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Die Gedankenmacher – Wiesbadener Kreativschmieden

Von Sebastian Wenzel. Foto Arne Landwehr.

Sie sind eher klein, aber arbeiten für die ganz Großen. Viele prägende Köpfe der Kreativszene haben eine gemeinsame Vergangenheit. Die Designtage Access All Areas nutzen sie, um sich zusätzlich zum professionellen Austausch innerhalb der Branche auch einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen. Wir haben einige der Wiesbadener Ideenschmieden vorab besucht.

 Die Kreativität residiert gegenüber einer Dönerbude. Sie wohnt in einem roten Backsteingebäude. Wer sie besuchen will, muss einen vierstelligen Code eintippen und einen schwarzen Klingelknopf drücken. Erst dann öffnet sich surrend ein Tor zum Gelände der ehemaligen städtischen Krankenanstalten. Im Sommer sprießen dort vor den Häusern bunte Blumen. Hinter den Fassaden sprießen das ganze Jahr bunte Ideen. In dem Gropius-Bau auf dem Areal am Ende der Schwalbacher Straße haben sich die Kreativ-Agenturen 3deluxe, Die Firma und Scholz & Volkmer einquartiert. Die Kreativität residiert aber auch in Hinterhöfen, Nebenstraßen und Fußgängerzonen. Anders gesagt: fast überall. Über 600 Design- und Werbe-Agenturen arbeiten laut einer Studie aus dem Jahr 2010 in Wiesbaden. Knapp 2.500 Menschen verdienen in der hessischen Landeshauptstadt ihr Geld mit originellen Gedanken. Mercedes Benz, die Deutsche Bank und ein Bundesministerium vertrauen auf Ideen aus Wiesbaden. Von dem Fachwissen der Experten profitieren nicht nur Unternehmen, sondern alle Bürger.

Vor zwei Jahren modernisierte die Stadt ihr offizielles Portal wiesbaden.de – mit Hilfe der Agentur Die Firma, die einen Online-Stilführer für die virtuelle Metropole entwickelte. Seitdem sind viele reale Probleme verschwunden. Wer sucht, findet schnell die benötigten Informationen. Unterschiedliche Farben verraten den Besuchern, wo sie sich auf der Seite befinden. Dank der skalierbaren Navigationsstruktur hinterlässt wiesbaden.de auf Mobiltelefonen oder dem iPad einen guten Eindruck. Das imponierte den Redakteuren des Online-Magazins designtagebuch.de. Sie bewerteten 25 Städteportale. Wiesbaden.de landete auf dem ersten Platz. Über die Auszeichnung freuten sich auch die Konkurrenten von Die Firma.

Lob von Mitbewerben? In der Wiesbadener Agenturlandschaft völlig normal. 

Mann und Frau arbeiten hier nicht gegen-, sondern miteinander. Das hat vor allem drei Gründe. Erstens: Viele Geschäftsführer und Angestellte kennen sich von früher. Sie studierten zusammen Kommunikationsdesign an der ehemaligen Fachhochschule Wiesbaden. Sie trafen sich im Hörsaal und in der Kneipe. Die Freundschaften halten bis heute. Der Weg von Peter Weingärtner ist typisch für viele. Der Mitinhaber von Fazit design lernte sein Handwerk an der Fachhochschule. Während des Studiums arbeitete er bereits für Kunden. Als er das Diplom in den Händen hielt, gründete er mit Freunden erst eine Bürogemeinschaft, später eine Agentur: „Kontakte sind das A und O bei der Existenzgründung. Es ist naheliegend, nach dem Studium in der Stadt zu bleiben, in der man vernetzt ist.“ Zweiter Grund für das harmonische Miteinander: Es sind genug Kunden für alle da. Allein in den zehn größten Städten im Rhein-Main-Gebiet haben sich laut dem IHK-Forum Rhein-Main über 108.000 Firmen in das Handelsregister eingetragen. Hinzu kommen mehr als doppelt so viele, die dort nicht registriert sind. „Wir standen noch nie in direktem Wettbewerb zu einem Wiesbadener Unternehmen“, sagt Björn Göbel von Webagentur Royalkomm. Dritter Grund: Auf den ersten Blick bieten viele Agenturen scheinbar ähnliche Leistungen an, doch fast jede hat sich spezialisiert.

