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Hereinspaziert … in die Ausstellung „Future Perfect“ von Sofi Zezmer in der Galerie Hafemann

Von Dirk Fellinghauer (Text und Fotos).

„Wahrnehmung ist mein Thema“, sagt Sofi Zezmer gleich zu Beginn der Führung durch ihre aktuelle Ausstellung, zu der sie sensor in die Galerie Hafemann, eine Institution des Wiesbadener Kunstbetriebs in einem Hinterhof in der Oranienstraße, eingeladen hat. Die Wahrnehmung der Sofi Zezmer ist ein faszinierendes Thema, wissen wir nach dem Rundgang durch eine Welt ganz unterschiedlicher künstlerischer Ausdrucksformen und eines besonderen Interesses: Zeit.

Die Künstlerin macht es spannend, lässt den Besucher noch ein paar Minuten draußen warten, weil sie in ihrer Ausstellung noch etwas vorbereiten, also etwas  anschalten muss. In der Ausstellung passiert nämlich so einiges. Da laufen uralte Dias durch rotierende Magazine mit Motiven von Mittelmeer-Landschaften, entstanden Ende der 1950er-, Anfang der der 1960er-Jahre, wunderschön und gezeichnet von der Zeit. „Wir sind in der Zukunft von damals“, bemerkt Sofi Zezmer, die Ausstelung heißt: „Future Perfect“.

Sie schöpft aus den Vollen in dieser Schau (auch dank finanzieller Freiheiten durch Förderung im Rahmen des BBK-Bundesprogramms „Neustart Kultur“ / Innovative Kunstprojekte), zieht alle Register der künstlerischen Ausdrucksformen, hat Skulpturen, Objekte, Fotografien, Zeichnungen, Installationen, Projektionen und Texte geschaffen und in zwei Räumen platziert, inszeniert, choreografiert.

Sie beschäftigt sich mit Theorien – etwa jener, dass wir Dinge anders wahrnehmen, wenn wir neue Informationen über sie bekommen. Zum Beispiel so: Da ragt doch im ersten Ausstellungsraum einfach eine Tannenbaumspitze von der Wand in den Raum hinein. Wirklich? Beim genauen Blick offenbart sich: Es ist der Bronzeabguss einer Tannenbaumspitze. Was macht diese Information mit uns, mit unserer Wahrnehmung, mit dieser Tannenbaumspitze? Wird das, was sonst nach einer kurzen Bedeutungsspanne nach Weihnachten lieblos entsorgt wird, dadurch erst wertvoll?

„3 seconds now“ behandelt unsere Wahrnehmung von Zeit, das Empfinden von „Jetzt“ beschränkt sich laut Untersuchungen auf 2,5 bis 3 Sekunden. Sofi Zezmer schafft aus dieser Erkenntnis ein Objekt voller Begriffe, im Siebdruck-Verfahren auf zwei hintereinander stehenden Echtglas-Scheiben platziert: „In der Wiederholung passiert etwas.“ Das Spiel mit Sprache liegt der Künstlerin so sehr wie das mit Materialien, die sie aufspürt, bearbeitet, verfremdet zu Neuem zusammenfügt.

Sofi Zezmers Arbeiten sind sehr durchdacht, aber nicht verkopft. Sie wirken oft leicht, sehr verspielt, voller Überraschungen, feinem Sinn und Humor – wie etwa der Spazierstock, ebenfalls von der Wand in den Raum hineinragend, der gedanklich zum Fahnenhalter umfunktioniert wird – und doch oft aufgeladen, auch mit schweren Themen. Poesie trifft auf Politisches, Grundsätzliches auf Aktuelles, klare Aussagen auf gedanklichen Freiraum.

„Meine Arbeiten entstehen im Bezug zum Raum“, erklärt Sofi Zezmer, in dieser Ausstellung hat sie zwei Räume eingerichtet. Die 1959 im polnischen Lodz geborene Künstlerin, die ihre ersten zwanzig Lebensjahre in fünf ganz unterschiedlichen Ländern verbrachte, die in New York studierte und seit 1995 in Wiesbaden lebt und arbeitet, versteht es meisterhaft, ungeahnte Bezüge herzustellen. So korrespondiert im oberen Geschoss eine faszinierende Spiegel-Installation, die mit Trennscheiben ein Phänomen pandemischer Zeiten aufgreift – „man redet nicht mehr unmittelbar“, mit auf einem filigranen Pult präsentierten Ausgaben des „Spiegel“-Magazins aus längst vergangenen Jahrzehnten mit frappierenden Themen in Bezug zur heutigen Zeit.

Wunderbar auch die Wand-Installation „Private View“. Hier können Betrachter:innen hinter einem Vorhang in einem kaum mehr als Kopf großen Kasten verschwinden, sich selbst in einem effektreichen Spiegel betrachten und sich beim Betrachten durch ein Guckloch von anderen betrachten lassen. Kriege und Entwurzelung thematisiert eine Arbeit, die einen Baum, einen Geschoss und einen Gebetsteppich auf einem Geselligkeit vermittelnden Tisch verbindet. Das Themenspektrum der Ausstellung ist so vielschichtig wie die Kunstformen. Dabei beherrscht Sofi Zezmer auch die Kunst, aus all dem Vielen kein Sammelsurium des Beliebigen entstehen zu lassen, virtuos.

„Mein roter Faden ist die Befragung der Vorstellung von Realität – und die Grenze zwischen dem, was man sich vorstellt, was man weiß, was man erfährt“, erläutert die Künstlerin, die sich auch intensiv mit Utopien beschäftigt. Interaktion ist auch Bestandteil dieser Befragung auch sein. Besucher:innen dürfen in ein Regal voller (umgedrehter) Bücher greifen und eine Wand mit Zitaten beschriften – und machen davon, wie sich zeigt, rege Gebrauch.

Man merkt der Ausstellung an, dass hier eine höchstinteressierte und hochkonzentrierte Künstlerin am Werk ist, eine vielfach – auch durch ständiges Reisen und intensiven Austausch – inspirierte und inspirierende. Und eine äußerst aufmerksame. Man verlässt die Ausstellung „Future Perfect“ mit einer neuen Wachheit, einer neuen Aufmerksamkeit für Dinge und Zusammenhänge. Oder ist das nur die eigene Wahrnehmung?

Sofi Zezmers Austellung „Future Perfect“ ist noch bis zum 31. Juli in der Galerie Hafemann in der Oranienstraße 48 in Wiesbaden zu sehen. Öffnungszeiten Do + Fr 14.00 – 18.00 Uhr und nach Vereinbarung. Die Ausstellung ist gefördert durch Neustart Kultur, BBK – Innovative Projekte, Modul C. Die Finissage ist am Samstag, 30. Juli, um 16 Uhr. www.sofizezmer.com

Für die neue Rubrik „Hereinspaziert“ spaziert sensor in loser Folge in unterschiedlichste Orte und Räume und schildert seine Eindrücke. Der Titel der Rubrik darf aber auch als Aufforderung gelesen werden: Hereinspaziert!

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