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In Gottes Namen: Hin und weg – Glaubenswege in Wiesbaden

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Von Katharina Dietl und Falk Ruckes. Fotos Kai Pelka.

In Gottes Namen … Genau 500 Jahre ist der Thesenanschlag Luthers her. Was führt heute noch Wiesbadener hin zum Glauben? Und was vielleicht auch wieder weg. Drei sehr persönliche Glaubensgeschichten.

Ein Strahlen geht über Beate Lugners Gesicht, wenn sie von ihrer Arbeit im Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde in Rambach erzählt. Eine Tätigkeit, der sie in dem Wiesbadener Stadtteil seit knapp 20 Jahren mit Freude und Engagement nachgeht und die sie vermutlich noch einige Jahre fortführen wird – neue Vorstandsmitglieder rücken kaum nach, wenige wollen sich auf sechs Jahre verpflichten. Dass sie sich so in der Kirche engagieren würde, hätte sie mit Anfang 20 noch nicht gedacht, denn damals ist sie zunächst aus der Kirche ausgetreten. Mit dem Glauben konnte sie nicht mehr viel anfangen. Aufgewachsen ist Beate Lugner in einer Familie, in der die Eltern zwar kirchlich getraut waren und sie selbst getauft wurde. Religion spielte aber kaum eine Rolle. Trotzdem entwickelte sie eine Form von Glauben und hoffte, durch Beten Unterstützung von Gott zu erfahren. Vergeblich: Weil sie sich nicht wahrgenommen fühlte, entschied sie irgendwann, dass es Gott nicht geben kann und betete von da an nicht mehr.

Als sie dann mit Ende 20 einen Zeitungsartikel über eine „Austrittsflut“ aus der Kirche las, berührte sie dies zunächst wenig. Doch unterbewusst schien es in ihr zu arbeiten, und dann war sie plötzlich da: die Gewissheit, wieder in die Kirche eintreten zu wollen, nachdem sie fast 10 Jahre kein Kirchenmitglied gewesen war. Erstaunlich fand sie, dass ihr von Seiten der Kirche eine Bedenkzeit auferlegt wurde und sie erst nach mehreren Wochen und einem erneuten Gespräch mit dem Gemeindepfarrer offiziell im Gottesdienst wiederaufgenommen wurde.

Gott als wichtige Instanz

Durch ihre Arbeit im Kirchenvorstand zeigt sich ihr auch, wie viel die Kirche karitativ macht – eines ihrer Herzensprojekte ist die evangelische Kita Sonneninsel in Rambach. „Viele Menschen, die aus der Kirche austreten, denken gar nicht daran, wie weit verwoben die Kirche gerade in der Wohlfahrt ist“, findet sie. In ihrem Beruf als Heilpraktikerin für Psychotherapie begegnet Beate Lugner immer wieder stark gläubigen Menschen und Gott ist dann stets eine wichtige Instanz, die berücksichtigt werden muss.

Auch bei ihrer Tätigkeit als Standesbeamtin wird sie mit Glaubensfragen konfrontiert. Oft stehen Paare vor der Entscheidung: Kirche oder nur Standesamt. Seit dem 1. März 2017 ist ein Kirchenaustritt beim Standesamt möglich und nicht mehr wie früher das Amtsgericht zuständig, sodass einigen Eheschließungen ein Kirchenaustritt vorausgeht. Aber das Bedürfnis nach einem Ritual, das der kirchlichen Trauung ähnelt, bestehe weiter. Etwa Trauredner, die man meist übers. Internet findet und die die den Pfarrer ersetzen, seien beliebt.

Innerer Dialog als Kraftquell

Glaube ist für Beate Lugner aktiv gelebter Glaube durch ihre Arbeit in der Kirchengemeinde sowie ein stets vorhandener Rückzugsort in ihrer Seelenlandschaft. Sie kann ihn in schweren Zeiten bewusst als Kraftquell ansteuern. Er zeigt sich aber auch im Alltag als innerer Dialog. Dieser kann überall geführt werden – sei es beim Autofahren oder beim Blick in die Natur: „Oft denke ich dann einfach: Mein Gott ist das schön hier. Auch das kann eine Art von Gebet sein.“

