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Familienbande: Mit Steinadler-Prägung – wie eine Mutter ihre Töchter mit dem Pfadfinderinnen-Virus ansteckte

Von Anja Baumgart-Pietsch. Fotos Samira Schulz.

In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die als Familie etwas Besonderes verbindet. Bei den Oedekovens infizierte die Mutter ihre Töchter mit dem Pfadfinder-Virus.

Gemeinsame Erfahrungen verbinden – selbst wenn man sie zeitversetzt gemacht hat. Vor der Zoom-Kamera sitzen drei quietschfidele Frauen im Alter von 17, 24 und 59 und berichten von ihren Pfadfinderinnen-Erlebnissen. Die drei Oedekovens, Mutter Claudia und ihre Töchter Luise und Clara, sind ehemalige „Steinadler“. Das ist ein Pfadfinder-Stamm in Sonnenberg, organisiert im Bund Deutscher Pfadfinderinnen und Pfadfinder- ein nicht christlicher Verband, im Gegensatz zu anderen deutschen Pfadfinderverbänden.

Spaß statt Uniform

Die Organisationen sind traditionsreich, weltweit vertreten, in anderen Ländern auch fast militärisch organisiert, mit Fahnen, Hymnen und Uniformen. Die Sonnenberger „Steinadler“ haben das alles nicht. Hier geht es um Verantwortung, Teamfähigkeit – und Spaß. Den hatte schon Claudia Oedekoven, heute Lehrerin an einem Wiesbadener Gymnasium, mit elf Jahren. „Es kam jemand an unsere Haustür und wollte Spenden sammeln“, erinnert sie sich. Der habe sie für einen Jungen gehalten und gesagt: „Warum macht der da nicht mit bei uns?“

“Der da” entpuppte sich sich als “die da”

Nun, es war eine „Die da“, aber die durfte auch. Und Claudia Oedekoven fand sofort Gefallen an dem Verein, der selbst organisiert, also ohne Erwachsene, Treffen in der Natur, mit Lagerfeuer und Liedern, veranstaltete. „Und mit 13 hatte ich dann schon meine eigene Gruppe von Elfjährigen“, berichtet sie. Früh Verantwortung übernehmen und auch übertragen bekommen, das ist ein Grundprinzip. Als Eltern müsse man da auch loslassen können, sagt Claudia Oedekoven: „Meine Eltern waren da sehr großzügig und haben mir das auch zugetraut.“

Die Kunst des elterlichen Loslassens

Die BDP-Gruppen sind gemischt, es wird oft verreist und gezeltet. Das kriegen dann nicht alle Eltern hin mit dem Loslassen – in den 70er Jahren sicher noch weniger. Aber als Claudia Oedekovens Töchter im entsprechenden Alter waren, sind auch sie beim „Steinadler“-Stamm gelandet. Und genauso begeistert davon wie ihre Mutter. Die Pfadfinderinnen-Phase ist aber bei allen bereits beendet: „Irgendwann ist man halt doch zu alt, das Ganze lebt ja davon, dass Jugendliche unter sich sind.“ Und so hören die meisten mit Anfang 20 auf.

„Wir schicken unsere Kinder aber auch mal da hin“, haben Clara und Luise schon beschlossen. Denn die Zeit prägt einfach und macht fit fürs Leben. Verantwortung für Gruppen zu übernehmen, sich mal was zu trauen, auch mit wenig auszukommen und bewusst auch mal zu verzichten – zum Beispiel aufs Handy – das wird dort eingeübt und könnte durchaus eine gewisse Resilienz gegenüber Widrigkeiten, die das Leben ja automatisch bereit hält, ergeben.

“Ihr riecht so gut” – nach Lagerfeuer

Viel wird gereist bei den Pfadfindern, die drei Oedekovens haben Camps und, wie die internationalen Treffen heißen, „Jamborees“ in ganz Europa besucht, teils auch mehrwöchige. „Und wenn wir dann nach Hause kamen, tagelang ungeduscht und mit Klamotten, die nach Lagerfeuer rochen, dann schwelgte unsere Mutter in eigenen Erinnerungen: Ihr riecht ja so gut“, erinnert sich Clara. Für die Ex-Pfadfinderinnen ist es selbstverständlich, sich weiter für die Gemeinschaft zu engagieren. Auch bei der jeweiligen Berufswahl hat die Erfahrung sicher eine Rolle gespielt. Clara ist in der Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychologin,

Engagement im Stadtjugendring

Luise studiert Jura und Politikwissenschaften – mit dem Ziel, diese Kenntnisse gemeinnützig einzusetzen. Zudem ist sie stellvertretende Vorsitzende des Wiesbadener Stadtjugendrings und übernimmt auch hier eine Menge ehrenamtliche Verantwortung für die Jugendlichen der Landeshauptstadt. Der Dachverband zahlreicher Jugendorganisationen bildet ein starkes Netzwerk und positioniert sich auch politisch. „Die Jugendverbände sind Werkstätten der Demokratie“, meint Luise Oedekoven.

Engagement für die Gemeinschaft kann hier spielerisch eingeübt werden – und es funktioniert. Auch wenn Corona Lücken reißt. „Da müssen viele neu aufbauen“, meint Claudia Oedekoven, die von sich übrigens sagt, sie wäre nicht die Lehrerin, die sie heute ist, ohne ihre Erfahrungen bei den Pfadfindern. Quasi en passant prägt das Pfadfinderdasein fürs Leben, ohne das bewusst vor sich herzutragen, denn in erster Linie macht es doch Spaß  – sogar die Verantwortung. Da sind sich Mutter und Töchter einig. Und es weckt zudem viel aktives Interesse an den Mitmenschen. Davon braucht es gerade heute eher mehr.

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