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Verborgene Welten: Skigymnastik – Auf der Suche nach dem alpinen Gefühl

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Von Martin Mengden. Bild Simon Hegenberg.

Ein typischer Dezembertag in Wiesbaden sieht ungefähr so aus: Zwölf Grad, leichter Nieselregen. Dass tatsächlich Winter ist, diesen Umstand kann man überhaupt nur noch anhand bestimmter Codes ableiten; ohne diese könnte es genauso gut Ende Oktober oder Anfang März sein. Die Abwesenheit von Blättern auf Bäumen ist so ein Code, noch dazu ein natürlicher. Die Natur ist allerdings recht ungenau: Anfang März sind sie nämlich immer noch nicht wieder da. Der Klimawandel macht es auch nicht besser.

Ein guter und genauerer, allerdings menschengemachter Hilfs-Code ist dagegen die Wiesbadener Winter-Trikolore: Rot, Blau, Weißgrau. Sieht man sie, kann man sicher sein: es ist Winter. Die Trikolore setzt sich zusammen aus (a) dem Rot der Weihnachtsmänner im Supermarktregal, (b) dem Blau der Häuschen auf dem Weihnachtsmarkt und (c) dem Weißgrau der ewiggleichen Wolkendecke. Warum die Farben nun ausgerechnet die russische Fahne ergeben, bleibt dabei ein mysteriöses Rätsel. Zum Glück bin ich nicht abergläubisch.

Winter-Codes wie die Trikolore bereiten uns den Boden für das eigene Vorstellungsvermögen, unsere kreative Imagination. Erst dadurch, so glaube ich, kommt überhaupt dieses wohlige Winter-Weihnachtsgefühl auf, dass sich nach Silvester im besten Fall in ein wärmendes Winter-Aufbruchsgefühl übergeht. Die Imagination hangelt sich gewissermaßen an den Codes entlang, damit der Winter für uns überhaupt genießbar wird.

Besucht man an einen Montagabend nun einen Skitrainings-Kurs im Tattersall, dann ist man ähnlich dringend auf Codes angewiesen. Ohne sie würde nämlich nicht unbedingt klar werden, dass es sich dort um Skitraining handelt. Denn hier erinnert erst einmal so gar nichts an alpinen Wintersport. Der Tattersall ist eine ehemalige Reithalle nach englischem Vorbild und wird heute als Bürgerhaus genutzt. Gymnastikübungen im Bürgerhaus – das lässt außerdem eher an Hausfrauen- und Altenheim-Gymnastik denken. Der Taunus ist zudem auch nicht unbedingt als Skirevier bekannt; das Wintermärchen beschränkt sich hierzulande bei genauerem Hinsehen auf drei Tage braunen Schneematsch auf der Platte. Trotzdem, so hörte ich, soll es dort ja Langläufer geben. Sogar einen Skibus! Diese Langläufer und auch die ESWE müssen über ein besonders ausgeprägtes Vorstellungsvermögen verfügen und/oder besonders starken Winter-Codes ausgesetzt sein. Wie auch immer: Wiesbaden ist insgesamt wahrscheinlich mehr Paris als St. Moritz, darauf kann man sich wahrscheinlich einigen.

Um während der gymnastischen Ski-Übungen im Bürgersaal trotzdem so etwas wie ein winterlich-alpines Skigefühl empfinden zu können, bedarf es also etwas kreativer Anstrengung. Gottseidank schwirren aber auch hier einige Codes durch die Reithallenluft, die das Vorstellungsvermögen anregen und das Potenzial haben, schließlich doch noch das ersehnte alpine Skigefühl zur Blüte zu bringen. Die Codes sind nur etwas subtiler. Man sieht sie nicht auf den ersten Blick. Schärft man aber die Sinne und schaut genau hin, dann  sind sie kaum zu übersehen. Dann entfaltet der dezente Salzburger Dialekt der Trainerin plötzlich sein ganzes alpines Potenzial. Dann rufen einem die engen Ski-Funktionshosen einiger männlicher Teilnehmer ein freundlich-kollegiales „Ski heil!“ entgegen. Stellt man sich während der Kniebeugen dann noch lange Schuss-Abfahrten vor und begreift die beiden Trainer als die eigenen Skilehrer (im weiteren Sinne), dann legt sich schließlich auch die erdrückende atmosphärische Dominanz der ehemaligen Reithalle, und der Taunuskamm wird langsam zum Alpenausläufer.

Wenn man sich also nach einiger Zeit mit voller Hingabe im vorgestellten Schneegestöber des Bürgerhaus-Bodens räkelt, willig den österreichisch-alpinen Befehlen der Skilehrerin gehorcht und schwitzt wie auf ausgedehnten Tiefschnee-Abfahrten, dann wird einem unvermittelt ganz wohlig-warm ums Herz. Dann ist es plötzlich da, das alpine Skigefühl. Auf einmal ist man sich auch ganz sicher: der Winter ist da, die Piste nicht weit. Sogar ohne Trikolore.

Skitraining im Tattersall, Lehrstraße 13, mit Moritz Raupach und Alex Oedl, jeden Montag von 19  bis 20 Uhr, bis 26.01.2015, Teilnahmegebühr 5 Euro pro Einheit. www.facebook.com/Skitrainingtattersaal

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