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Verborgene Welten: Underground – Wiesbaden hat einen unwirklich andersartigen Club

ACHTUNG – BEI DEM FOLGENDEN BEITRAG HANDELT ES SICH UM EINEN APRILSCHERZ

Von Martin Mengden. Foto Simon Hegenberg.

Die Macher hatten es bis zuletzt geheim gehalten. So ist immer noch nicht bis zu jedem durchgedrungen: Wiesbaden! Hat! Einen! Neuen! Club! Er heißt Underground. Und liegt direkt an der Wilhelmstraße.

Als ich davon erfuhr, dachte ich zuerst an einen schlechten Scherz. Dann an ein zweites Park Café. Bis mich, über viele Ecken, die nur wenigen Glücklichen vorbehaltene Einladung zur offiziellen Opening-Party erreichte. Da bemerkte ich, der Club sollte weder ein Scherz, noch ein Assitempel sein. Schon die Einladung erstrahlte in erfrischender Andersartigkeit, suggerierte künstlerischen und musikalischen Anspruch und vor allem: ein nur zweitrangiges kommerzielles Interesse der Veranstalter. Mir verschlug es die Sprache. Den Termin der Eröffnung habe ich mir, wie man so schön sagt, mit dickem Rotstift in den Kalender eingetragen. Ich wollte nach dem Haken suchen, als Erster von diesem unwirklichen Ereignis berichten. Hiermit dürfte es mir gelungen sein.

Wir stehen vor der unscheinbaren, leicht offen stehenden Tür des Gebäudes, in dem sich das Underground befinden soll. Keine Schlange, keine Türsteher. Sind wir richtig? Ich betrachte die Einladung, „Kleine Wilhelmstraße 12“ steht dort. Wir sind richtig. Leises Basswummern dringt jetzt zu uns nach draußen. Wir tasten uns vor, gehen langsam durch den halbdunklen Gang, vorbei an Glitzer an den Wänden und falsch herum hängenden Bildern von Bergpanoramen. Das Wummern wird lauter. Dann: eine Flügeltür, links und rechts davon jeweils zwei Art-Déco-Garderoben. Die eine ist mit Jacken vollgehängt, die offensichtlich den Partygästen gehören, an der anderen hängen alte Pelzmäntel und Tiermasken. Wir schauen uns fragend an: Soll man sich da etwa bedienen, sich gewissermaßen umziehen wie im Schwimmbad? Wir trauen uns nicht, gehen weiter.

Plötzlich, noch auf dem Gang, stürzt uns ein Mann entgegen. Er trägt einen eng sitzenden Anzug (keinen Pelz) und eine Vogelmaske. Er hält sich ein Telefon ans Ohr und singt einen deutschen Schlager hinein: „Ich liebe das Leben / und das Leben liebt mich / wirst Du alles drauf geben / dann liebt es auch Dich.“

Wir betreten den Hauptraum des Clubs. Er ist nicht allzu groß, dafür gehen einige weitere Räume von ihm ab, fast wie in einer Wohnung. Auch hier hängen umgedrehte Bergpanoramen; was aus den Boxen dringt, lässt sich kaum beschreiben. Eine Mischung aus hämmerndem Wierdo-House, romantischer Klassik und Cat Stevens. Die beiden Frauen, die das Zeug auflegen, residieren auf einer Art Podest und sind von so etwas wie einer Glaskuppel umgeben. Sie sehen darin aus wie Astronauten in der ersten Mars-Sonde.

Wir entdecken die Bar, bestellen einen Drink. Vor der Bar steht eine riesige Schüssel voll signalfarbener Bowle, von der man sich offensichtlich bedienen kann. Wir haben sie zu spät entdeckt, man reicht uns unsere Gin Tonics.

Zum ersten Mal werfe ich einen Blick auf die Tanzfläche. Der Club scheint die Besucher zu verwandeln. Trotz der Hitze haben sich manche am Eingang tatsächlich einen Pelz genommen. Obwohl ich die Gesichter der Gäste kaum erkennen kann, erahne ich ihre einerseits ekstatisch entrückten, andererseits warmen, einladenden Blicke.

Es ist jetzt fünf Uhr. Plötzlich, aus dem Nichts, startet eine der DJanes mit einer Liveperformance: sie loopt ihre Stimme, mischt sie mit Mozart und tibetanischem Mönchsgesang, hinterlegt diesen Klangteppich mit Drumcomputern aus den Achtzigern. Ich stelle fest: die Suche nach dem Haken war vergeblich.

Polizisten patroullieren immer zu zweit, um die Aussage des einen durch den anderen stützen zu können. Damit das Gericht ihnen später glaubt – so unwahrscheinlich das Berichtete auch sein mag. Mein Fotograf war mein Zeuge: Diese erste Nacht im Underground war ein großes Fest des Menschseins, eine Huldigung der Freude.

Ich hoffe, dass das Underground einige Zeit überlebt. In seiner radikalen Andersartigkeit wird er es sicher schwer haben in unserer Stadt.

Martin Mengden, 27, Musiker, Flaneur und bekennender Jungjurist, öffnet in der Rubrik „Verborgene Welten“ Türen zu Wiesbadener Sub-Welten, durch die nicht jeder auf Anhieb gehen würde.

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