Das evangelische Dekanat Wiesbaden verzeichnete zwischen 2010-2015 im Schnitt 185 Kirchenwiedereintritte pro Jahr. „Der Großteil der Menschen, der bei uns wieder in die Evangelische Kirche eintritt, ist mittleren Alters“, erzählt Stadtpfarrerin Annette Majewski. „Bei den Jüngeren ist häufig die Geburt eines Kindes der Anlass, die etwas älteren Menschen haben oft explizit das Anliegen, wieder in die Gemeinschaft eingebettet zu sein, nachdem die Verbindung zu Gott abgerissen war.“

Sehnsucht nach Spiritualität

Die Zahl der Kirchenaustritte insgesamt ist demgegenüber allerdings beträchtlich hoch, das Standesamt Wiesbaden verzeichnete allein in diesem März 200 Fälle. Doch Annette Majewski zeigt sich optimistisch: „Wir nehmen zwar seit Jahren wahr, dass sich viele Menschen nicht mehr festlegen wollen. Im Gegenzug beobachten wir aber auch, dass eine Sehnsucht nach Spiritualität da ist.“ Die Zahl der Erwachsenentaufen steige etwa seit einigen Jahren, außerdem werden Orte und Veranstaltungen, wo man Kraft schöpfen kann stark frequentiert, wie etwa die jährliche „Nacht der Kirchen“ oder 2016 die „Woche der Stille“.

Als ökumenische Veranstaltung laden in diesem Jahr erstmals in der Zeit von Ostern bis Pfingsten 3 Religionen und 12 Konfessionen zum wandernden Friedensgebet. Es soll Raum für Begegnungen schaffen und zeigen, dass Christentum, Judentum und Islam eine gemeinsame Friedensbotschaft vertreten.

Reges jüdisches Leben

Das Friedensgebet stellt auch einen Teil des vielfältigen Angebots der Jüdischen Gemeinde dar. Ihr Vorsitzender Jacob Gutmark betont: „Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden entfaltet stets ein reges religiöses, kulturelles und gesellschaftliches Leben. So finden wöchentlich knapp 30 Veranstaltungen statt, im Herbst die Veranstaltungsreihe „Tarbut – Zeit für jüdische Kultur“ und ganzjährig wird im Rahmen unseres Jüdischen Lehrhauses gelernt.“

Die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Wiesbaden bildet der Islam. Mehr als ein Dutzend Moscheegemeinden finden sich über die Stadt verteilt, allesamt ehrenamtlich betrieben und der Großteil sunnitisch geprägt. „Nicht zuletzt aufgrund des Zuzugs von Flüchtlingen in der jüngsten Zeit dürften mittlerweile insgesamt etwa 35.000 Muslime in Wiesbaden leben“, schätzt Dawood Nazirizadeh, Vorstandsvorsitzender der Imam Hossein Moschee.

Über Goethes Faust zum Islam

Auch Dawoods Weg zum Glauben begann mit einer Jugend abseits der Religion: Er wuchs in einer aus dem Iran stammenden Familie auf, in der nicht gebetet wurde, niemand ein Kopftuch trug und auch Schweinefleisch gegessen wurde. Während seiner gesamten Kindheit besuchte er nicht einmal eine Moschee. Erst mit seiner Volljährigkeit setzte ein Wandel ein. Aus dem Wunsch heraus, verantwortungsvoller zu leben, begann Dawood nach Ursache und Sinn seiner Existenz zu fragen. Während der Abiturzeit entwickelte er zudem eine innige Liebe zur deutschen Literatur und Geschichte. Dabei wurde seine spirituelle Suche vor allem durch Goethes Werk nachhaltig geprägt. „Genau wie Faust ließ mich nicht mehr die Frage los, was die Welt im Innersten zusammenhält.“

Er setzte sich fortan mit den verschiedenen Weltreligionen auseinander. Er las und diskutierte mit unterschiedlichen Glaubenslehrern. Doch zu oft konnten ihm die Gelehrten verschiedene Aspekte der jeweiligen Religion nur unbefriedigend erklären, zu oft hieß es, man müsse an die Dinge einfach glauben. „Was mich damals zum Islam hinzog war, dass er sich weniger als ein Glaube, sondern als eine Wissenschaft versteht“, erklärt Dawood. „Die muslimischen Geistlichen versuchten – wenn auch manchmal vergeblich – immer rational-logisch die Zusammenhänge zu erklären. Niemals wurde auf einen bloßen Glauben verwiesen.“

