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Herzlich willkommen – und wie!? Geschichten gelebter Willkommenskultur in Wiesbaden

Titelstory_Aufmacher_4spVon Hendrik Jung. Fotos Kai Pelka

Auch nach Wiesbaden kommen immer mehr Flüchtlinge. Und immer mehr Wiesbadener wollen ihnen helfen. Aber wie? sensor erzählt Geschichten gelebter Willkommenskultur und gibt Tipps für konkretes Engagement.

Menschen, die vor Krieg oder Unterdrückung aus ihrer Heimat fliehen, brauchen Hilfe. Bis ihr Asylantrag bewilligt ist, haben sie nicht einmal Anspruch auf einen Sprachkurs. Ehrenamtliche tragen zur Vermittlung von Sprachkenntnissen, zur Beschaffung von Gebrauchsgegenständen oder zur Integration von Geflüchteten bei. Zu den Einrichtungen, Organisationen und Trägern gesellen sich auch immer mehr Einzelpersonen, die das Bedürfnis haben, „irgendwie“ zu helfen. Wo ein Wille ist, kann der Weg seit neuestem auch über eine offizielle Homepage der Stadt führen. Mit www.wiesbaden.de/fluechtlinge hat die Landeshauptstadt eine Internet-Seite eingerichtet, auf der Interessierte erfahren, wie sie „richtig“ und sinnvoll helfen – wo sie Sachspenden abgeben können, wohin sie Geld spenden können und welche Organisationen in der Arbeit mit Geflüchteten aktiv sind. Per Online-Formular können auch konkrete Hilfsangebote gemacht werden. „Das städtische Amt für Grundsicherung und Flüchtlinge erhält täglich zahlreiche Anrufe von hilfsbereiten Wiesbadenern, die sich engagieren möchten. Auch zur Bündelung dieser Hilfsangebote dient das neue Internetangebot“, hieß es zum Start.

„Für die große Zahl an Asylbewerbern, die wir haben, ist es erstaunlich ruhig und läuft erstaunlich gut“, bekräftigt Bürgermeister Arno Goßmann. Bislang habe man es noch immer geschafft, die derzeit 14 Gemeinschaftsunterkünfte nie vollständig zu belegen. „Wir wollen nicht in die Situation kommen, dass wir Neuankömmlinge nicht aufnehmen können. Zum anderen wollen wir das Gefühl der Enge weitgehend vermeiden. Aber wir wissen nicht, wie lange wir das durchhalten können“, erklärt Goßmann, der auch Sozialdezernent der Stadt ist. Im Gespräch mit sensor ging er davon aus, dass Wiesbaden in diesem Jahr rund 1.500 Asylbewerber aufnehmen muss, von denen knapp die Hälfte bereits hier ist. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht wissen, dass die Bundesregierung ihre „Flüchtlingsprognose“ von bisher 450.000 auf 650.000 oder gar 750.000 neue Asylbewerber im Jahr 2015 anheben würde – und schon gar nicht, dass Wiesbaden überraschend vom Land Hessen mit der Einrichtung von Notunterkünften für unregistrierte Flüchtlinge beauftragt würde.

