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Das große 2×5-Interview: Jeroen Willemse, 22 Jahre, Vorsitzender AStA der Hochschule RheinMain

Interview: Dirk Fellinghauer. Foto Arne Landwehr.

Welches sind aus Sicht des AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) die drängendsten Probleme für Studierende zum Semesterstart 2019/20 in Wiesbaden?

Vor allen Dingen Wohnraum. Zu Beginn des Semesters kommen unglaublich viele Studis zu uns und haben Probleme, Wohnraum zu finden. Viele pendeln deswegen. Manche haben das Glück, in der Nähe zu wohnen. Es gibt aber auch Studierende zum Beispiel aus Gießen, die dann sehr weit pendeln müssen, weil sie nichts finden. Daneben sind wir auch schon beschäftigt mit der anstehenden Novellierung des Hochschulgesetzes, ein Riesenthema ist die Systemakkreditierung. Das wird sich über Jahre hinziehen, aber wir wollen schon jetzt dranbleiben, dass wir so viel Studierende wie möglich in diesen Prozess integrieren und unsere Stimme einbringen können.

Welches sind deine Aufgaben als Asta-Vorsitzender an der Hochschule RheinMain?

Zum einen gibt es die strategischen Aufgaben und Planungen. Da muss ich vieles ausarbeiten mit meinen drei Vorstandskollegen, damit haben wir uns in den Semesterferien viel auseinandergesetzt. Dann das Thema Organisation, was können wir verbessern und optimieren? Wir erstellen auch den Haushaltsplan, das ist immer ein Riesenaufwand mit einem Etat im Millionenbereich. Es sind ja letztlich Gelder der Studierenden, die wir da verwalten. Und wir verantworten das Personalmanagement. Wir haben thematische Referate. Da stellen wir Leute ein, die uns bei unseren exekutiven Aufgaben unterstützen. Unser neuestes Referat ist das Familienreferat. Das haben wir nun um eine Stelle erweitert, denn es kommen immer mehr Studierende mit Kindern. Da ist die Anfrage enorm gewachsen. Die Stelle für Internationales haben wir gestrichen, weil die Hochschule sehr viele Angebote geschaffen hat für internationale Studierende, da hat unser Angebot keinen Sinn mehr gemacht.

 „Deine“ Hochschule meldet zu diesem Semesterstart wieder Rekordzahlen, die Hochschule Fresenius ist neu in der Stadt, die EBS schon lange – wer könnte besser als du die ewige Streitfrage beantworten: Ist Wiesbaden eine Studentenstadt oder nicht?

Rein von der Anzahl der Studierenden könnte Wiesbaden durchaus eine Studentenstadt sein. Aber wenn wir uns das Drumherum anschauen, das ganze Setting, das sich darum bildet, dann noch lange nicht. Wenn man etwa auf Feste geht, ist das überhaupt nicht auf Studierende ausgerichtet. Möglichkeiten, wo man abends hingehen kann, sind auch überschaubar. Es gibt zwar einige Sachen, die man besuchen kann. Aber wenn man das mit Mainz vergleicht, hat Wiesbaden einiges nachzuholen. Einige Orte wurden ja geschlossen, dafür entstehen kleinere neue. Das ist aber noch lange nicht das, was man braucht. Und beim Wohnraum gibt es eben noch lange keine Angebote, die einer Studistadt gerecht werden. Es liegt also noch ein weiter Weg vor uns, ein weiter Weg! Vor allem unser Kulturreferat ist sehr aktiv, um möglichst viele Angebote zu schaffen und Kooperationen – zum Beispiel mit dem Museum oder dem Staatstheater. Auch im Zuge des Kulturentwicklungsplans werden wir eingeladen, unsere Meinung mit einzubringen. Wir versuchen, mit möglichst vielen verschiedenen Gruppen in Wiesbaden Kontakt aufzunehmen und zu kooperieren, um Sachen voranzubringen.

Fällt es euch leicht, Mitstreiter*innen im AStA zu finden?

Bei den Referaten ist es weniger ein Problem, weil die Stellen auf 450-Euro-Basis vergütet sind. Das ist eine gute Möglichkeit, einen Job zu haben, wo man aber auch sehr dahinter steht und wertvolle Erfahrungen sammelt, die man sonst nicht machen würde. Bei den ehrenamtlichen Gremien spüren wir schon einen Rückgang. Das ist so ein neuer Biedermeier, dass die Leute sich eher in das Private zurückziehen und darauf fokussieren und weniger auf das Gesellschaftliche und Politische. Das ist natürlich schade. Aber wir geben unser Bestes, um hier zum Mitmachen zu motivieren.

Wie ist das Verhältnis zur Hochschulleitung?

Im Vergleich mit anderen Studierendenschaften sind wir sehr gut unterwegs. Unsere Hochschulleitung ist sehr zuvorkommend, was verschiedene Thematiken angeht. Man hat das Gefühl, dass sie, wenn Prozesse anstehen, die Studierenden fragen. Das begrüßen wir sehr. Da stehen andere Studierendenschaften oft mit Kriegsfuß mit der Hochschulleitung. Da können wir uns schon glücklich schätzen, dass es gut läuft. Wir haben generell gute Connections, wo man auch einiges zusammen erarbeiten kann.