Erster Halt: Salafismus

So begann er, während des Ramadan zu fasten und sich nach dem Austausch mit anderen Muslimen zu sehnen. Ein deutschsprachiges Programm fand er damals allerdings nur in einer einzigen Wiesbadener Moschee, angeboten von einer Gruppe, über die zu jener Zeit selbst unter Muslimen nur wenig Aufklärung bestand: Salafisten. „Damals waren Moscheevorsteher naiver als heute: Wenn man kein deutsches Programm hatte, suchte man einfach irgendjemanden, der das machen konnte – ohne zu wissen, für was die eigentlich standen.“

Da Dawood aber nach wie vor dazu neigte, immer alles kritisch zu hinterfragen, war es ihm unmöglich, starrköpfig den Ansichten der Salafisten zu folgen. Es kam zum Bruch und er wurde aus der Gemeinde regelrecht rausgeschmissen. Dieser Vorfall sollte sich später als Glücksfall erweisen.

Als 19-Jähriger eigene Moschee gegründet

Nachdem er vorübergehend eine Moschee in Offenbach besuchte, ergriff Dawood mit 19 Jahren selbst die Initiative: Er tat sich mit einigen anderen iranisch- stämmigen Schiiten zusammen und gemeinsam verfasste man eine Satzung und mietete zunächst Räumlichkeiten in der Rheinstraße an: Der Kulturverein Imam Hossein war geboren, die erste schiitische Moschee Wiesbadens. Nach vielen Umzügen ist die Moschee heute in der Schwalbacher Straße angekommen, wo neben dem Gebet auch Integrationsarbeit durch Unterricht in deutscher Sprache angeboten wird.

Alltag zwischen Austausch und Attacken

Der Austausch und die Zusammenarbeit mit den anderen Moscheen, aber auch den christlichen Gemeinden, wird von Dawood als sehr intensiv und gut beschrieben. Trotz der großen Offenheit der Wiesbadener gab es aber auch schon verschiedene Attacken auf seine Moschee. Zudem bereitet seiner Gemeinde das schlechter werdende Bild des Islam in der öffentlichen Wahrnehmung Sorgen. Dagegen hat er einen einfachen, aber effektiven Vorschlag: Moscheeführungen. „Wir haben unglaublich viele Anfragen von Wiesbadenern, die unsere Moschee kennen lernen wollen – zu viele für uns paar Ehrenamtliche.“ Daher würde sich Dawood Fördermittel von der Stadt wünschen, um durch regelmäßige Moscheeführungen ein Forum für Dialog und Diskussionen bieten zu können: „Anstatt übereinander, kann man miteinander reden“, erklärt Dawood Nazirizadeh.

Erleuchtung als Familiengeschäft

Neben den drei abrahamitischen Religionen finden sich in der Stadt aber auch noch viele weitere Glaubensgemeinschaften, wie etwa Bahai oder Hinduisten. Letzter Gruppe entstammt auch der seit kurzem in Wiesbaden lebende Swami Balendu.

In seiner Heimat Indien wurde er seit frühster Kindheit als Guru verehrt. In die Rolle des spirituellen Lehrers wurde er hineingeboren. Bereits sein Großvater war ein angesehener Guru, der Mahatma Gandhi persönlich kannte. Andere Menschen auf den Weg zur Erleuchtung zu führen, war für ihn also eine Art von „family business“. Schon im Alter von 13 Jahren hielt er Vorträge und hatte rund 20.000 Anhänger gewonnen.

Eingemauert zur Erkenntnis: Kein Gott in Sicht

Mit zunehmendem Alter strebte er aber nach einer immer engeren Verbindung mit dem Göttlichen, die er aufgrund fehlender Zurückgezogenheit und Ruhe jedoch nicht erreichen konnte. Die Sehnsucht nach Isolation wuchs, und er entschloss sich zu einem radikalen Schritt: Er ließ sich für genau drei Jahre und 108 Tage in einem höhlenartigen Keller einmauern. Es gab darin kein Sonnenlicht, nur einen Schacht, durch den er mit Lebensmitteln versorgt wurde. In dieser totalen Abgeschiedenheit meditierte er und kam zu einer erstaunlichen Erkenntnis: „There is no God. Die Kraft des Guten liegt nicht jenseits des Menschen, sondern in ihm selbst “, erklärt Swami Balendu. Statt zu Gott hatte er zu sich selbst gefunden.

