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Verborgene Welten: Eisdisko – Noch einmal die Kindheit erfahren

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Von Martin Mengden.

Zu der Handvoll Institutionen aus meiner Kindheit, die bitteschön auf alle Ewigkeit unberührt und unverändert bleiben sollen, gehört die Henkell Kunsteisbahn. Jedes Kind, das wie ich in Wiesbaden aufgewachsen ist, hat wohl einmal auf dieser Bahn seine Runden gedreht und prägende Erinnerungen daran. Das macht die Eisbahn zu einem unscheinbaren Juwel aus einer längst vergangenen Zeit. Sie macht auf mich heute den Eindruck eines uralten Tempels, den man kaum wagt zu betreten, ganz so, als würde dadurch die Totenruhe des dort bestatteten Pharaos gestört werden. Diese Bahn ist so sehr mit Erinnerungs-Sentimentalitäten aufgefüllt, dass ich mich frage, wie man darin heute überhaupt noch Platz finden soll zum Schlittschuhfahren.

Es braucht also schon etwas Überwindung, damit ich zur letzten Eisdisko dieser Saison – ­ Schlitschuhfahren zu Musik und Diskolicht bis 22:00 Uhr – auch wirklich wie geplant antrete. Immerhin steht ja nichts weniger als meine Kindheit auf dem Spiel. Gewissermaßen.

Nun, da ich die heiligen „Hallen“ tatsächlich betreten habe, liegt die altbekannte Richtungsentscheidung vor mir: Eishockey- oder Eiskunstlaufschuhe. Um mich nicht zu blamieren, entscheide ich mich natürlich für die Eishockeyschuhe. Die Schlittschuhausgabe erfolgt zwar durchaus freundlich, aber auch irgendwie behördenähnlich sachlich – kein Wunder, schließlich liegt die Kunsteisbahn in städtischer Hand.

Ich wage mich auf das Eis. Die Musik ist erstaunlich aktuell. Ich hatte irgendwie eher etwas in Richtung Dr. Alban und Captain Jack erwartet. Die Bahn ist auch heute noch erstaunlich groß, nicht zu vergleichen mit dieser Miniatur-Eisbahn, die sie zur Weihnachtszeit am Schiller-Denkmal aufbauen.

Es stimmt übrigens wirklich, und ist wie beim Fahrradfahren: Man verlernt es nicht, das Schlittschuhfahren, es funktioniert noch. Langsam fahre ich also im Kreis und fange an, die Gebärden der vielen Teenager zu inspizieren. Auch hier hat sich kaum etwas geändert, nur dass die heutigen Schlittschuh-Moves irgendwie etwas Breakdance-Techno-artiges haben. Die kann man bestimmt bei YouTube lernen.

Engelsgleiches Schweben über die Eisbahn

Während ich also so meine Kreise drehe und dabei die YouTube-Breakdance-Techno-Teenager beobachte, bemerke ich etwas Merkwürdiges: Meine Schlittschuhe fangen an, sich vom Eis zu lösen. Zunächst denke ich, dass etwas mit der Bindung nicht stimmt, aber da ist alles in Ordnung. Nein, es ist etwas anderes, eine unbekannte Kraft, die meinen Körper zunehmend gen Himmel zieht. Ich schwebe jetzt, engelsgleich und immer noch kreisend, über der Eisbahn. Ich kann nun die Köpfe der anderen von oben sehen. Doch nicht nur das: Unter die echten Szenen der Schlittschuhfahrer dort unten auf dem Eis mischen sich mehr und mehr andere, fantastische Szenen, Momente aus meiner Vergangenheit: Wie ich mit meinen Eltern Eis esse bei Eis Cortina zum Beispiel, wie ich im Kinderbecken vom Kleinfeldchen friere und wie ich mit meinem ersten Fahrrad gegen einen Baum fahre. Die Bilder wirbeln jetzt wild durcheinander, es hat sich ein wahrer Orkan aus Kindheitserinnerungen gebildet. Alles von damals scheint mich wieder einzuholen, die Erinnerungen fliegen mir wie Peitschenhiebe ins Gesicht, ich halte es kaum aus, stehe plötzlich kurz vor einem Kollaps, dort oben, über der Eisbahn.

Dann  schallt eine Durchsage über die Eisbahn: Richtungswechsel! Ich bin, ganz plötzlich,  zurück auf dem Eisboden. Es ist, als wäre nichts gewesen, nur dass wir jetzt andersrum fahren. Von den Bildern ist nichts mehr zu sehen. Nur die echten Breakdance-Techno-Teenager und ein paar Kinder mit ihren Eltern sind noch da. Ich werde dieses Jahr  dreißig, das fällt mir jetzt wieder ein. Auf einmal kann ich mir vorstellen, bald mit meinem eigenen Kind auf dem Eis zu fahren, in einer anderen, weniger ich-fixierten Rolle. Da wird mir klar, mein kleiner Anfall auf dem Eis, das war ein letztes Zucken, ein letztes großes Aufbäumen: Die Kindheit ist jetzt überwunden. Ich gebe die Eishockey-Schuhe zurück. Das nächste Mal versuche ich vielleicht doch mal die andere Sorte.

Henkell-Kunsteisbahn, Hollerbornstraße 38, letzte Eisdisko der Saison – und vielleicht für immer – heute von 18 bis 22 Uhr. Eintritt 6 Euro, Schlittschuhverleih 4,50 Euro.

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Eisbahn retten

Bei den Wiesbadener Schlittschuh-Fans schrillen die Alarmglocken. Sie fürchten um ihre geliebte Henkell-Kunsteisbahn, deren Betriebsgenehmigung Ende März ausläuft und deren Zukunft ungewiss ist. Auf openpetition.de wurde die Petition „Erhaltet die Henkell-Eisbahn“ gestartet. Die Unterschriften, bisher gut 2700, will Initiatorin Julia Kleinhenz Ende März vor der Stadtverordnetenversammlung dem OB überreichen.

 

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