MENSCH

Du bist seit 2019 AStA-Vorsitzender, früher hast du dich schon über lange Jahre unter anderem als Schulsprecher engagiert. Was gefällt dir so gut daran, Verantwortung zu übernehmen?

Am schönsten finde ich, dass man ein paar Sachen in Bewegung bringen kann. Man kann viel darüber reden, was man verändern will, und immer wieder mit dem Finger auf etwas zeigen. Aber letzten Endes verändert man damit nicht allzu viel. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht: In solchen Positionen kann man am meisten bewirken, für seine Mitschüler oder jetzt auch für die Mitstudierenden und Kommilitonen.

In einer Ansprache Anfang dieses Jahres hast du die allgemeine Situation für Studierende mit „viel Druck, wenig Zeit“ beschrieben und eine „Lernen bis zur nächsten Klausur“-Mentalität beklagt, bei der kaum Raum für individuelle Entfaltung bleibt. Wie gehst du selbst damit um?

Ich versuche, das mit dem Zeitmanagement so hinzukriegen, dass ich möglichst viel Raum habe für andere Sachen. Mein Google-Kalender ist mein bester Freund. Wenn ich den nicht hätte, wäre ich aufgeschmissen. Ich halte nicht viel von der „Lernen bis zur nächsten Klausur“-Mentalität. Das sieht man dann auch an meinen Noten (schmunzelt). Sie sind nicht supergut, aber auch nicht superschlecht. Ich versuche, so viel wie möglich da auszubrechen, möglichst viele Sachen zu besuchen und nicht zu viel von diesem Druck auf mich einwirken zu lassen. Als AStA-Vorsitzender habe ich, bei einem eigentlichen Monatspensum von 45 Stunden, allerdings jetzt schon 300 Überstunden für dieses Jahr. Es ist schwierig, das abzubauen, weil kontinuierlich neue Sachen kommen. Da kann ich ja schlecht sagen – nee, das mache ich jetzt nicht.

Wie weit bist du auf dem Weg, deinen Platz auf dieser Welt zu finden?

Ich denke, ich bin auf gutem Weg. Ich habe mit „International Management“ ein Studium gefunden, das perfekt zu mir passt und wiederspiegelt, wie ich bin – einerseits das Internationale, verbunden mit der organisatorischen und strategischen Planung. Ich bin auch sehr zufrieden, wo ich wohne, was ich mache, und hoffe, dass ich mich weiter entwickle in die Richtung, wie ich es mir vorgestellt habe. Was beruflich daraus werden könnte, weiß ich noch nicht. Es gibt so viele Bereiche mit meinem Studium, in die man gehen kann, das ist so weit gefächert – wahrscheinlich aber in Richtung Strategien entwickeln, Organisation, vielleicht auch etwa im Finanzbereich. Steve Jobs ist ein Vorbild – einerseits einfach wegen seiner Rhetorik und seiner Ideen. Er ist aus diesem klassischen BWL-Bild ausgebrochen und hat ein Unternehmen geschaffen, das weltweit marktführend ist. Daran sieht man, dass man mit Träumen etwas erreichen kann.

Du studierst auf der „Wiesbaden Business School“ der Hochschule RheinMain – wird Wirtschaft anders gelehrt und gelernt in Zeiten von Greta, Fridays for Future und Klimadiskussion, oder ist man da weiter strikt auf Wachstumskurs?

Man merkt schon, dass sich etwas verändert. Früher hat man in der Wirtschaft und in der klassischen BWL nur auf Zahlen geschaut, und wenn die nicht stimmen, hat man Leute entlassen. Heute geht es im Personalmanagement weniger um Kennzahlenanalyse, da geht man wirklich auf die Personen ein, auf ihre Stärken und Schwächen. Und Zahlen sind nicht nur gewinnorientiert und rein auf den Profit des Unternehmens ausgerichtet. Man denkt auch, wie kann ich einen Gewinn schaffen, was die Talente angeht? Gesellschaftliche Verantwortung wird auch spürbar wichtiger.

Du hast deine Kindheit in verschiedenen Ländern verbracht und sprichst fließend Englisch, Niederländisch und Deutsch. Wie kommt´s?

Ich bin einige Mal umgezogen, in Belgien geboren, dann nach Portugal gezogen, in die Niederlande, dann Frankreich, schließlich Deutschland. Meine Eltern waren beide in der Gastronomie tätig, so kam es zu den vielen Umzügen. Da war auch eine Abenteuerlust dabei, immer wieder etwas Neues zu sehen. Seit ich nicht mehr zuhause bin, bin ich auch schon einige Male umgezogen. Erst habe ich in Maastricht studiert, dann in Deutschland, und hier bin ich auch schon wieder ein paar Mal umgezogen.

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