Die Inhaberinnen von Ponderosa Design, Claudia Gorbauch, Simone Janz und Christina Rüffer, sind besonders stolz auf eine singende Postkarten und einen vergoldeten Gewürzlikör. „Wir gestalten gerne ausgefallene Print-Mailings. Hinter dem englischen Wort verstecken sich Postsendungen, die eine spezielle Botschaft transportieren und meist aufwändig produziert sind“, erklärt Rüffer. Im Innern der singenden Postkarte installierten die Frauen eine Mini-Stereoanlage. Auf Knopfdruck schallen aus dem Lautsprecher die vom Auftraggeber persönlich aufgenommenen Audio-Botschaften. Im Jahr 2008 verschickten die Unternehmerinnen als Weihnachtsgruß Fläschlein mit Danziger Goldwasser. Verpackt waren sie in pinkfarbenen Kisten. Ein Schluck Glückseligkeit.

Bei Royalkomm dreht sicht alles ums Internet. Die Geschäftsführer Robert Glück, Eric Portugall und Björn Göbel gestalten, entwickeln und optimieren Webseiten, unter anderem für das Bundesjustizministerium. Auf gerechte-sache.de erfahren Jugendliche, ob sie einen Anspruch auf Taschengeld haben, bis wann sie in der Disco tanzen dürfen und ob ihr Freund bei ihnen übernachten darf. Dank des Content-Management-Systems von Royalkomm veröffentlichen Redakteure ohne Programmier-Kenntnisse Artikel und Fotos mit wenigen Mausklicks. Natürlich ist die Webagentur auf Facebook aktiv. „Uns gefallen dort unsere Konkurrenten, weil sie uns auch im echten Leben gefallen“, sagt Göbel. Die „Werbemanufaktur“ Kraft & Adel von Christian Adelhütte und Steffen Kraft ist einer der Lieblinge von Royalkomm. 

Adelhütte rockte früher als Bassist der Band Readymade durch die Konzertsäle der Republik. Heute swingt er vor allem in der Agentur: „Ich liebe Wiesbaden. Ich mag die Ruhe, die die Stadt ausstrahlt – und zu unseren Kunden haben wir es auch nicht weit. Etwa 80 bis 90 Prozent unserer Auftraggeber stammen aus dem Rhein-Main-Gebiet.” Einer davon ist das Casino Wiesbaden. Im vergangenen Oktober modernisierte die Spielbank ihr Automatenspiel. Kraft & Adel sollte das der Öffentlichkeit kommunizieren. Zur Ideenfindung traf sich die komplette Mannschaft im Konferenzraum. „Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, steht dort in orangefarbenen Buchstaben an der Wand, ein berühmtes Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo. Schnell war klar, wie man die Zielgruppen erreichen will: mit einer Hollywood-Metapher. Die Neueröffnung sollte wie ein Kinofilm angepriesen werden. Kraft und Adelhütte entwickelten das Motto „Mission Slot Machine – Neues Spiel, neues Glück“. Als Werbemotiv der Kampagne entwarfen sie ein fiktives Filmplakat mit Mitarbeitern der Spielbank als Hauptdarsteller. Im Internet veröffentlichten sie einen Trailer, der das Plakat zum Leben erweckt – mit blinkenden Automaten, rollenden Roulettekugeln und leuchtenden Buchstaben. Auf Facebook konnten Interessierte VIP-Karten für die Eröffnungsfeier gewinnen. Klar, dass die Gäste bei dieser im Blitzlicht der Fotografen über einen roten Teppich schritten – genau wie bei einer echten Filmpremiere.