Mehr als 700 Flüchtlinge lebten Mitte August in Wiesbadener Gemeinschaftsunterkünften, mindestens genau so viele sind in Wohnungen untergebracht. Doch keiner weiß, wie viele noch kommen. Daher sollen zwei Gebäude der Kastel Housing Area umgebaut werden, damit hier ab Mitte kommenden Jahres mehr als 300 Asylbewerber leben können. Derzeit befinden sich auch 157 geflüchtete Kinder sowie 82 Jugendliche in Wiesbaden. Das fordert sowohl Kindertagesstätten als auch Schulen. „Die Zahl ist steigend, deshalb werden wir im kommenden Schuljahr in der Grundschule und in der Sekundarstufe je zwei neue Intensivklassen einrichten, in denen nur Deutsch unterrichtet wird. Insgesamt werden es dann 21 sein“, berichtet Jacqueline Brand vom Staatlichen Schulamt. Ein neues Landesprogramm soll sich außerdem den über 16-jährigen widmen, die nicht mehr der Schulpflicht unterliegen. Um die Chancen der Zuwanderung zu nutzen, arbeiten Handels- und Handwerkskammer, die Agentur für Arbeit und das Amt für Grundsicherung und Flüchtlinge zusammen. Um die Potenziale der Asylbewerber zu identifizieren, ist eine dreimonatige Maßnahme geplant, die Geflüchtete an den Arbeitsmarkt heran führen, ihre berufsfachlichen Sprachkenntnisse erweitern und ihre fachlichen Kenntnisse feststellen soll. Als die neue Internetseite offiziell vorgestellt wurde, wiesen OB Sven Gerich und Bürgermeister Arno Goßmann als gemeinsame Initiatoren darauf hin, dass Wiesbaden traditionell eine internationale und weltoffene Stadt ist. „Einheimische und zugezogene Menschen aus allen Teilen der Welt leben in der hessischen Landeshauptstadt friedlich zusammen. Wir möchten, dass dies so bleibt!“ Vier Geschichten erzählen, wie es funktionieren kann.

Flüchtlingshilfe im Café
Im evangelischen Gemeindehaus der Oranier-Gedächtnis-Gemeinde herrscht lebendiges Treiben. Gut drei Dutzend Geflüchtete aus dem Irak, Syrien, Afghanistan, Mazedonien oder Eritrea sitzen mit einem Dutzend Ehrenamtlicher zusammen und tauschen sich aus, so gut es eben geht. Als hier das „Café Hallo“ gemeinsam mit der Caritas und dem Stadtteilbüro Bauhof im April ins Leben gerufen worden ist, war es Pfarrer Martin Roggenkämper wichtig, ein niedrigschwelliges Angebot zu machen. „Hier muss man keinen Ausweis zeigen, man muss keine Anerkennung haben und man muss kein Deutsch sprechen“, macht er deutlich. Auch für Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, sei das Café ein guter Anlaufpunkt, um Asylbewerber kennenzulernen. „Ich habe viel Zeit, ich komme jeden Montag her“, lässt der aus Eritrea stammende Idriss Osman wissen. Seine arabischen Antworten übersetzt der 24-jährige Ibrahim Karam. „Ich suche den Kontakt zu Menschen, um besser Deutsch zu lernen und ein bisschen Spaß zu haben. Deshalb suche ich einen Tandem-Partner“, erläutert der junge Iraker in ausgezeichnetem Deutsch. Außerdem haben die Asylbewerber die Möglichkeit, mit ihren Problemen hierher zu kommen. „Ich habe eine Aufenthaltsgenehmigung, aber warte seit sechs Monaten darauf, dass was passiert“, berichtet der aus Syrien stammende Khalil Osman. „Das liegt am Personalmangel in der Ausländerbehörde“, glaubt Maria Braun von der Caritas. Ein ehemaliger Kollege von ihr gibt den Geflüchteten ebenfalls Tipps. „Ich bin regelmäßig hier und mache ein bisschen Beratung“, berichtet Henning Marquardt. So sei es wichtig, dass die Fluchtgeschichte klarer wird. „Es reicht nicht aus zu sagen: Ich habe Angst“, erläutert der 67-jährige. Eines der langfristigen Ziele sei, dass sich die Gäste ebenfalls einbringen. Sei es mit Speisen, wie es ein Mann aus Eritrea bereits getan hat. Sei es mit Vorträgen über die Heimatländer der Gäste, sobald sie besser Deutsch sprechen.

Das Café Hallo findet jeweils montags zwischen 15 und 17 Uhr im Gemeindehaus der Oranier-Gedächtnis-Gemeinde in der Bunsenstraße 25 in Biebrich statt. Ebenfalls in Biebrich ist donnerstags zwischen 16 und 18 Uhr das Begegnungscafé der Albert-Schweitzer-Gemeinde in der Albert-Schweitzer-Allee 44. Das Hessische Staatstheater öffnet jeweils mittwochs zwischen 16 und 18 Uhr die Tore der Theaterwerkstatt für das Café Fluchtpunkt. Tandem-Partner vermittelt unter anderem das Projekt Willkommen des Wiesbadener Flüchtlingsrats. Informationen dazu gibt es jeweils mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr entweder telefonisch unter der 0611/495249 oder in den Räumen in der Blücherstraße 32.

