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So wohnt Wiesbaden: Talley Hoban, Mainzer Straße – Die Lebensmittel-Retterin

Von Selma Unglaube. Fotos Andrea Diefenbach.

Talley Hoban findet, dass von allem zu viel weggeschmissen und zu viel gekauft wird. Das möchte sie ändern und geht mit gutem Beispiel voran. Deutschlands berühmteste „urbane Selbstversorgerin“, wie die gebürtige Amerikanerin am liebsten bezeichnet wird, hat das wenigste in ihrer 70 qm großen Altbau-Dachgeschosswohnung in der Mainzer Straße neu gekauft: Ihr Bett ist das Geschenk einer Freundin, die Couch davor wurde ihr vom Chef ihres Vaters überlassen, den Korb daneben hat sie gebraucht in Zürich gekauft. Und ihren neuen Kleiderschrank hat sie erst kürzlich auf dem Sperrmüll gefunden.

„Jedes Stück in der Wohnung hat eine eigene Geschichte, und ich weiß genau, in welcher Ecke ich was gefunden habe“, schmunzelt Hoban, während sie durch ihre Zweizimmerwohnung führt und zu jedem Gegenstand eine Anekdote zu erzählen weiß. Dekoriert ist ihr Zuhause durchgehend mit unzähligen Muscheln, die Talley Hoban von früheren Reisen mitgebracht hat, und die nun Fensterbänke, Kommoden und sogar Blumentöpfe zieren. „Anders als herkömmliche Urlaubssouvenirs passen Muscheln von überall immer gut zusammen“, so die Hausherrin.

Rede vor dem Europarat

Mit ihrem Umzug nach Wiesbaden fing 2007 alles an. Hoban, die mit fünf Geschwistern im Hunsrück aufgewachsen ist, fehlte der Trubel in der neuen Heimat. Deshalb holte sie sich über Couchsurfing Gäste ins Haus. Einer dieser Besucher, ein lettischer „Freeganer“, brachte Hoban schließlich zum „Containern“, dem Retten weggeworfener Lebensmittel aus dem Müll großer Supermärkte. Seit dieser Zeit ist die selbsternannte Ernährungs- und Genusstrainerin begeisterte Selbstversorgerin, die „Container“-Workshops anbietet und Schnippelpartys veranstaltet. Einige Fernsehsender sind bereits auf Hobans bemerkenswerte Mission aufmerksam geworden: von Arte über Vox bis zum ZDF war sie schon zu sehen. Anfang des Jahres wurde sie sogar vom Europarat nach Straßburg eingeladen, um zum Thema „Neue Strategien im Kampf gegen Armut und Ungleichheit“ eine Rede zu halten. „Sharing is Caring“, sagt sie über ihr Engagement und fügt hinzu: „Ich teile gerne.“ Dennoch bleibt auch ihr das Einkaufen nicht erspart. „Kaffee und Milch kaufe ich ein. Es gibt paar Gewohnheiten, die ich einfach nicht los werde“, schmunzelt Hoban.

Ihre ersten Schnippelpartys veranstaltete Hoban zunächst in ihrer Wohnung. „Ich hatte immer so viel zu schnippeln und essen, dass ich einfach Hilfe brauchte“, erklärt sie. „Außerdem war das eine gute Art, neue Leute kennen zu lernen – auch unter der Woche und privat.“ Wenngleich für die Erfinderin der Schnippelparties, die mittlerweile sogar in Frankreich veranstaltet werden, das Gemeinschaftsgefühl beim Kochen maßgeblich ist, so weiß sie um einen weiteren Nutzen: „Ich baue ein Netzwerk auf. Das ist wichtig für harte Zeiten. Auch Geld hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum.“

Schnippelpartys am Schlachthof

Die Idee, Schnippelpartys in die Öffentlichkeit zu verlagern, entstand vor fünf Jahren in Hobans Küche. „Wir gingen nach dem Abendessen immer alle zusammen zum Schlachthof. Ich wollte die Leute natürlich wieder aus der Wohnung rausbekommen und auch, dass sie ihre Kalorien verbrennen. Da kam mir die Schnippeldisco- bzw. -Party-Idee.“ Mit Unterstützung der Stadt finden seit April unter dem Motto „Back to the Roots“ jeden ersten Samstag im Monat – das nächste Mal am 1. Juni – von 16 bis 21 Uhr im Anschluss an den Flohmarkt im Kulturpark Talley Hobans Schnippelpartys statt. Die Zutaten für die Veranstaltungen werden von regionalen Bauern, Bäckereien und anderen Lebensmittelgeschäften gespendet. Die Kochutensilien finanziert Talley Hoban aus eigener Tasche. Geldspenden sind daher willkommen, aber kein Muss. Mit diesen öffentlichen Events kommt Hoban ihrem Ziel, ein schichtenübergreifendes Gemeinschaftserlebnis zu schaffen, bei dem alle gemeinsam anpacken und sich gegenseitig unterstützen, Schnitt für Schnitt näher.

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