jana Seidel stolz. Als Familienbetrieb wurde die Firma Eberhardt gegründet,  konnte sich einstmals sogar mit dem Titel als „Hoflieferant“ des Großherzogs zu Luxemburg schmücken. Jana Seidel ist keine Nachfahrin, aber fühlt sich seit 30 Jahren in der Welt der scharfen Messer und spitzen Scheren zu Hause.

„Ich bin aus der DDR gekommen“, erzählt sie, „dort hatte ich Betriebswirtschaft studiert. Hier in Wiesbaden wohnte meine Oma, darum bin ich hier gelandet. Zuerst habe ich hier als Putzfrau gearbeitet.“ Sie stieg dann ins Geschäft ein und übernahm es später – bereut hat sie diesen mutigen Schritt nicht.

Viele Stammkunden schätzen die exzellente Beratung von Jana Seidel und ihrer Mitarbeiterin Christine Schönberger, auch eine Quereinsteigerin aus der Nachbarschaft – mit thematischer Querverbindung: „Ich bin eigentlich Friseurmeisterin.“ Daher hat sie auch sehr viel Ahnung von Scheren. Sie jobbte in einem Wollgeschäft in der Faulbrunnenstraße, stieg dann aber auch ins Messergeschäft ein. Die beiden Frauen sind inzwischen gut befreundet. Mehr über die „Welt der Schneidwaren“ weiß wohl niemand in Wiesbaden. „Und ich glaube, wir sind auch im weiteren Umkreis das einzige Geschäft dieser Art“, mutmaßt die Chefin. Sie führt noch einen kleinen Prozentsatz an anderen Haushaltswaren wie Pfeffermühlen oder Nussknacker, aber in der Hauptsache geht es hier wirklich darum, „Dinge kleinzukriegen“.

Geschäftsfeld: Dinge kleinkriegen

Ob das der Bart ist – es gibt eine riesige Auswahl an Rasiermessern und Rasierpinseln („auch vegan”, betont Seidel), die Haare mit Friseurscheren aller Art, Maniküre- oder Pedikürezubehör – oder eben Lebensmittel. Spezialmesser aller Art gibt es in dem kleinen Geschäft, aus japanischem Damaszenerstahl in Hunderten von Schichten oder als fröhlich-buntes Plastikutensil. Messerblöcke oder Schubladeneinsätze sorgen dafür, dass das Werkzeug scharf bleibt. Ist es doch mal ein bisschen stumpf geworden, wird es fachgerecht nachgeschärft. Wer das selbst lernen möchte, kann an einem Messerschärfkurs teilnehmen, das nächste Mal am 10. September. Auch andere Reparaturen werden hier durchgeführt: Da werden Klingen ersetzt, Silber geputzt und alles getan, damit die guten Stücke ihre Funktion wieder erlangen.

Profiköche und Hobbyköche schätzen die Auswahl – „wir haben auch immer ein bisschen Obst hier, um das Ganze auszuprobieren“, sagt Jana Seidel. Wenn im Fernsehen wieder mal ein Koch gezeigt hat, wie man mit so einem Profimesser schneidet, kommen viele und wollen auch so eins. Die besten Messer kommen zwar neben Japan noch immer aus Solingen, „aber da muss man aufpassen“, meint Seidel: „Solingen kann jeder drauf schreiben. Das kann auch aus China kommen.“

Homepage ohne Webshop: Kunden sollen persönlich kommen

Wer ein ausgefallenes Geschenk sucht, wird hier garantiert fündig, denn wer hat beispielsweise schon ein Kiwi-, ein Austern – oder ein Maronenmesser? Für nicht rostfreie Messer gibt es chinesisches Kamelienöl zur Pflege. Unter den Schneidbrettern aller Art  empfiehlt Jana Seidel die Holzbretter, weil die am besten für die Messerklingen seien. Sammlerstücke mit Griffen aus Mammutknochen oder besonderem Gestein sind auch zu finden, außerdem filigrane Scheren, fröhlich-bunte Opinel-Messer aus Frankreich, man kann sich gar nicht sattsehen an der riesigen Auswahl. „Es kommt eben auch auf die Liebe zur Ware an“, sagt Christine Schönberger, nach dem Erfolgsgeheimnis des nostalgisch wirkenden Ladens befragt. „Wir haben zwar auch eine Homepage, aber keinen Internetshop. Wir wollen, dass die Leute zu uns kommen.“

In der Waffenverbotszone

Die beiden Spezialistinnen blicken absolut optimistisch in die Zukunft. Und das, obwohl sie seit neuestem sogar in der Zone der Stadt angesiedelt sind, in der es verboten ist, ein Messer dabeizuhaben. „Das gilt ja nur nachts“, lacht Jana Seidel. Und bei bestimmten Messern, die erst ab 18 Jahren verkauft werden, lassen die Damen sich immer den Ausweis zeigen. „Verbotenes, wie Butterflymesser, gibt es natürlich gar nicht. Und manches wird eben für den Transport auch gut verpackt.” Und das Schweizer Taschenmesser – selbstverständlich ebenfalls in riesiger Auswahl erhältlich – ist  ja sowieso immer erlaubt.

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