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Verborgene Welten: Katakomben der Marktkirche

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Von Martin Mengden. Foto Simon Hegenberg.

Am hellichten Tag bin ich in den Kellern der Marktkirche gewesen – und habe trotzdem fast nichts gesehen. Das lag nicht etwa an der Dunkelheit; die wurde von apostolischen 12 x 12 Kerzen, die für die Andacht, die ich besuchte, in minutenlanger Prozedur angezündet worden waren, sanft und stimmungsvoll vertrieben. Es lag auch nicht am Wein, der oben, auf der Erdoberfläche, schon jetzt, um zwölf Uhr mittags, fleißig ausgeschenkt wurde (es war Weinfest): Selbst der kleinsten Weinschorle hatte ich mich enthalten, es war einfach noch zu früh dafür gewesen (was viele allerdings anders sahen); mein Blick war also ungetrübt.

Es lag vielmehr daran, dass mein Blick während der gesamten Andacht krampfhaft in eine Ecke gerichtet war. Und in dieser Ecke stand nur ein Kerzenständer.

Die Ursache meines starren Blicks lag wiederum in einem bösartigen, hinterlistigen Lachanfall, der mich ganz plötzlich, aus dem Nichts, heimgesucht hatte, und den ich nur mit allergrößter Mühe in meinem Inneren halten konnte – eben nur dadurch, dass ich, voller Konzentration, in diese eine Ecke starrte. Und mir überdies vor Scham buchstäblich in die Hände biss.

Zu welchem Zeitpunkt sich die synaptischen Verbindungen, die für mein inneres Erdbeben verantwortlich waren, geschlossen hatten, ist nur noch schwer nachvollziehbar. Es muss der Moment gewesen sein, an dem der Pastor das Lied für seine Stimme etwas zu hoch ansetzte. Das war wohl der Auslöser. Von diesem Zeitpunkt an war das, was für die anderen eine Andacht war, für mich einzige Übung körperlicher und geistiger Selbstdisziplin.

Jetzt, im Nachhinein, bin ich fieberhaft damit beschäftigt, neben dem Auslöser auch den Grund meines (wohl unbemerkt gebliebenen) post-pubertären Fehlverhaltens zu ergründen, obwohl ich den moralischen Fauxpas eigentlich verschweigen wollte – schon deshalb, damit die religiöse Gemeinde, die diesen Text vielleicht lesen würde, das eigentümliche Amüsement bloß nicht auf sich beziehen würde. Das wäre nämlich falsch.

Es muss einfach an mir gelegen haben, an meiner Verfassung, meiner hartnäckigen Kindlichkeit, verstärkt durch eine innere, etwas neurotische Stimme, die in jenem Moment unentwegt flüsterte: ist etwas vollkommen unpassend, dann tu’ es erst recht!

Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist einfach nicht zu leugnen: Es lag auch am Pastor. Wenn ein Pastor mit formal-zeremonieller, tief-ernster Stimme verkündet: „Gott ist herrlich“, das aber dann gar nicht so herrlich klingt, wie es eigentlich ja gemeint ist – eher wie eine Mahnung, ja, beinahe eine Drohung! –, dann kommt einem das schnell irgendwie komisch vor. Wenn ein Pastor die Anwesenden dann noch einen biblischen Dialog vorlesen lässt und dabei in behördlicher Strenge anordnet: „Die Frauen die eingerückten Sätze, die Männer die nichteingerückten!“, und alle klösterlich gehorchen – was indes gut zu der puritanisch-friedlichen Stimmung passt, die von dem kryptaartigen Gewölbekeller ausgeht –, dann, ich kann mir nicht helfen, hat auch das irgendwie etwas Komisches. Monty Python ist nicht weit.

Wenn schließlich, nach dem offiziellen Ende der Andacht, eine junge Dame beginnt, auf ihrer Akustikgitarre Lieder für eine bessere Welt anzustimmen, wähnt man sich vollends in einer Lage, die sich am ehesten vergleichen lässt mit der Teilnahme an einem Wochenendausflug der Kirchengemeinde ins Kloster Eberbach, mit Übernachten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Idee einer mittäglichen Andacht, eines meditativen, dankbaren Innehaltens zur Tagesspitze, kann man, wie ich finde, nur großartig finden, schon (aber nicht nur!), weil sie die ungefähre Wirkung eines kurzen, sehr erholsamen Mittagsschlafs hat. Auch die Katakomben im Kerzenschein sind nicht zuletzt deshalb schlichtweg eindrucksvoll, weil man sie inmitten der Stadt so überhaupt nicht erwartet.

Menschen, die weniger kindsköpfig sind als ich, sei ein Besuch also wärmstens empfohlen!

 „Zwischen-Zeit/Atempause“, jeden Donnerstag, 12 Uhr, Gewölbekeller der Marktkirche (Eingang gegenüber Caligari), Schlossplatz 5, 65183 Wiesbaden

Martin Mengden, 27, Musiker, Flaneur und bekennender Jungjurist, öffnet in der Rubrik „Verborgene Welten“ Türen zu Wiesbadener Sub-Welten, durch die nicht jeder auf Anhieb gehen würde. 

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