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So wohnt Wiesbaden: Schaffe, schaffe, Schmuckkästle bauen – Ehepaar Neymeyer, Schiersteiner Hafen

Text: Stefanie Pietzsch. Fotos: Rainer Hefele

Urlaubsfeeling in Schierstein. Von der platanengesäumten Uferpromenade, der Hafenstraße, geht es hinter dem Restaurant „New Orange“ rechts ab in die Küferstraße. Eine enge Gasse, wie sie für den Ortsteil typisch ist. Gleich auffallend: die große Turmuhr am Haus Nummer zwölf. „Was habt ihr denn da für eine Bruchbude gekauft?“ Für Diana und Bernhard Neymeyer war das kleine Häuschen mit Wurzeln bis zurück in das 17. Jahrhundert Liebe auf den ersten Blick. Für den Freund und Kollegen Manfred eine Ruine. Er half den beiden dennoch. Heute sind es zwei Häuser, die das Ehepaar im Stadtteil Schierstein selbst umgebaut hat – zum „Schmuckkästle“, wie es in Anlehnung an ihre Herkunft nennen.

Was man zum Häusle bauen braucht

Zehn Jahre ist es her, dass die Neymeyers das Kleinod entdeckten. Als sie 2008 das Haus kauften, gingen die beiden davon aus, dass es mit ein paar Renovierungsarbeiten getan sei. Überrascht war das Paar aus dem Badischen dann doch. „Nach den ersten Einschätzungen schien es zu teuer, alles machen zu lassen“, erzählt Diana Neymeyer, und ihr Mann Bernhard ergänzt: „Ich fragte meinen Kollegen Manfred, ob er uns zeigen könne, wie man das selbst machen kann – schließlich hatte er schon zwei Häuser gebaut.“

Wir sitzen im schattigen Hof und nippen am Traubensaft-Secco. Das knallrote Wohnhaus neben uns hat drei Etagen. Die Zimmer oben sind zwar klein, aber mit dem offenen Wohnraum und Küche unten auf immerhin 114 qm verteilt. Der Blick vom Dach auf den Hafen: großartig! Für Statik, Elektrik, Kachelofen und Fenster hatten die Goldschmiedin und der Wirtschaftsingenieur Fachleute engagiert. Böden, Türen, Wände, Bad und Küche, haben sie komplett selbst gemacht. Tipps haben sie von Freunden, Baumärkten und dem Internet bekommen; vieles aber auch einfach mit „learning by doing“ geschafft. „Es gibt ja nichts, was man nicht bei Youtube lernen kann“, erklärt der Haus- und Bauherr.

Nun sind es zwei Häuser, die sie mit eigenen und ein paar helfenden Händen saniert und liebevoll renoviert haben. Inzwischen sind die beiden auch fit im Mauern, Betonieren, Fliesen legen, Wände verputzen; sie haben eine kleine Mörtelmaschine, ein Gerüst und etliche andere Werkzeuge – was man halt so fürs „Häusle bauen“ braucht.

Genuss für Haus und Mensch – auf Hanf gebaut

Den Umbau hätten sie richtig genossen, schwärmt Diana Neymeyer: „Es ist schön zu sehen, wie sich alles nach und nach entwickelt. Gerade diese alten Häuser – sie schienen regelrecht aufzuatmen, als wir die Tapeten- und Teppichschichten abtrugen und das Fachwerk freilegten.“ Als Dämmmaterial wurde der „geniale Werkstoff“ Hanf verarbeitet, als Füllung für die Gefachungen Lehmsteine, Lehm-Weiden-Geflechte oder die alten aufgearbeiteten Backsteine. „Natürliches Material ist für diese alten Häuser am besten. Hanf und Lehm ziehen zudem Feuchtigkeit“, erklärt Bernhard Neymeyer. „Aber wir mussten uns schlau machen. Es gibt nur wenige, die sich mit alten Baumethoden auskennen.“ Gemacht hätten die beiden dann das, was ihnen logisch klang. Das Ergebnis sieht und spürt man.

Inzwischen stehen wir im zweiten Haus, das sie 2011 dazu gekauft haben. Das mit der Kirchturmuhr. Die haben sie von Dianas Vater aus Villingen-Schwenningen – längst nicht das einzige, was die Neymeyers von Zuhause mitgebracht haben. 37 Tonnen Kopfsteinpflaster aus dem elterlichen Weingut in Endingen am Kaiserstuhl sind im Hof verarbeitet. Apropos: Den Wein des Guts gibt es im kleinen Laden, den sich das badische Paar im Erdgeschoss eingerichtet hat. Außerdem hängen dort Kinderkleider zum Verkauf, die eine Bekannte näht, steht Kunst, die eine Freundin macht, liegen Kleinigkeiten, die Dianas Familie herstellt. Sie selbst entwirft und stellt Kissen aus alten Hemden und Hosen her. Demnächst soll es auch Kaffee und Goldschmiedekunst geben. Und in den beiden Etagen oben?

Ferienapartments mit Hafenblick

„Wir kommen aus Süddeutschland und haben immer wieder Gäste, auch mit Kindern,“ erzählt Diana. So entstand die Idee mit den Ferienapartments. „Wir wollen diesen wundervollen Blick auf den Hafen auch anderen gönnen.“ Der Stil: modern trifft alt – sehr offen, freigelegte Balken, kleine moderne Küchenzeile, die das Paar selbst entworfen und gebaut hat. Jedes der drei Zimmer hat auch einen Balkon.

Zehn Jahre liegen hinter Diana und Bernhard Neymeyer, seit sie mit ihrem Hobby begannen. „Die einen gehen nach der Arbeit ins Fitnessstudio, wir auf unsere Baustelle.“ Verheiratet sind die beiden seit zwanzig Jahren. Ob dieses außergewöhnliche Hobby nicht die Beziehung strapaziere? „Eigentlich nicht: Wir haben alle Arbeiten klar aufgeteilt. So war keiner unzufrieden, und wir mussten nicht diskutieren. Es funktioniert wie bei einem Zahnrädchen.“ Das ist Beziehungsmanagement – auch mitten auf der Baustelle!

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