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Verborgene Welten: Zur Weinlese mit Winzer Anthony Hammond – „Winemaking is Decisionmaking“

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Der Evolutionsbiologe Professor Dr. Josef H. Reichholf behauptet, der Mensch hätte nicht etwa aus dem Grund mit dem Ackerbau begonnen und wäre nicht etwa deshalb sesshaft geworden, weil damals Nahrungsmangel herrschte. Er ist der Überzeugung, es hat daran gelegen, dass der Mensch alkoholische Getränke herstellen und lagern wollte. Und das geht einfach besser, wenn man an einem Ort bleibt. Erst der Rausch, dann das Brot, das sagt Professor Reichholf. Der Weinbau, und so auch die Weinlese, jene hochromantischen Tätigkeiten, sind ihm zufolge also der ursprüngliche Grund dafür, warum wir in unseren warmen Wohnungen sitzen.

An diesen schönen Gedanken erinnerte ich mich, als ich auf einem steilen Weinberg bei Rüdesheim stand und auf den Rhein blickte. Ich besuchte den Winzer Anthony Hammond, der hier seinen Wein anbaut. Er hat weder etwas mit der Orgel, noch dem The Strokes-Musiker zu tun. Trotzdem sagte er oft „Rock `n` Roll“ zu seinen jugendlichen Lesehelfern, die schon in den Weinbergen herum schnitten, als ich noch desorientiert zwischen den Reben hing. Von seinem Wein sprach er auch als von „den Drogen“ und verglich süffisant heilige Abbildungen von Trauben auf Kirchenfenstern mit heutigen Hanfblatt-Aufnähern auf Jeansjacken. Dann lotste mich Anthony zu meiner Arbeitsstelle und drückte mir eine Schere in die Hand. Tags zuvor hatte mir ein Freund so etwas wie die Grundregel der Weinlese erklärt: „Die Schere muss laufen“. Das tat sie bei mir überhaupt nicht. Anthony redete in ähnlicher Kontinuität wie Iggy Pop, das hochinteressante Detailwissen, das er mir ausholend entgegenwarf, konnte ich nicht gleichzeitig einfangen und Trauben schneiden, da war ich einfach überfordert. Ich hörte also zu, schnitt ab und zu mal ein Träubchen und wusste auf einmal, was Apikaldominanz ist. Ich gebe zu, ich habe auch viele Fragen gestellt.

Anthony Hammond, der exaltierte, alle Regeln brechende Rock-Winzer? Das wäre eine realitätsferne, anmaßende Vereinfachung. Anthony verkörpert nämlich nichts weniger als unseren hochkomplexen Zeitgeist: Er ist Halbamerikaner mit bayerischem Akzent. An der Geisenheimer Traditionshochschule hat er Weinbau gelernt, mit dem ihm dort vermittelten, über Jahrtausende gewachsenen Wissen über die Kunst des Weinbaus würde er keine üblen Späße treiben. Abgrenzen um des Abgrenzens willen, das liegt ihm fern. Cabernet Sauvignion im Rheingau: was soll das denn? Das ist seine konservative, traditionsbewusste Ader; am Weinberg berichtete er mir von Burgen, Bismarck und den schwierigen Beziehungen zwischen Bayern und Preußen. Einer seiner Weine heißt „Rüdesheimer Berg Roseneck“. Gleichzeitig ist er ein moderner Vertriebler, hat Geschäftspartner in Norwegen, entwickelt das Etikettendesign mit einem Freund, der in einer großen Hamburger Werbeagentur arbeitet. Ein anderer seiner Weine heißt „Sugar Babe“. Daneben ist er auch ein nachhaltiger, ökologischer Landwirt, der die altertümlichen Weinbergsmauern freilegt, damit darin Reptilien wohnen können. Was allerdings auch eine Auflage der Naturschutzbehörde ist.

Hätte man derlei lächerliche Vergleiche nötig, man könnte also behaupten, Anthony sei die vorweggenommene personalisierte Schwarz-Grüne Koalition. Okay, mit etwas Rock `n` Roll garniert, Herr Kretschmann kauft sich sicher keine „Sugar Babes“.

Anthony ist ein Mann der klaren Worte. Schon als ich in meinem kleinen Auto hinter ihm herfuhr, um zu seinen entlegenen Grundstücken zu gelangen, befahl er mir förmlich, an meinem Handy auf Lautsprecher zu schalten; es folgten erste Ausführungen über Vorbeiziehendes. Auch danach gab er den Ton an, hatte er immer den Überblick: „Zieh die Schuhe hier aus, nimm mal diese Gummistiefel“. Oder später: „Schnall mal diesen Bottich auf, macht mal ein Foto hiervon, das kommt gut“. Durch diese bestimmte Art durchbrach er auf beinahe revolutionäre Art unseren Zeitgeist, dieses andauernde Rumgeeiere, das ständige Sich-nicht-entscheiden-können. Er macht einfach, so wie er will, und das klappt. Beim Abschied schüttelte er noch die passende Schlagzeile aus dem Ärmel: „Winemaking is decisionmaking“. Wir gehorchen gerne.

Prost, auf die Sesshaftigkeit!

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