Flüchtlingshilfe mit dem Fahrrad
„Rückenwind“ geben wollen die Engagierten des gleichnamigen Gemeinschaftsprojektes: „Wir wollen den Bewohnern der Flüchtlingsunterkünfte ermöglichen, in ihrer neuen Heimatstadt mobil zu sein, sich die Stadt selbstbestimmt erschließen zu können und am sozialen Leben der städtischen Gesellschaft teilzunehmen.“ Bei der Vorstellung der neuen Initiative beim Internationalen Begegnungsfest in Biebrich war die Nachfrage nach gespendeten Rädern riesig. „Das ist uns etwas entglitten. Einige von den Fahrrädern, die uns die Leute bringen wollten, sind gar nicht bis zu unserem Stand gekommen“, berichtete Gerald Kunz. Wer keins mehr bekommen hat, lässt sich auf eine Liste setzen und wartet auf Benachrichtigung. So wie die 21-jährige Siham Kahsay. „Bus fahren kostet viel Geld“, erklärt die Asylbewerberin aus Eritrea, warum sie sich eingetragen hat. „Rad fahren ist erst mal gut für die Gesundheit, um Sport zu machen und es ist besser als ein Auto, von der Luft her“, fügt ihr Bruder Joseph Fitsum hinzu. Schon in seinem Heimatland sei der 23-jährige immer Fahrrad gefahren. Nun möchte er für sich, seine Frau und seine beiden Kinder auch in Deutschland die Möglichkeit dazu haben. „Das ist ein sinnvolles Projekt, denn die Räder ermöglichen es nähere Distanzen selbstbestimmt zu überwinden“, findet Gerald Kunz. Er ist in keiner der fünf Träger-Organisationen Mitglied, sondern hat sich Rückenwind angeschlossen, weil er von dem Projekt überzeugt ist. Dieses soll auch die Möglichkeit bieten, sich an Touren des ADFC oder des Verkehrswende-Bündnisses zu beteiligen oder beim gemeinsamen Schrauben im Repair Café Kontakte zu knüpfen.

Wer funktionsfähige Fahrräder spenden oder mitarbeiten möchte, kann sich an folgende Adresse wenden: mail@rueckenwind-in-wiesbaden.de, www.rueckenwind-in-wiesbaden.de. Es gibt auch eine Fahrradwerkstatt in der Gemeinschaftsunterkunft in der Breslauer Straße in Biebrich (Infos: 0611/4115832) sowie die Initiative von Torsten Hornung, der ebenfalls gebrauchte Fahrräder für Asylbewerber sammelt (Infos: 0611/3757775).

Flüchtlingshilfe in Bioqualität
Kaum bestellt der Gast des Bio-Hofladens Haselnuss im Westend seinen Cappuccino, schon stellt Ali Abdinasir eine Tasse auf die Espressomaschine. „Es erstaunt mich immer, wie er bei der Sache ist und alles aufsaugt, wie ein Schwamm. Mittlerweile ist er mein Barista. Er macht besseren Kaffee als ich“, lobt Inhaberin Uta Müller ihren Praktikanten aus Somalia. „Ich habe viel gelernt von Frau Müller und meinen Kollegen. Wie man mit der Kaffeemaschine umgeht und wie die Gemüse auf Deutsch heißen. Ich kenne die Namen zwar auf Englisch, aber nicht auf Deutsch“, berichtet Ali Abdinasir. Außerdem höre er den Kunden immer genau zu, denn dadurch könne er die richtige Grammatik lernen. Derzeit geht er auf die Kerschensteinerschule und will im nächsten Sommer seinen Hauptschulabschluss machen. „Ich möchte zwei Berufe lernen. Entweder als Krankenpfleger oder bei der Post arbeiten. Aber erst will ich noch bis zum Realschulabschluss weiter machen“, berichtet der aufgeweckte 18-jährige von seinen Plänen. Ob er sie wird umsetzen können, wird auch davon abhängen, ob sein Asylantrag bewilligt wird. Uta Müller könnte sich gut vorstellen, ihren Schützling auch dauerhaft zu beschäftigen. „Das ist für mich eine Chance etwas zu leisten. Man muss seine Grenzen kennen. Ich bin kein Therapeut und kann schlecht auf ein Trauma reagieren“, erläutert die 55-jährige, warum dies für sie genau die richtige Form ist, sich für Geflüchtete zu engagieren.