Als am Ende der selbstgewählten Isolation seine Höhle aufgebrochen wurde und er von hunderten fieberhaft wartenden Anhängern umringt wurde, merkte er, dass er nicht mehr die Rolle des Lehrers erfüllen konnte. Er hatte erkannt, dass alle Menschen auf einer Ebene stehen und es daher auch keine Gurus geben könne. Statt auf einen spirituellen Führer oder irgendeine höhere Macht zu vertrauen, rät er lächelnd: „Be your own Guru!“ Denn wahre Erkenntnis könne man nur durch sich selbst erlangen.

Flucht als Guru, Zukunft als Ayurveda-Lehrer

Doch da seine Anhänger in Indien weiterhin den Guru in ihm sehen wollten, blieb ihm nur die Flucht nach Europa. Dort lebte er für einige Zeit bei einem Freund, gab Yogakurse und lernte in Köln seine deutsche Frau Ramona kennen. Die beiden reisten mehrere Jahre durch die Welt, lebten seit der Geburt ihrer Tochter wieder für eine Zeit in Indien und entschlossen sich dann, nach Deutschland zurückzukehren. In Wiesbaden haben die beiden im März das ayurvedische Zentrum „Ammajis“ in der Rheinstraße 93 eröffnet. Dort bietet Swami Balendu neben Massagen auch Lebensberatung und sogar Kochkurse an. Das meiste von den Einnahmen geht an eine von ihnen 2007 gegründete Schule in Indien. In seinem ayurvedischen Zentrum gibt er den Menschen zwar noch immer Anleitung für ihr Leben, aber nicht mehr als Lehrer, sondern „as a friend“.

Heute sieht Swami Balendu das Konzept der Religion generell eher kritisch. Zu viel Unrecht geschehe durch den Konkurrenzkampf der Glaubensrichtungen. Künftige Generationen sollten sich daher von der Religion abwenden. Nächstenliebe und moralisches Handeln könnten auch ohne sie gelebt werden.

Wer glaubt was?

Verteilung der Religionszugehörigkeiten in Wiesbaden (Stand 31.12.2014): 71.623 Angehörige der evangelischen Kirche (25,4%), 62.452 Angehörige der römisch-katholischen Kirche (22,1%), 148.238 andere oder keine Religionszugehörigkeit (52,5%), innerhalb der christlichen Konfessionen gibt geschätzt über 10.000 Mitglieder russisch-orthodoxer, griechisch-orthodoxer oder syrisch-orthodoxer Gemeinden. Im Jahr 1970 betrug der Anteil der Katholiken und Protestanten in Wiesbaden noch 84%. Die Anzahl der Muslime in Wiesbaden schätzt Dawood Nazirizadeh, Vorstandsvorsitzender der Imam Hossein Moschee, auf ca. 35.000. 1987 lebten 9795 Muslime (4 %) in Wiesbaden. Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden nennt auf ihrer Homepage eine Mitgliederzahl von 822.  Bundesweit gibt es je knapp 30% Katholiken und Protestanten, der Anteil der Muslime wurde zum 31.12.2015 auf 5,4 bis 5,7% geschätzt. Alle anderen Religionsgemeinschaften zusammen haben einen Anteil von knapp 1% der Gesamtbevölkerung. Etwa 34% der Menschen in Deutschland sind konfessionslos. (Quelle: Wikipedia)

Reformationsjubiläum

In Wiesbaden gibt es im Reformationsjubiläumsjahr ein vielfältiges Programm mit Gottesdiensten, Bildungsveranstaltungen, Lesungen, Debatten, Kunstausstellungen und Konzerten sowie Theater, Kabarett und Musical: Alle Kirchengemeinden im evangelischen Dekanat, die Kirchenmusik und andere Einrichtungen beteiligen sich am Jubiläumsprogramm unter dem Motto „Darauf stehe ich“. Das volle Programm steht auf www.dekanat-wiesbaden.de  

Bistumshelden gesucht

Mit der Kampagne „Sei ein Bistumsheld“ will das katholische Bistum Limburg ehrenamtliche Projekte und Initiativen vorstellen und miteinander vernetzen, eine Art „Partnerschaftsbörse des Engagements“.  Über www.bistumsheld.bistumlimburg.de sollen vor allem junge und kirchenfernere Zielgruppen erreicht werden.