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2×5 Interview: Hans Reitz, Social Business-Unternehmer, 46 Jahre, 3 (+2) Kinder

Interview Dirk Fellinghauer. Foto Simon Hegenberg.

BERUF

Was ist Social Business?

Social Business ist ein hochspannendes Werkzeug in der Zivilgesellschaft, um mehr Integration und mehr Inklusion zu schaffen Probleme zu lösen, wo immer sie auftauchen.

Die Idee des Social Business hat Friedensnobelpreisträger Prof. Yunus in einer der ärmsten Regionen der Welt entwickelt. Sie wollen mit Wiesbaden eine besonders reiche Stadt zur „Social Business City“ machen – warum ist das hier nötig?

Prof. Yunus hat als Wirtschaftsprofessor und Unternehmer etwas in ein Format gebracht, was bei ganz vielen von uns im Herzen drin steckt, auch in unserer Stadt. Wiesbaden hat bei all seiner Faszination auch viele soziale Herausforderungen, die werden nicht weniger, sondern mehr. Wir haben noch viel zu tun für die Chancengleichheit – für Frauen über 40, für Menschen aus sozial schwächeren Milieus, für Menschen, die sich in Alkohol oder anderen Sachen verloren haben. Außerdem gibt Social Business einfach jedem die Chance, endlich das Ding zu machen, das man machen will. Ganz viele Menschen wollen etwas Sinnvolles tun. Stattdessen kassieren sie einfach an jedem Monatsende ein Schmerzensgeld für das, was sie tun.

Wer anderen hilft, schafft auch Abhängigkeiten. Riskieren nicht diejenigen, die sich unter Ihre Fittiche begeben, Vereinnahmung oder gar Bevormundung?

Nein. Wenn wir ein Joint Venture gründen, werden wir zu zwei Partnern. Ansonsten kann jeder Social Business machen. Wir sind ein „Open Source“, so wie Wikipedia oder Linux. Wir veröffentlichen alles, halten nichts geheim. Wie man es macht, ist für jeden zugänglich. Jeder kann die Plattform spielen.

Macht Social Business, zu Ende gedacht, Entwicklungs- und Sozialhilfe überflüssig?

Ich glaube nicht an Monokultur. Wir brauchen Social Business und die herkömmliche Wirtschaft in einem guten Mix. Bisher gibt es beim Business nur Gewinnmaximierung und im sozialen Bereich nur die Abhängigkeit von Spenden. Da beide Bereiche deutlich merken, dass sie die Herausforderungen der Zeit nicht lösen können, brauchen wir Ergänzungen. Hier möchte ich aber auch betonen, dass es ganz viele, langjährige Familienunternehmen gibt, die bereits nach den Grundsätzen eines Social Business geführt werden. Ich glaube, dass wir, wenn es gut läuft, gesünder werden, gerechter, und vor allem freudiger.

Sie haben gerade den Global Social Business Summit in Wien organisiert. Welches war die aufregendste Social Business-Story, die Sie dort gehört haben?

Die Sache an sich ist das Aufregendste. Besonders schön war, dass Königin Sofia von Spanien da war. Sie sollte eigentlich nur die Eröffnungsrede halten, war aber so begeistert von der Sache, dass sie komplette zwei Tage blieb. Ich habe sie öffentlich gefragt, ob wir sie „Queen of Social Business“ nennen dürfen. Das hat sie auch akzeptiert. Selbstverständlich habe ich sie auch nach Wiesbaden eingeladen. Sie warten nun auf eine offizielle Einladung. Lassen Sie uns mal die Daumen drücken, dass sie kommt.

MENSCH

Gab es in Ihrem Leben ein Schlüsselerlebnis, das Ihr Denken und Tun bis heute prägt?

Ich bin in eine Familie geboren mit sieben Kindern. Mein leiblicher Vater wurde schwer krank und meine Mutter war auf sich alleine gestellt. Diese Herausforderung hat mich sehr geprägt in meiner Anstrengung, was ich tun kann für meine Familie und die, die mir am Herzen liegen, um ihnen das Leben leichter zu machen.

Auf einem Vortrag beim „Wiesbadener Wirtschaftsdialog“ haben Sie einen Satz gesagt, der zu manch irritierten Gesicherten bei den offensichtlich überdurchschnittlich gut situierten Zuhörern führte: „Bei Menschen, die mehr als 6000 Euro im Monat zum Leben brauchen, stimmt etwas nicht im Kopf“. Wofür geben Sie ihre persönlichen 6000 Euro aus?

Jeder darf natürlich so viel ausgeben wie er ausgeben will. Ich möchte hier niemanden bevormunden. Trotzdem würde ich das heute nochmal so unterstreichen. Jeder muss sich die Frage stellen: was ist eigentlich genug. Diese Frage wird zu wenig gestellt. Da wir alle mit einer gewissen Sehnsucht unterwegs sind, versuchen wir ganz oft, das mit materialistischen Themen zu kompensieren. Vielleicht sind fünf gepflückte Walnüsse wertvoller als die nächste Louis Vuitton-Handtasche. Mein persönliches Geld gebe ich hauptsächlich für meine Kinder aus. Den einzigen Luxus, den ich ein bissel habe, ist, dass ich gerne meine zweite Haut, also meine Kleidung, sehr ausgewählt trage. Da spare ich tatsächlich zusammen, dass ich mir das leisten kann.

Sie haben ein sehr bestimmtes Auftreten, gepaart mit Charisma – da bleibt kaum Raum für Zweifel an dem, was Sie vortragen. Kennen Sie Selbstzweifel und wie gehen Sie mit Kritik um?

Zweifel habe ich keinen, weil ich ja das sage, was ich meine, weil ich keine Maske habe. Zweifel bekommt man ja nur, wenn man versucht, etwas anderes darzustellen als man ist. Was mich stört, sind Missinterpretationen oder Unterstellungen. Man unterstellt ja oft anderen etwas, was man selbst verbergen will. Manche unterstellen mir, ich will eine neue Art des Sozialismus herbeiführen. Das ist weit weit weg. Ich  erschrecke eher manchmal, wie konservativ ich bin – so wie ich aufrufe, die Sachen ordentlicher und sauberer zu halten und sich mehr zu kümmern.

Können Sie ihren besten Freund beschreiben?

Der lebt im Wald und redet lieber mit den Bäumen. Er ist der genügsamste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und er weiß genau, was genug ist.

Sind Sie glücklich?

Ja! Glück kommt von dem Wort „gelücke“ und das heißt gelingen. Wenn man es nicht versucht, kann es auch nicht gelingen. Ich bin so ein Mensch, der jeden Tag wieder etwas Neues versucht. Und wenn es nicht gelingt, versuche ich es nochmal und nochmal und nochmal, bis es gelingt. Deswegen bin ich glücklich.

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