Der Leiter des Amtes für Grundsicherung und Flüchtlinge, Wolfgang Werner, berichtet, die Wiesbadener Agentur für Arbeit solle gebeten werden, die Arbeitsregelung für Helferberufe für diese Zielgruppe zu öffnen. Nach Vorstellung des Amtes solle in Zukunft auf die sogenannte Vorrangprüfung verzichtet werden, wenn sie einen Helferberuf in der Pflege, in der Altenpflege, der Landwirtschaft, dem Lebensmittelhandel oder im Bereich der Ver- oder Entsorgung antreten könnten.

Flüchtlingshilfe auf der Bühne
Sechzehn Darstellerinnen und Darsteller aus Afghanistan, Deutschland, Eritrea und Serbien bewegen sich auf der Bühne. Dass sie sich zum Teil nur mit der Hilfe von Übersetzungen verständigen können, spielt dabei keine Rolle. Ein Ensemblemitglied gibt einen Impuls, und schon drücken alle eine Emotion wie Freude, Langeweile oder Müdigkeit aus. Auch kleine Szenen haben sie gemeinsam mit Theater- und Tanzpädagogin Sibylle Magel sowie Theatertherapeut Björn Kaltwasser im Laufe des Wochenendes erarbeitet. Liebesleid und Fremdenfeindlichkeit gehören zu den Themen, die sie ihrem Publikum bei der Abschlussvorführung präsentieren. Die Gäste haben statt eines Eintritts kleine Speisen mitgebracht, so dass der Austausch auch nach dem Schlussapplaus fortgeführt wird. „Es war toll, dass wir auch mit dem Publikum in Kontakt gekommen sind. So viele Leute am selben Tisch“, blickt Habteab Mehbratu zurück. Eine bessere Gelegenheit, um mit anderen Menschen Verbindung aufzunehmen, als diesen Workshop, könne er sich nicht vorstellen. „Von Theater hatte ich vorher keine Idee und habe nicht geglaubt, dass es geht. Aber ich habe für mich fest gestellt, dass ich Theater spielen kann und es hat sehr viel Spaß gemacht“, fügt der 25-jährige aus Eritrea hinzu. Auch bei den beiden Workshop-Leitenden ist die Veranstaltung gut angekommen. „Ich habe zum ersten Mal mit Geflüchteten gearbeitet. Sie haben sich ohne nachzudenken auf die Übungen eingelassen, was sonst nur Profis machen“, betont Sibylle Magel. Sie schätze es sehr, sich in ihrem Metier für Asylbewerber einsetzen zu können. „Es berührt mich total, dass Menschen so viel auf sich nehmen, um ein besseres Leben führen zu können. Das ist ein Wahnsinnsweg, der noch nicht zu Ende ist. Sie treffen hier auf Bedingungen, die zum Teil unzumutbar sind. Sie haben zwar ein Dach über dem Kopf, aber keine Arbeit und können die Sprache nicht lernen“, fügt die 53-jährige hinzu. Probleme, die auch ein Theater-Workshop nicht lösen kann. Aber er bietet die einzigartige Möglichkeit zu Austausch, der ohne Sprache funktioniert.

Der nächste Wochenend-Workshop mit Sibylle Magel und Björn Kaltwasser wird vom 23. bis 25. Oktober im evangelischen Gemeindezentrum in Niedernhausen statt finden. Interessierte können sich per mail an the-news@web.de wenden. Im Staatstheater Wiesbaden beginnt im September ein dreimonatiges Theaterprojekt mit jugendlichen Geflüchteten. Interessierte können sich per Mail an theaterwerkstatt@staatstheater-wiesbaden.de oder unter der Telefonnummer 0611/132270 an Priska Janssens wenden. Anmeldeschluss ist der 20. September.

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