| | Kommentare deaktiviert für Das große 2×5-Interview: Prof. Michael Ronellenfitsch, Hessischer Datenschutzbeauftragter, 68 Jahre, 1 Tochter

Das große 2×5-Interview: Prof. Michael Ronellenfitsch, Hessischer Datenschutzbeauftragter, 68 Jahre, 1 Tochter

Reklame

2x5_Prof_Ronellenfitsch_ganzseiitig

Interview Dirk Fellinghauer. Foto Simon Hegenberg.

BERUF

Datenschutz erscheint immer mehr als Farce. Ist Ihr Job nicht überflüssig?

Im Gegenteil. Nicht der Datenschutz wird zur Farce. Es weniger darum, gegen das Ausspähen etwas zu unternehmen. Es geht darum, dass man die Ergebnisse des Ausspähens bekämpft. Da wird der Datenschutz immer wichtiger. Sie entdecken keine Spione durch das Ausspähen, Sie entdecken wirtschaftlich relevante Fakten. Wenn das zur Wirtschaftsspionage genutzt wird, muss man etwas dagegen unternehmen. Das gilt auch für Videoüberwachung und für alles, was an Bespitzelung von Mitbürgern erfolgt. Die Konsequenzen der Ausspähaktionen müssen bedacht werden.

Was genau sind die wichtigsten Aufgaben des Hessischen Datenschutzbeauftragten?

Darauf zu achten, dass die Datenschutzrichtlinien von den öffentlichen Stellen und den Privaten korrekt eingehalten werden. Wir sind eine Aufsichtsbehörde und weniger eine Eingriffsbehörde. Wir greifen nur ein, wenn Not am Mann ist. Wir verhindern Datenschutzverstöße, wir sanktionieren sie nur im Notfall. Den Privaten empfehle ich, ehe sie etwas Gefährliches machen, sich bei uns zu erkundigen, ob sie es überhaupt dürfen. Wenn sie in einer Bäckerei sieben Videokameras anbringen, um zu verhindern, dass Brötchen geklaut werden, ist es ratsam, vorher uns zu fragen, ob das verhältnismäßig ist.

 „Jeder Bürger hat das Recht, sich unmittelbar an den Hessischen Datenschutzbeauftragten zu wenden und ihn um Unterstützung zu bitten“ – wie rege machen die Hessen von diesem Recht Gebrauch?

Mit über 7500 Eingaben im Jahr. Das ist relativ viel. Wir registrieren nur Anfragen, die einen Bearbeitungsaufwand erfordern. Wenn sich jemand nur kurz auskotzt, zählen wir das nicht als Arbeitsanfrage. Wir nutzen alle Möglichkeiten, um unsere Präsenz publik zu machen. Wir machen Vorträge, Schulungen, selbst in der hintersten Provinz. Die Anfragen nehmen zu. Von 5600 auf 7600, 2000 mehr innerhalb eines Jahres. Das liegt nicht an der Spionageaffäre. Da geht es mehr um die Kameras im Wald, die Kameras vom Nachbarn. Wir haben bestimmte Klientel, die sich besonders beobachtet fühlen.

Sind die Bürger bei der Preisgabe von persönlichen Daten zu sorglos oder im Gegenteil zu vorsichtig oder gar ängstlich?

Beides. Es gibt Datenexhibitionisten, die sich preisgeben und outen. Dann gibt es Neurotiker, die vor allem was fürchten. Die Mehrzahl ist eher exhibitionistisch veranlagt. Der durchschnittliche Bürger muss wissen, dass er, wenn er Daten preisgibt, Geldwert verschleudert. Die Informationen, die er preis gibt, sind Geld wert. Durch das neu erfundene Recht auf Vergessen vom Europäischen Gerichtshof ist die Pressefreiheit etwas relativiert worden.

Edward Snowden ist für manche ein Held, für andere ein Verbrecher. Und für Sie?

