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2×5-Interview: Gerhard Strauch, Rechtsanwalt, 63 Jahre, 2 Kinder

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Interview Dirk Fellinghauer. Foto Simon Hegenberg.

BERUF

Sie werden 15- bis 20-mal im Jahr als Anwalt gegen die Stadt Wiesbaden aktiv. Wer bietet so viel Anlass zur Klage – die Mitarbeiter der Verwaltung oder die Politiker?

Ich habe eine Menge Fälle mit politischem Hintergrund vertreten. Da ist es schon so, dass von der Politik irgendwelche Vorgaben gemacht werden. Das ging los bei dem Militärputsch in der Türkei 1980, da habe ich Asylverfahren betreut von Türken, die fliehen mussten. 1987 kam dann die Volkszählung. Da habe ich zwangsverpflichtete Zähler vertreten, alles städtische Bedienstete. Projekte wie der Bebauungsplan Petersweg Ost und das Künstlerviertel haben gezeigt, wie Politik sehr arrogant mit ihren Mehrheiten umgeht. Verwaltungsrecht generell ist ein Bereich, wo man viel argumentieren kann, es gibt Ermessensspielräume.

 

Werden Sie als Anwalt angesprochen, oder durchforsten Sie permanent die Zeitung und schauen, wo ist der nächste Fall, bei dem ich mich anbieten kann?

Nein, ich bin eigentlich jemand, der sich gar nicht nach irgendwelchen Mandaten drängt. Akquise ist gar nicht mein Ding. Ich lehne auch genügend Sachen ab. Ich nehme nur das an, was ich guten Gewissens bearbeiten kann ohne Akten auf dem Fußboden, die dann nicht weggearbeitet werden.

Als Anwalt hätten Sie sich auch lukrativere Arbeitsgebiete suchen können.

Das muss man schon gerne machen, zum Beispiel Bürgerinitiativen zu vertreten. Da könnte man in anderen Gebieten mehr verdienen. Das Verwaltungsrecht ist sehr aufwändig, und man kriegt in den wenigstens Fällen den Zeitaufwand vollwertig bezahlt. Da arbeitet man schon mehr aus Interesse. Ich habe den Vorteil, dass ich finanziell gut abgesichert war vom Elternhaus her. Da habe ich nie den Druck gehabt, mich nur nach lukrativen Sachen zu strecken und konnte das machen, was mich interessiert hat. 

Auch im Umgang mit den Medien scheinen Sie sehr aktiv und versiert.

Ich habe immer viele Mandate gehabt, die von öffentlichem Interesse waren. Da war die Erkenntnis ganz wichtig, dass man durch die öffentliche Meinung viel gewinnen kann. Manchmal hat man ein Verfahren, das juristisch vielleicht Jahre dauern würde. Wenn man die richtigen juristischen Verfahren einleitet und es entsteht dadurch eine Öffentlichkeitswirksamkeit, dann kann das die Sache derartig beschleunigen und die öffentliche Meinung sich so stark ausbreiten, dass schlechte Entscheidungen aufgehoben werden, ohne dass man das juristische Verfahren zu Ende führen muss. So wie jetzt beim Stadtmuseum: Die Stadt hätte ja das Bürgerbegehren abwarten können und schauen, ob sie überhaupt die Mindestunterschriften kriegen. Aber ich denke, da war der Druck einfach zu massiv, und man wusste selbst, dass man es verzockt hatte mit dem Grundstücksverkauf ohne Auflagen und Ausschreibung, und dem Mietmodell, wo jeder sagt, das macht man doch nicht.

Manche sagen, es waren letztlich Sie mit Ihren juristischen Anstrengungen, die das Stadtmuseum zu Fall gebracht haben. Macht Sie das stolz?

Stolz bin ich da schon drauf – darauf, dass alles positiv im Sinne der Wiesbadener Bevölkerung ausgegangen ist. Zum einen ist diese immense Geldausgabe erspart worden für das Mietmodell. Und es wurde durchgesetzt, dass man, nachdem das Grundstück unter Wert an die OFB abgegeben worden war, nun tatsächlich vom Kaufvertrag zurückgetreten ist. Wäre das Verfahren nicht gewesen mit der öffentlichen Begleitmusik, dann hätte man wahrscheinlich auch gesagt, sie sollen es behalten. Die Verantwortlichen mussten aber wirklich Angst haben, dass ein Strafverfahren eingeleitet wird wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder und Vorteilsgewährung. Wenn jetzt geschimpft wird, Bürgerbegehren würde es zu einfach gemacht – dazu kann man sagen, die erfolgreichen Bürgerbegehren haben etwas sehr Sinnvolles bewirkt. Da sieht man, wie wichtig es ist, dass die Bürgerschaft so ein Mittel an der Hand hat, um unvernünftige Entscheidungen zu kippen. Das war auch ein bisschen meine Motivation für den Beruf, zu sagen, ein starker Staat oder starke Regierungen brauchen einfach Kontrolle. Sonst kommen so Sachen raus nach dem Motto, wir sind halt an der Macht, wir entscheiden einfach.

