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So wohnt Wiesbaden – Zuhause im Wald: Jürgen Wistrik und Christine Reitz wohnen im „Knusperhäuschen“

Von Marie-Luise Raupach. Fotos Arne Landwehr.

Wer kennt es nicht aus dem Märchen „Hänsel und Gretel“ der Gebrüder Grimm: Die Hexe hält die beiden Bauernkinder in ihrem Knusperhäuschen gefangen und mästet sie. Das Märchen geht gut aus, denn mit einer List kann Gretel die Hexe überlisten und in den Holzofen stoßen. Auch im Knusperhäuschen in Wiesbaden, der ehemaligen (von 1925 bis 1972) Waldgaststätte zwischen Chausseehaus und Georgenborn, gibt es einen Ofen. „Das ist das Herz des Hauses und im Winter unser Lieblingsplatz“, erklärt Jürgen Wistrik, der mittlerweile seit 21 Jahren das Waldhäuschen bewohnt.

Was als Wohngemeinschaft mit zwei Freunden begann, wurde heute zum Zuhause von Jürgen und seiner Partnerin Christine Reitz, die vor etwa 14 Jahren dazu zog. Eine Hexe müssen sie dort natürlich nicht besiegen. Stattdessen nutzen Jürgen und Christine den Ofen zum Heizen des Hauses im Winter und als Treffpunkt, um nach der Arbeit und am Wochenende „gemütlich zusammenzusitzen“.

Ehemalige Gaststube als Wohn- und Essraum

Fährt man den kleinen Abstecher der Bundesstraße zu dem Waldhaus hoch, so fällt einem gleich der mit Brezeln und Zuckerguss verzierte Dachgiebel mit der original erhaltenen Aufschrift „Knusperhäuschen“ auf. Ein kleiner Weg führt durch ein Gartentor hoch zu der Terrasse und dem Garten, von dem man durch eine Art Vorraum in der ehemaligen Gaststube steht – dem heutigen Wohn- und Essraum. Der Holzboden und die freigelegten Balken waren noch nicht immer da: „Als wir hier 1999 eingezogen sind, wollten wir viel verändern und haben selbst renoviert“, erinnert sich Jürgen. „Wir hatten damals viel Unterstützung durch Bekannte und Freunde.“

So wurden die Fliesen des ehemaligen Gastraums durch Holzdielen ersetzt und „gefühlt 400 Quadratmeter Nud- und Federbretter abgerissen“, wodurch die schönen Holzbalken des Fachwerkhauses zum Vorschein kamen. Die Architektur des Hauses zeugt von verschiedenen Um- und Anbauten sowie Renovierungen: Keinen Raum kann man betreten, ohne Stufen überwinden zu müssen oder sich zu ducken. Steile Treppen führen heute im Inneren des Hauses in die oberen Stockwerke, die sich früher noch an der Außenwand befanden.

Freiheit genießen, Trubel vermissen

Ein Grund für die tatkräftige Hilfe beim Umbau mag die Belohnung im Anschluss gewesen sein. So ging man nicht selten nach einem anstrengenden Tag in einen gemütlichen Grillabend über, wie Christine berichtet. „Alle haben sich so frei gefühlt, denn sie kamen ja aus der Stadt. Hier konnte man Musik hören, laut sein und feiern, und keinen hat es gestört“, erinnert sie sich. Und auch heute kämen am Wochenende oft Freunde zu Besuch, man arbeite im Garten und koche gemeinsam.

„Das Haus lädt dazu ein, gastfreundlich zu sein. Wir haben so viel Platz, manchmal zu viel.“ Da müsse man aufpassen, nicht zu sehr zu vereinsamen. Ein anderer Aspekt, den Jürgen und Christine beim Wohnen im Wald vermissen: Nicht zu Fuß spontan in ein Lokal oder Café zu können. „Ich bin eindeutig eine Stadtfrau, das Leben und der Trubel fehlen mir manchmal“, erklärt Christine. Dennoch sei die Natur, die Umgebung und die Freiheit ein lohnenswerter Ausgleich zu dem Verzicht.

Unverhoffte Besucher stellen Gastfreundlichkeit auf die Probe

Die Gastfreundlichkeit des Paares wird durchaus auch mal auf die Probe gestellt. So finde das Zusammentreffen mit anderen „Waldbewohnern“, wie Rehen oder Wildschweinen zwar selten statt. „Wir bekommen aber Besuch von Menschen, die glauben, dass sie hier einen Kaffee bekommen“, berichtet Christine grinsend. Diese würden sich beim Anblick des höhergelegenen Knusperhäuschens von der Straße die Möglichkeit einer kleinen Rast versprechen. „Ganz selten kommt es vor, dass wir die Leute versorgen – wie wir es einmal bei einer Mutter mit ihrer Tochter gemacht haben. Die haben sich dann zu uns nach draußen gesetzt und gemeinsam mit uns Kaffee getrunken“, schmunzelt Jürgen.

Die meiste Zeit verbringt das Pärchen im Sommer auf seiner Terrasse. Bänke in mehreren Ecken garantieren Sonne, während diese im Laufe des Tages über den Himmel wandert. Auf zwei Momente freuen sich die beiden im Frühjahr besonders: Den ersten Kaffee oder Tee am Morgen auf ihrer Lieblingsbank vor dem Haus zu trinken, während „die Vögel in der Früh besonders laut zwitschern“, wie Jürgen schwärmt. Und das Hacken für den eigenen Holzvorrat, während ihm die Lieblingsmusik über Außenboxen den Takt vorgibt.