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Das Gesicht der Stadt modelliert: Wie der Bildhauer und Keramikproduzent Johann Jacob Höppli Wiesbaden prägt

Von Hendrik Jung. Fotos: Arne Landwehr. 

Der vor 200 Jahren geborene Schweizer Bildhauer und Keramikproduzent Johann Jacob Höppli hat das Stadtbild von Wiesbaden mitgeprägt wie wenige andere. Sein Wirken verdient genauere Betrachtung.

In der Wiesbadener Innenstadt begegnet man dem Werk von Johann Jacob Höppli, seiner Witwe und ihres gemeinsamen Sohnes Christian auf Schritt und Tritt. Sei es im Dekor von Villen, sei es an Ornamenten von Grabmälern aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder natürlich am opulent gestalteten Höppli-Haus in der Wörthstraße: Gleich neben seinem Wohnhaus in der Dotzheimer Straße gründete er hier in den 1860-er Jahren eine eigene Werkstätte, die mehrmals erweitert werden konnte. Ab Anfang der 1870-er Jahre ist dann in der Wörthstraße ein umfassender architektonischer Katalog entstanden.

Der einstige Ausstellungsraum der Thonwaarenfabrik Jacob Höppli, in deren Öfen die Baukeramik seriell hergestellt worden ist, kann heute nicht mehr für dessen Kunst werben. Doch die Hausfassaden sowie der Innenhof mit den heute aus Zement nachgebildeten vier Karyatiden – weibliche Skulpturen, die als tragende Säulenelemente dienen – wirken bis heute auf die Passanten.

Wanderschaft führte nach Wiesbaden

1822 geboren als Sohn einer Müllerfamilie im Kanton Thurgau, hatte Höppli 1841 seine Lehre als Modelleur und Bildhauer beendet. Er ging auf Wanderschaft und kam etwa fünf Jahre später nach Wiesbaden. Hier erhielt der Mittzwanziger vom herzoglich-nassauischen Landbaumeister Philipp Hoffmann den Auftrag, Modelle und Gussformen für die keramischen Dekorationen der russisch-orthodoxen Kirche zu produzieren. Dazu kaufte er sich in die Fayencen-Manufaktur-Leicher ein. 1860 wurde er durch seine Heirat mit Johanna Charlotte Amalia Gaab endgültig in Wiesbaden heimisch.

Kirchen und Synagoge mitgestaltet

Verewigt hat er sich auch bei der Gestaltung der Bonifatius- sowie der Marktkirche, deren Portal er etwa ausgiebig mit Akanthus-Blättern aus Terrakotta verziert hat. Dort lässt sich an mindestens einer Stelle der Name des Künstlers noch heute gut entziffern. Als Höppli von Hoffmann schließlich auch noch für die Gestaltung der Synagoge am Michelsberg engagiert wurde, war seine Beteiligung an den bedeutendsten Sakralbauten Wiesbadens komplett.

Höppli jr. führte Werk des Vaters fort

In dieser Zeit machte er sich mit seiner eigenen Werkstatt selbstständig, erlebte aber die endgültige Fertigstellung des Höppli-Hauses nicht mehr. 1876 verstarb er. Sohn Christian war damals erst zwölf Jahre alt. Der Mutter gelang es, das Unternehmen so lange aufrecht zu erhalten, bis dieser es übernehmen und noch einmal zu großer Bedeutung führen konnte. Der junge Höppli verewigte sich etwa beim Bau des neuen Kurhauses, des Theaterfoyers, der Landesbibliothek und des Landesmuseums. Außerdem wurden die verwitterten Sandsteinfiguren auf der Rotunde des Biebricher Schlosses gegen Produkte aus dem Hause Höppli ausgetauscht.

Denkmalpflege restauriert Baukeramik

Im Kellerbereich des Schlosses, in dem heute unter anderem das Landesamt für Denkmalpflege zu finden ist, befinden sich Elemente, die wohl geborgen worden sind, als die Gebäude, die sie einst geziert haben, niedergelegt worden sind. Das Landesamt hat nun vor kurzem eine Dokumentation dieses Bestandes und eine Untersuchung des Zustands der Baukeramik von Höppli finanziert, ebenso die Erarbeitung eines Konzepts zur Vorbereitung des Transports der Baukeramik in das Depot des Wiesbadener Stadtmuseums.