Da enthalte ich mich. Aus amerikanischer Sicht ist er Landesverräter. Aus deutscher Sicht bin ich froh, dass wir diese Situation nicht haben. Es ist nicht mein Job, zu beantworten, ob man den anhören sollte oder nicht. Aber wenn, gibt´s immer noch die Möglichkeit, ihn außerhalb der Bundesrepublik anzuhören. Er hat ja groteskerweise dort politisches Bleiberecht, wo man mit Datenschutz überhaupt nichts am Hut hat.

MENSCH

Man sieht es Ihnen nicht auf den ersten Blick an, aber Sie sind auch Rock´n´Roller. Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Leben?

Im Büro lasse ich Musik laufen. Ich habe in jedem meiner Büros eine Gitarre stehen. Wenn ich nervös bin, klimpere ich darauf rum. Musik ist mein zweites Standbein. Ich habe meine Band seit 1960. Wir spielen vor allem, was in den Musikboxen war zwischen 1958 und 1963.

Sind Open-Air-Festivals für Sie ein guter Ort, dem Rock´n´Roll zu frönen?

Das größte Rock´n´Roll-Ereignis war für mich 1972 im Wembley-Stadion, mit Bill Haley, Little Richard, Jerry Lee Lewis, Chuck Berry. Ich war auch auf einem der letzten Konzerte von Elvis Presley, in West Palm Beach, Florida. Ich habe meinen ganzen Urlaub nichts anderes getan, als zu versuchen, Karten zu kriegen. Auf dem Schwarzmarkt habe ich sie bekommen, für 250 Dollar. Ich hätte auch 1000 gezahlt. Das war von unschätzbarem Wert, selbst wenn das Konzert nicht mehr so doll war. Aber es war Elvis!

Sie sind an Parkinson erkrankt. Thematisieren Sie das öffentlich lieber nicht, oder möchten Sie gerade als öffentliche Person zeigen,  dass und wie man mit dieser Erkrankung leben und arbeiten kann?

Ich habe es nun mal. Ich mache da nicht einen Feldzug draus wie Michael J. Fox, aber ich finde gut, was er macht. Man ist beeinträchtigt und verlangsamt, das ist ja klar. Ich hoffe, im Kopf ist es noch nicht angekommen. Ich mache viele Veranstaltungen, allein in der letzten Woche habe ich vier Vorträge gehalten. Stehen kann ich noch, Schwimmen auch. Ich mache natürlich keine Gebirgswanderungen. Musikmachen ist schlechter geworden. Musikmachen ist hilfreich, streng aber sehr an. Die alte Geschwindigkeit und den alten Ton habe ich nicht mehr. Da ich im Musikmachen Perfektionist bin und immer versucht habe, den Ton live rauszubringen, den sie auf den Platten gespielt haben, tut mir das schon weh.

Sie erklären gerne juristische Sachverhalte mit Rock´n´Roll-Songs. Welche Rock´n´Roll-Weisheit oder -Wahrheit hilft Ihnen im Umgang mit der Erkrankung?

So hochintellektuelle Texte hat der Rock´n´Roll nicht. Was mir hilft, ist eine Aufforderung wie „Walk Like A Man“ von den Four Seasons. Ab und zu muss ich mich zusammenreißen, einigermaßen anständig zu laufen.

Wie groß ist Ihr Vertrauen in die heutige Medizin, welche Hoffnungen setzen Sie in die künftige Medizin?

Die jetzige hält mich aufrecht, durch Medikamente. Dass es zu meinen Lebzeiten noch einen gravierenden Durchbruch gibt, glaube ich nicht. Aber irgendwann wird man was finden. Man muss halt versuchen, mit Selbstdisziplin das Beste draus zu machen. Wenn etwas entdeckt würde, würde ich es auch ausprobieren. Mein Appell an Ihre Leser ist, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und: Die Bevölkerung ist viel hilfsbereiter, als man sich das vorstellt. Das ist ein positiver Ausblick auf die Mentalität der Deutschen, und der ausländischen Mitbürger genauso.