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Ein feiner Zug – Annette Lipfert macht Hunde zu Sportlern

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Von Sebastian Wenzel. Fotos Arne Landwehr. 

Wiesbaden ist für Hunde die Hölle. Ach was, nicht nur Wiesbaden, sondern ganz Deutschland. Dabei geht es den Tieren heute scheinbar so gut wie nie zuvor. Frauchen und Herrchen bestellen für ihre Lieblinge bei Bedarf Biofutter, Intelligenzspielzeug oder T-Shirts und Socken. Wer möchte, kann mit seinen Vierbeinern in Hundehotels übernachten und Hundesalons besuchen. Doch all das ist für die Katz, wenn dabei ein Grundbedürfnis der Tiere vernachlässigt wird: die Befriedigung des Lauf- und Jagdtriebs.

Bis ins zwanzigste Jahrhundert waren Hunde die Pferde des kleinen Mannes. Noch im Zweiten Weltkrieg transportierten sie Munition an die Front und zogen Lasten der Flüchtlinge. Doch nach dem Krieg saßen durch den technischen Fortschritt immer mehr Menschen hinter dem Lenkrad und immer mehr Hunde im Haus. „Dabei wurden die meisten Hunde ursprünglich für bestimmte Aufgaben gezüchtet. Als reine Begleittiere sind sie häufig völlig unterfordert“, sagt Annette Lipfert. Die Wiesbadenerin will das ändern. Sie will, dass die Landeshauptstadt für Hunde schon bald der Himmel auf Erden ist. Ihr Mittel zum Zweck: Zughundesport. Dabei – der Name verrät es schon – ziehen Hunde Roller, Bollerwagen, Fahrräder oder Schlitten. In Deutschland ist die Leibesertüchtigung für Vierbeiner weitgehend unbekannt. Selbst auf den Seiten des „Verbands für das deutsche Hundewesen“ fehlt ein Hinweis darauf. Vielleicht ändert sich das ja schon bald.

Im Sommer letzten Jahres gründete Lipfert die Zughundesportschule „dogs ahead“. Da sie davon im Moment noch nicht leben kann, arbeitet die Diplom-Kauffrau tagsüber als selbständige Vertriebsberaterin. Jede freie Minute investiert sie aber in ihr neues Geschäftsfeld. Sie sucht interessante Strecken rund um Wiesbaden, vergleicht im Internet Angebote für Roller, die Profis Scooter nennen, und leitet Einführungskurse. Teilnehmer lernen dabei unter anderem, dass man die Hunde immer nur in professionelles Zuggeschirr spannen sollte. Wenn Hunde mit einem normalen Halsband Roller ziehen, drückt ihnen das die Luft ab.  Außerdem auf dem Stundenplan: eine Merkliste. Vor dem Start sollte man erstens Bremsen und Reifendruck der Roller überprüfen. Wer möchte, streift sich zweitens Handschuhe und Protektoren über. Und drittens benötigen die Hunde vor und nach dem Fahren ausreichend Wasser. Bei den Einführungskursen können fast alle mitmachen. Es genügt wenn die Hunde drei Voraussetzungen erfüllen. Sie müssen mindestens fünfzig Zentimeter groß sein. Sie sollten wenigstens zwanzig Kilogramm wiegen. Und Spaß am Laufen haben.

So wie Lina. Die Hündin lebt seit 2011 bei Lipfert. Im Haus verwandelt sich der Australian-Shephard-Mischling metaphorisch gesprochen in eine Schmusekatze, im Wald machte sie früher immer ein Affentheater.  „Ihre Angewohnheit wegzulaufen und nicht wiederzukommen machte mich und meinen Mann zusehends ratlos“, sagt Lipfert. Eine Bekannte empfahl ihnen eine Wiesbadener Tierpsychologin. Die wiederum empfahl Zughundesport. Das half. Lipfert war begeistert. „Ich buchte bei Trainern in ganz Deutschland Kurse und gründete schließlich ,dog aheads’.“ Inzwischen ist die gebürtige Limburgerin selbst zertifizierter Zughunde-Coach.

Wann immer es geht macht sie sich mit Lina auf den Weg in die Natur. Lipfert stellt sich dann auf einen gelben  Roller und zieht einen weißen Helm über ihren Kopf. Lina rennt vorneweg, Lipfert rollt hinterher.  Pro Stunde schaffen die Zwei im Durchschnitt etwa 18 Kilometer. „Es geht nicht darum, durch die Natur zu rasen. Zughundesport ist ein Ausdauer- und Auslastungstraining“, sagt Lipfert. Mit Ausdauer verfolgt die Wiesbadenerin auch ihr großes Projekt: Sie  will den Sport in Deutschland bekannt machen. Lipfert sagt: „Ich möchte Zughundesport-Freunde im Rhein-Main-Gebiet vernetzen und den Hunden eine Alternative zum Hundeplatz bieten.“ Wenn sie das geschafft hat, ist Deutschland für Hunde endlich dem Paradies ein Stückchen näher gekommen.

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