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Arbeitsplatz Fahrrad: Tour d´Adrenalin

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Von Rebekka Farnbacher. Fotos Ben Schroeter.

Gerade bekamen wir es wieder bescheinigt: Wiesbaden gehört zu den fahrradunfreundlichsten Städten im Land. Das kann Fahrradkuriere nicht aufhalten. Und schlechtes Wetter schon gar nicht. „Dir müssen die Kurierfahrten Spaß machen. Ansonsten machst du das bei so einem Wetter auch nicht für Geld“, bringt es Marcel, der seinen Job seit einem halben Jahr macht, auf den Punkt. Seine Wangen sind noch gerötet von der letzten Fahrt. Er redet schnell, immer mit dem Blick auf seine Uhr, weil die nächste Sendung ansteht.

Die Frage, ob die Radler selbst bei miesem Winterwetter auf die Straße müssen, wird vom Geschäftsführer des Kurierdienstes Expressenger belächelt. Man könne schließlich nicht mal eben den gesamten Betrieb einstellen, erklärt Steffen Strobel. Von einfachen Dokumenten über Schlüssel, Handys, Laborproben, bis hin zur vergessenen Schulbrotdose liefern die Fahrradkuriere im Stadtgebiet fast alles aus. Für schwere Sendungen gibt es ein Auto, das Lastenrad „Long John“ sowie den Einfallsreichtum der Radler, was ihre Befestigungstechniken angeht.

Auch Lukas arbeitet auf dem Fahrrad. Er bringt Pizza, Pasta, Croques und Desserts von A nach B. Die „Joey`s“-Filiale in der Dotzheimer Straße verfügt zwar auch über ein Auto und drei Motorroller, aber er mag die Fahrten auf dem Rad am liebsten, weil man in Bewegung sei und nicht so einfriere. Im Gegensatz zum „Expressenger“, wo die Kuriere ihre eigenen Fahrräder nutzen, stehen hier Elektrobikes vor der Tür. Diese übersetzen die Tretkraft in zusätzliche Geschwindigkeit bis zu 25 km/h – besonders praktisch bei all den bergigen Strecken in Wiesbaden. Für Marcel machen gerade die vielen Anstiege den Reiz seines Jobs aus. „Nicht jeder packt das hier. Damit kann man in der Kurierszene gut angeben“, schmunzelt der Lehramtstudent. Der Kurierdienst ist stolz, den amtierenden Europameister der Fahrradkuriere zu beschäftigen.

Bei „Joey`s“ fährt der Spaß an der gegenseitigen Challenge ebenfalls mit. Über einen Monitor im Pizzastützpunkt lässt sich die Geschwindigkeit des jeweiligen Fahrers im Einsatz ermitteln. Wird in weniger als 20 Minuten ausgeliefert, leuchtet die Fahrt in Grün, ist der Kurier zu langsam, verfärbt sie sich in Orange, dann in Rot. Aus gutem Grund: eine Pizza unter 65 Grad ist für die meisten Kunden ein rotes Tuch. Demnach fällt je nach Entfernung die Wahl auf den Motorroller (ab 1,5 km) oder das Rad. Den unangefochtenen Rekord im „Joey`s“ Nord hält Dennis, der mittlerweile seinem Plan nachgeht, per Rad den nördlichen Polarkreis zu erreichen. „Dennis hat einmal 52 Fahrten an einem Tag gepackt. Ich schaffe in etwa 42“, erzählt der studierte Betriebswirt begeistert.

Täglich brenzlige Situationen

Marcel beeindruckt mit bis zu 150 km in einer Volltagsschicht. Dass Spaß, Sportgeist und Belastbarkeit Voraussetzung für den Bringdienst auf zwei Rädern ist, liegt auf der Hand. Die beiden lieben das Draußen sein und die Auslastung, aber auch den Aspekt der Umweltschonung, gepaart mit Nervenkitzel. „Obwohl wir uns im Verkehr ganz ordentlich verhalten, hat man den Adrenalinschub, weil es eigentlich täglich zu brenzligen Situationen kommt“, so Marcel. Lukas hat wiederum den Vorteil, sich zwischendurch beim Teigrollen zu entspannen, wenn das Halli Galli in der Bestell-Rush Hour oder rücksichtslose Autofahrer einiges an Nerven abverlangen. Über ihren Status als unterstes Glied in der Kette der Wiesbadener Verkehrsteilnehmer sind sich beide einig. Zum Glück haben sie aber in ihrem Job – im Gegensatz zu Bus-, Zug-, oder Flugpassagieren – nicht mal die Zeit, sich darüber aufzuregen.