Wiesbadener lieben die Liebe zum Detail

 So unterschiedlich wie die Schwerpunkte sind auch die Vorgehensweisen der Agenturen. „Es gibt zum Glück keine einheitliche Handschrift der Wiesbadener Designer. Was viele jedoch verbindet, ist die Liebe zum Detail“, sagt Marcus Wenig von Die Firma. Und das Engagement für die Stadt, in der sie leben und arbeiten. In einem von Michael Volkmer mitinitiierten Think Tank diskutieren zum Beispiel Kreative über alle Disziplinen hinweg mit Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller über Möglichkeiten einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

 Michael Volkmer ist Inhaber der Kreativagentur Scholz & Volkmer. Etwa 150 Mitarbeiter arbeiten in seinem Auftrag für Montblanc, Mercedes Benz oder Panasonic: „Für unsere tägliche Arbeit ist der Standort Wiesbaden super. Wir sitzen in der Mitte Deutschlands und sind schnell vor Ort – egal, ob in Hamburg oder München.“ Trotzdem hat die Agentur auch ein Büro in Berlin. „Falls Mitarbeiter Wiesbaden verlassen und sich weiterentwickeln wollen, bieten wir ihnen eine Perspektive und halten sie im Unternehmen.“ Apropos Mitarbeiter: Personal in Wiesbaden zu rekrutieren, ist manchmal kompliziert: „Wir suchen im Moment vor allem Webdesigner.“ Marcus Wenig von Die Firma kennt das Problem. „Es ist schwer, Menschen von außerhalb nach Wiesbaden zu locken. Die meisten neuen Mitarbeiter kommen aus der Umgebung.“ Damit sich das in Zukunft ändert, gibt es den Arbeitskreis Designwirtschaft. Darin haben sich Unternehmen mit der Hochschule RheinMain, der Industrie- und Handelskammer sowie der Wirtschaftsförderung Wiesbaden zusammengeschlossen. Neben Scholz & Volkmer und Die Firma sind auch 3deluxe, Fauth & Gundlach, Fuenfwerken, Michael Eibes Design, Q, DI Unternehmer, Die Kommunikationsabteilung, Lekkerwerken, und Ponderosa Design dabei. „Es ist wichtig, dass es in einer Stadt Raum für kluge und kreative Köpfe gibt. Kreativität geht Innovationen voraus und diese sind bedeutend für die positive wirtschaftliche Entwicklung“, sagt Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller.

Innovatives Milieu fehlt

Arbeit gibt es für den Arbeitskreis genug. In der Studie „Kreativcluster in Wiesbaden und der Rhein-Main-Region“ beklagen über 40 Prozent der Befragten das fehlende innovative Milieu in Wiesbaden. Hamburg hat das alternative Schanzenviertel, Berlin hat sich selbst und Wiesbaden? „Viele gute Designer verlassen Wiesbaden. Die Stadt ist ihnen zu langweilig“, sagt Peter Weingärtner von Fazit design. „Die Stadt inspiriert mich nicht“, gesteht auch Björn Göbel von Royalkomm. Und für Volkmer ist klar: „Berlin ist derzeit wie ein Magnet, der fast alle Kreativen anzieht.“ Dass sich viele in der Branche trotzdem keine Sorgen um den Nachwuchs machen, liegt an der Hochschule RheinMain und dem Studiengang Kommunikationsdesign. Auf dem Stundenplan stehen dort unter anderem Typographie, Layouttechniken und Bildsprache. „Dank der Hochschule ziehen stets junge Menschen nach Wiesbaden. Das ist super. Sie bringen frische Ideen und Leben in die Stadt – und in die Agenturen“, sagt Wenig von Die Firma. Gleichzeitig profitieren die Agenturen von gut ausgebildetem Nachwuchs. Kontakte knüpfen können die Neulinge mit den Profis zum Beispiel bei den „Designtagen Wiesebaden – Acess all Areas“. Mit der Veranstaltung wollen die Unternehmen und die Stadt den Standort stärken. In diesem Jahr findet das Ereignis zum sechsten Mal statt, vom 26. bis zum 29. April. Eröffnet werden die Designtage an der Fachhochschule Wiesbaden, zelebriert in der ganzen Stadt. Am Sonntag, 29. April, öffnen zahlreiche teilnehmende Agenturen ihre Türen – für interessierte Studenten, Mitbewerber und Bürger. Dann gelangt man ausnahmsweise auch ohne Code durch das Tor auf dem ehemaligen Gelände der städtischen Krankenanstalten.

Infos im Internet: www.aaa-wiesbaden.de