„Exemplarisch wurden Reinigungsversuche durchgeführt. Einige Stücke sind fragiler und müssten vor dem Transport restauriert werden. Das heißt, sie müssten durch Klebung stabilisiert, Farbfassungen gefestigt werden. Andere könnten nach einer Reinigung transportiert werden“, berichtet Katrin Bek von der Öffentlichkeitsarbeit des Landesamts.

Ungeklärte Salz-Frage

Laut Restauratorin Elena Mittelfarwick genannt Osthues sei jedoch der hohe Feuchtegehalt der Stücke in Kombination mit möglicherweise vorhandenen Salzen problematisch. Hier müsse zur Sicherheit vor dem Transport in ein anderes klimatisches Umfeld eine Salzanalyse und notfalls eine langsame, kontrollierte Trocknung der Stücke erfolgen, damit es zu keinen Ausblühungs-Erscheinungen und Schädigungen durch vorhandene Salze kommt. Bis die Besitzverhältnisse offiziell geklärt sind, bleiben die Stücke im Tiefkeller des Biebricher Schlosses. Anschließend sollen sie an das Stadtmuseum übergeben werden.

Ausstellung mit Werkschau – „Noch vieles zu entdecken und zu erforschen“

Eine Auswahl aktueller Restaurierungsprojekte sowohl des Landesamts für Denkmalpflege als auch der Unteren Denkmalschutzbehörde sollen in einer Ausstellung in der Krypta der Marktkirche gezeigt werden. Sie wurde heute – am 11, September dem Tag des offenen Denkmals – eröffnet und wird bis 9. Oktober laufen (geöffnet Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr), gedacht als eine Werkschau des Jubilars.

„In den kommenden Jahren ist im Zusammenhang mit weiteren Restaurierungsarbeiten mit spannenden neuen Erkenntnissen zur Baukeramik Höpplis zu rechnen“, kündigt Museumsdirektorin Sabine Philipp an: „Die Werkschau ist somit als Auftakt zur weiteren, vertieften wissenschaftlichen Beschäftigung mit Johann Jacob Höppli, seinem Wirken und seiner Bedeutung für die Gebäudegestaltung sowie die Wirtschaftsgeschichte Wiesbadens und darüber hinaus zu sehen.“ Höppli habe der Stadt ihr Gesicht gegeben, unterstreicht Philipp seine Bedeutung – und das Potenzial, sich intensiver mit ihm zu beschäftigen. Es gebe noch vieles zu entdecken und zu erforschen. Dies zeigt sich in der aktuellen Werkschau auch anhand eines Überraschungsfundes, den ein privater Leihgeber beisteuert.

Filmdoku mit letzter lebenden Höppli-Nachfahrin

Zu den Kooperationspartnern bei der Ausstellung gehört auch der 2018 in Wiesbaden gegründete Förderverein Deutsches Forschungszentrum Historismus. Dieser will im Rahmen der Ausstellung die Dokumentation präsentieren, die seit 2019 zusammen mit Filmemacher Harald Kuntze entsteht. Gedreht wird unter anderem mit der letzten lebenden Nachfahrin des Jubilars.

Helma Höppli hat nicht nur dessen Urenkel geheiratet und einst selbst in dem Haus in der Wörthstraße gelebt. Sie hat auch von ihrem Schwiegervater Hermann noch persönliche Erinnerungen an die Unternehmensgeschichte aus dessen Kindheit erfahren. „Der hatte noch den Transport der Figuren für die Rotunde des Biebricher Schlosses über die Schiersteiner Straße erlebt“, berichtet Mario Bohrmann, der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins. Am Montag, dem 12. September, wird der Film nachmittags in Anwesenheit von Helma Höppli in der Villa Clementine gezeigt. „Auch diese wurde reichlich von Höppli ausgestattet und ist der ideale Rahmen, um mit Frau Höppli persönlich eine Stunde über ihre Zeitzeugenerinnerungen zu sprechen“, so Bohrmann.  Wer bei der Filmvorführung dabei sein möchte, kann sich unter bohrmann@lilienjournal.de anmelden.

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