MENSCH

Worauf begründen Sie Ihren Gerechtigkeitssinn?

Ich war schon immer ein sehr sozial eingestellter Mensch. In meinen ersten Schulzeugnissen stand: Gerhard hat ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl. Mein Bruder, 1941 geboren, hatte noch das Pech, Kind der Kriegsgeneration zu sein mit eher autoritärem Vater, da hat er ziemlich drunter gelitten. Aus den Fehlern haben meine Eltern gelernt, so dass ich mich sehr gut und gerecht behandelt fühlte und Freiheiten hatte. In der Schule haben wir viele Gruppenarbeiten gemacht. Man hat Lernen gelernt: Dass die Zusammenarbeit mit anderen positiv ist. Dass es nicht negativ ist, Wissen abzugeben, man profitiert wechselseitig voneinander. Ich war auch schon immer jemand, der gerne organisiert hat, im jungen Alter die Feten, und heute organisiere ich die Klassentreffen.

Sie waren Mitglied der DKP. Warum sind Sie 1974 in die Partei eingetreten?

Ich bin in den Aufbruchszeiten groß geworden, in den Sechziger Jahren, wo die ganze Geschichte des deutschen Faschismus aufgearbeitet wurde. Da macht man sich auch Gedanken, was ist eine gute Gesellschaftsform und was eine schlechte. Vom Ansatz her ist der Sozialismus was Gutes: Es soll den Menschen wirtschaftlich besser gehen, es soll keine Ausbeutung geben und keine Kriege. Wie das so ist, wenn man Ideale hat, nimmt man die Realität auch nicht immer so wahr oder schiebt auch Bedenken und Einwände weg, weil man sagt, im Prinzip ist es ein gutes System.

Und warum sind Sie 1989 wieder aus der DKP ausgetreten?

Ein Aha-Erlebnis war, dass ein aus der DDR übergesiedelter Ingenieur berichtet hat, dass man in den Betrieben als Fachmann nicht seine Meinung sagen kann. Da gibt es oben die Parteileitung, die hat immer Recht. Er hat das so geschildert, dass die DDR eine tote Gesellschaft wäre, weil dort nicht mehr diskutiert wird. Er hat gesagt, irgendwann hört man auf, Vorschläge zu machen, weil das eh´ nicht umgesetzt wird, und so war die ganze Gesellschaft. Ohne Diskussionen, auch kontroverse, ist eine Gesellschaft keine gute Gesellschaft und kommt nicht voran. 

Haben Sie heute eine politische Heimat?

Ich bin in keine Partei mehr reingegangen, weil ich denke, man ist dann doch oft fremdbestimmt. Es gibt dieses Ellenbogenverhalten, egal in welcher Partei. Persönliche Auseinandersetzungen, über die man sich zerstreitet – das ist nicht mein Ding. Ich finde es persönlich angenehmer, mich in Bürgerinitiativen zu engagieren, wo man sagt, man zieht an einem Strang mehr oder weniger.

Sie wollen ab dem nächsten Jahr beruflich kürzertreten. Wie nutzen Sie die gewonnene Zeit?

Ich bin eher ein Bewegungsmensch. Ich mache gerne Gartenarbeit. Wir werden sicher mehr reisen, auch mal längere Urlaube machen. Wir haben bosnische Flüchtlinge betreut, die durch den Jugoslawienkrieg nach Auringen kamen. Sie konnten später nach Australien auswandern und haben immer gesagt, wir sollten sie besuchen. Außerdem habe ich einen großen türkischen Bekanntenkreis aus der Phase nach dem Militärputsch 1980. Ich habe auch Türkisch gelernt in der Volkshochschule. Fotografie und Bildbearbeitung ist ein Hobby von mir, da habe ich auch meine Scheu vor dem Computer überwunden. Und ich treibe Sport – mit über 60 wird man manchmal etwas bequemer. Aber ich bin schon noch am Schwimmen, Fahrradfahren, mache auch gerne Mehrtages-Touren, und gehe in Fitnessgymnastik.

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