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Das 2×5 Interview: Wolfgang Nickel, Stadtverordnetenvorsteher, 70 Jahre, verheiratet, 2 Töchter, 4 Enkel, 1 Urenkelin

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Interview Dirk Fellinghauer. Foto Arne Landwehr.

BERUF

Sie sind durch Ihr Amt „erster Bürger“ der Stadt. Was heißt das?

Ich bin oberster Repräsentant der Stadt. Und der Bürgerschaft. Diese Funktion hat oberste Priorität im Staatsaufbau. Auch unsere Frau Bundeskanzlerin ist ja nicht die Nummer 1, sondern die Nummer 4. Vor ihr kommen Bundespräsident, Bundestagspräsident, Bundesratspräsident. Und in der Stadt ist die Nummer 1 der Stadtverordnetenvorsteher. Und zwar, weil er die Bürger vertritt, als oberstes Organ und Souverän.

Laut Hessischer Gemeindeordnung müssen Sie Ihr Amt, zu dem die Leitung der Stadtparlaments-Sitzungen gehört, „gerecht und unparteiisch ausüben“. Fällt Ihnen das schwer?

Nein. Ich kann auch beißen und mich durchsetzen, das habe ich bei der Polizei gelernt. Aber in meinem Verständnis von Politik ist das nicht das Vorherrschende. Der Kompromiss ist wichtig. Wenn er gut ist. Es gibt auch faule Kompromisse. Ich bin gut damit gefahren, den besten Weg mit allen zu suchen und alle mitzunehmen. Das dauert manchmal länger, ist aber erfolgreicher.

Welches Klima herrscht im Wiesbadener Stadtparlament?

Verglichen mit dem im Hessischen Landtag ein sehr gutes (lacht). Unser Parlament besteht aus 81 Stadtverordneten. Das lebt, ist lebendig, soll lebendig sein. Zu diesem Leben gehört Diskussion, Auseinandersetzung, das wird manchmal auch recht lebhaft. Das kann ich bis zu einem gewissen Grad akzeptieren. Nicht mehr zu akzeptieren ist es, wenn die Diskussionen persönlich werden, wenn die Leute sich angreifen und beleidigen. Als Parlamentspräsident musst du den Laden mit seinen 81 aufgeregten Stadtverordneten zusammenhalten und auch mal versuchen, zu steuern. Das funktioniert ganz gut.

Wie viel von dem, was die Stadtverordneten in den Parlamentssitzungen veranstalten, ist Show?

Ein guter Teil. Show gehört dazu. Es geht darum, sich zu präsentieren, Aufmerksamkeit zu erzielen, koste es, was es wolle. Die Leute sind so, das kommt vor. Natürlich ist es bei manchen mehr, bei anderen weniger ausgeprägt.

Momentan ist Bürgerbeteiligung ein großes Thema in unserer Stadt. Wie stehen Sie dazu?

Wenn Sie die Leute fragen, was halten Sie von Bürgerbeteiligung, sagt jeder, das ist eine prima Sache. Ist es auch. Wir müssen schauen, wie es gelingt mit den Leitlinien zu Bürgerbeteiligung. Wenn wir da einen Schritt weiter kämen, wäre das eine tolle Sache. Ich weiß aber nicht, ob das Instrument am Ende alles so leisten kann wie es der Begriff verspricht. Ich bin nicht pessimistisch, sondern realistisch. Wenn es gelingt, gebe ich einen aus. Ich weiß aber noch nicht, wem (lacht). Die Stadt ist ja schon jetzt nicht schlecht aufgestellt. Wir überlegen täglich, wie wir die Bürgerbeteiligung verbessern können. Es gibt 26 Ortsbeiräte, also die kleinen Parlamente, mit dieser Anzahl sind wir Weltmeister. Dort kommen die Politiker direkt mit den Bürgern in Kontakt und hören die Probleme. Wir haben den Ausländerbeirat, den Seniorenbeirat, den Gestaltungsbeirat. Wir versuchen den Bürgern zu sagen: Bringt euch ein. Sagt uns, was gut oder nicht gut läuft.

