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Verborgene Welten: Zen- Meditation – Problemdelegation mit halboffenen Augen

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Von Martin Mengden. Bild Simon Hegenberg.

Als Nikola Pašić, der damalige Ministerpräsident Serbiens, am 23. Juli 1914 das kaum annehmbare österreichisch-ungarische Ultimatum in der Hand hielt, nach dessen Ablauf der erste Weltkrieg beginnen sollte, beschloss er, erst einmal drei Tage lang in den Urlaub zu fahren.

Er fuhr nach Thessaloniki. Pašić stand zu diesem Zeitpunkt unter massivem Druck, der Krieg zwischen Serbien und Österreich-Ungarn war bereits kaum noch abwendbar – und just aus dieser hochakuten Zwangslage heraus hat Pašić doch tatsächlich die Nerven, Urlaub zu machen, um sich zu „erfrischen“. Eigentlich eine ungeheuerliche Entscheidung. Man stelle sich vor, Wladimir Putin übermittelt Angela Merkel ein Ultimatum, in dem er sie dazu auffordert, sämtliche militärische Unterstützung der Ukraine sofort abzubrechen, andernfalls drohten militärische Gegenmaßnahmen Russlands. Daraufhin, kaum auszudenken, fliegt Angie erst einmal drei Tage nach Mallorca, um sich zu erfrischen.

Ein ähnliches Prinzip steckt wohl hinter Shikantaza. Shikantaza ist die Sitzmeditation, wie sie der Zen-Buddhismus lehrt. Dabei sitzt man mit halboffenen Augen und durchgestrecktem Rücken vierzig Minuten lang im Schneider- oder Lotussitz. Den Geist soll man dabei in den Leerlauf schalten: Gedanken und Probleme, die einem kommen, sollen hierbei nicht etwa festgehalten, sondern ziehen gelassen werden.

Man stelle sich nun vor: Angie im Schneidersitz auf Malle, ihr kommt die vage Erinnerung, dass Putin vielleicht bald wirklich Truppen schickt, doch ganz bald lässt sie diesen Gedanken, getreu der Lehre des Shikantaza, weiterziehen. Das ist natürlich der Albtraum aller Deutschen. Wer soll sich kümmern, wenn nicht Mutti?

Interessant ist nun, dass Nicola Pašić, kaum von seiner Thessaloniki-Erfrischung zurückgekehrt, gemeinsam mit dem serbischen Parlament eine Erwiderung an Österreich-Ungarn übermittelte, die in ihrer Formulierung besonnener und geschickter kaum hätte sein können (und die im Übrigen das Wort alternativlos nicht enthielt). Es war ein Meisterwerk der Diplomatie, sagen die Historiker heute. Zu diesem Zeitpunkt war das Kind aber schon in den Brunnen gefallen. Fernab irgendwelcher Schuldfragen: Vielleicht hätte er mal früher Urlaub machen, sich erfrischend besinnen sollen. Oder eben alternativ: An einer Zen-Meditation teilnehmen. Dafür hätte man nicht einmal verreisen müssen, das hätte sich auch bequem von Belgrad aus machen lassen. Vielleicht wäre es dann anders gekommen, wer weiß, ich bin kein Historiker.

Was ich aber zu wissen glaube: Zen-Meditation hat mit dem Urlaub gemein, dass man die kleineren und größeren Probleme, die einen so umtreiben, während dieser Zeit nicht bewusst zu lösen versucht, sie aber andererseits auch nicht bewusst verdrängt. Der gemeinsame Trick von beiden, der Meditation und dem Urlaub, ist, dass die Problemlösung währenddessen an das Unterbewusstsein delegiert wird. Und das Unterbewusstsein arbeitet bekanntlich wunderbar anstrengungslos. Die Praxis der Zen-Meditation liegt damit genau zwischen dem Schlafen (ja auch ein ganz wunderbares Problemlösungsverfahren) und dem Urlauben: Das Ich macht Pause, aber schläft nicht, oder so.

 

Bei der Zen-Meditation geschieht jene Delegation der Problemlösung allerdings nicht ohne ihren Preis. Das wurde mir klar, als ich vor ein paar Tagen in aller Herrgottsfrüh (7 Uhr) mit geradem Rücken und im Schneidersitz in einem kleinen Raum saß und mit fünf anderen Meditationsgenossen vierzig Minuten gegen eine Wand starrte. Sehr schnell merkte ich, dass diese starre Körperhaltung alles andere als entspannend war. Da darf man sich keine Illusionen machen: Zur Meditation gehört Leidensfähigkeit und Disziplin wie zum Wein die Traube.

Merke: Denkt man sich den ganzen esoterischen Erleuchtungsquatsch und die damit einhergehende Unterwerfungsgefahr hinweg, dann ist die Zen-Meditation ein wunderbares Mittel zur Delegation der Problemlösung und zur Stärkung des Rückens. Vielleicht schützt diese Kombination sogar vor Kriegsausbrüchen. Oder man ist doch eher so der leidensunfähige Genießertyp und fährt in den Urlaub. Ein Versuch ist beides wert.  Am besten dann, wenn es noch nicht zu spät ist.

Zen-Meditation im Yoga im Hinterhaus, Blücherplatz 4, 65195 Wiesbaden, immer montags, mittwochs, freitags um 7 Uhr.