MENSCH

Bei ihrem Amtsantritt vor fünf Jahren wurden Sie in einem Zeitungsbericht als Handymuffel beschrieben. Sind Sie das immer noch?

Handymuffel ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Ich bin bis heute noch nicht vernetzt mit sozialen Netzwerken. Meine Enkel werden mir das schon irgendwann beibringen. Ich komme noch mit einem ganz normalen Handy zurecht. Aber wer die Zeit dafür hat und Lust, von mir aus. Manche sind da ja sehr angestrengt mit beschäftigt.

Sie müssen eine riesige Anzahl an Termin wahrnehmen. Haben Sie einen Trick, langweilige Veranstaltungen durchzustehen?

Einen Trick nicht. Aber wenn ich alle Veranstaltungen, die ich besuche, so gestalten dürfte, wie ich es gerne hätte, würde die eine oder andere durchaus etwas anders aussehen.

Wiesbaden ist derzeit wieder verstärkt auf der Suche nach seiner Identität. Wo könnte die Stadt fündig werden?

In der Lage der Stadt und in ihrer Vielgestaltigkeit. Wiesbaden ist eine wirklich bunte Stadt. Wenn wir sehen, wie viele Nationen hier vertreten sind. Beim  Anteil der Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund liegen wir vor Kreuzberg. Bei uns gibt es dabei eine besonders große Breite an Nationalitäten. Wir sind eine Stadt, die nicht mehr alleine auf der Welt ist. Wir sollten uns auch mehr als Region verstehen. Außerhalb der Fastnachtszeit können wir recht gut mit Mainz, das ist aber auf jeden Fall noch ausbaufähig. Und die Frankfurter, auch wenn die immer gerne dominieren wollen, sind uns auch nicht suspekt. Wir leben in einer prosperierenden schönen Region, die ihre Vorzüge noch weiter ausbauen sollte.

Ihr eigentlicher Beruf war Polizist. Wie kamen Sie dazu?

Es war ursprünglich nicht mein sehnlichster Wunsch, Polizist zu werden. Ich hatte Lebensmitteleinzelhandelskaufmann gelernt, mein Großvater hatte ein Lebensmittelgeschäft in Naurod. Aber das hat sich dann so ergeben. Ich wurde und war aber mit Leib und Seele Polizist und Schutzmann, von meinem Diensteintritt 1965 bis zur Pensionierung exakt 40 Jahre später, im Jahr 2005. Ich hätte gerne weitergemacht. Danach habe ich mich dann völlig auf die Politik konzentriert. Es hätte auch ganz anders sein können, aber ich bin mit meinem Leben zufrieden.

Würden Sie heute noch jungen Leuten empfehlen, den Polizistenberuf zu ergreifen?

Ja! Es ist zwar vieles anders geworden durch viele neue Aufgaben, die nicht die Ureigensten sind, also wie Streife gehen, Hühnerdiebstähle aufklären. Heute ist vieles dazu gekommen, was nicht viel Freude macht, etwa im Objekt- und Personenschutz. Es ist eine schwierige Sache, wenn man weiß, dass heute keine größere Veranstaltung mehr ohne erheblichen polizeilichen Einsatz gefahren werden kann. Die eigentliche polizeiliche Tätigkeit kommt zu kurz. Trotzdem ist es noch ein schöner Beruf.

Seine letzte Sitzung der auslaufenden Legislaturperiode als Stadtverordnetenvorsteher leitet Wolfgang Nickel heute um 16 Uhr im Rathaus. Interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer sind wie immer auf der Besuchertribüne willkommen. Was alles besprochen werden soll, steht auf der öffentlichen Tagesordnung. Nach der Kommunalwahl wird ein neuer Stadtverordnetenvorsteher gewählt, den traditionell die stärkste Fraktion stellt. Sollte dies die CDU sein, will Wolfgang Nickel wieder antreten.

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