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Familienbande – Verbunden in Vielfalt: Drei von zehn Geschwistern und ihre Leidenschaft für die Fotografie

Von Hendrik Jung. Fotos Nele Prinz.

In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die als Familie etwas Besonderes verbindet – bei drei von zehn Domingo-Geschwistern ist es die Fotografie.

„Wir waren als Familie eher auf Festivals unterwegs. Das war Reisen für uns. Unsere Eltern haben dafür gesorgt, dass wir draußen unterwegs waren und mit Kulturen in Verbindung gekommen sind“, erinnert sich die 27-jährige Sally Domingo. Die Offenheit für unterschiedliche Traditionen ist nicht das einzige, was sich auf die Zweit- bis Viertältesten unter den Domingos-Geschwistern übertragen hat. Auch die Fotografie ist eine Leidenschaft, die sowohl die Eltern als auch ein Großvater und eine Tante bereits aktiv ausgelebt haben.

Dreifach-Blicke auf Indien

Letztere hat Sally ihren alten Fotoapparat geschenkt, als diese zehn Jahre alt gewesen ist. Ihre jüngere Schwester Samira dagegen hat erst mit dem Fotografieren begonnen, als das Trio im vergangenen Sommer für einen Monat gemeinsam nach Indien gereist ist. Seitdem hat sich daraus eine echte Leidenschaft entwickelt.

„Ich habe inzwischen angefangen, privat viele Menschen zu porträtieren“, berichtet die 24-Jährige. Während die beiden Schwestern digital fotografieren, hat sich ihr Bruder Joshua dafür entschieden, mit einer analogen Kamera und Aufnahmen in schwarz-weiß zu arbeiten. Er ist es auch gewesen, der den Auslöser für die erste gemeinsame Tour des reisefreudigen Trios gegeben hat. Verbundenheit in Vielfalt gehört zu den Grundwerten der vielköpfigen Wiesbadener Familie Domingos. Drei der zehn Geschwister verbindet Dreierlei: Sie arbeiten alle in sozialen Berufen, fotografieren gerne und reisen oft. Letzteres nun auch gemeinsam.

„Wir haben gesagt: Du fährst nach Indien? Warum sagst du nicht Bescheid? Wir kommen mit!“, blickt Sally zurück. Schließlich sei der Subkontinent immer schon ein besonderes Thema in der Familie gewesen, weil auch die Mutter der Geschwister dort gereist ist.

Zu den Ideen, die sie ihren Kindern mit auf die Reise gegeben hat, gehört das Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel. „Ich wollte unbedingt mit dem Zug fahren. Das hat eine Menge Spaß gemacht, mit den Locals in deren Leben einzutauchen“, berichtet Joshua. Auf der rund zwanzigstündigen Fahrt haben die Geschwister aber auch mit Interesse beobachtet, wie Fahrgäste in anderen Zugklassen unterwegs gewesen sind. Von Agra über Rajastan in den Himalaya und nach Varanasi ist das Trio gereist und hat dabei viele spontane Entscheidungen getroffen.

Lieber Slums als Sehenswürdigkeiten

Einig waren sie sich darüber, dass sie lieber Slums als Sehenswürdigkeiten besuchen wollten. Mit wenigen Ausnahmen wie dem Taj Mahal, das auf Sallys Wunschliste gestanden hat. „Es war schrecklich“, betont Samira. Der Jüngsten des Trios wiederum ist es zu verdanken, dass sie die Ganges-Städte Rishikesh und Varanasi angesteuert und Yoga praktiziert haben. „Jeder hatte so seine kleine Idee und wir haben uns gesagt, wir lassen uns überraschen, was die Idee der anderen ist“, erläutert Joshua.

Überrascht ist der 28-jährige auch gewesen, als er seine Filme entwickelt hat. Denn er habe gar nicht mehr gewusst, dass er auf den Auslöser gedrückt hat, als er sich Gedanken über die Motive eines kleinen Mädchens gemacht hat, die minutenlang vor eine Haustür gestanden hat, ohne einzutreten. Nun ist es sein Lieblingsbild unter den in Indien entstandenen Aufnahmen, von denen jede ihre eigene Geschichte hat. Für die Schwestern sind jeweils Porträtfotos die Favoriten der Reise.

„Wir hätten fast den Zug verpasst“, berichtet Samira lachend. Die Schönheit einer älteren Dame mit Pigmentflecken im Gesicht hat ihre Aufmerksamkeit am Bahnhof in Pushkar gefesselt. Als die Jüngste des Trios bereits nach Hause reisen musste, haben die anderen beiden Geschwister noch eine Tour nach Ladakh unternommen, wo sie eine Frau bei der Feldarbeit getroffen haben, die zu ihrer Gastgeberin geworden ist. Deren Lachen nimmt den Betrachter bei Sallys indischem Lieblingsfoto umgehend ein.

Zusammen mit Filmaufnahmen, die die 27-jährige unter anderem mit einer Drohne gemacht hat, haben die Geschwister kürzlich die schönsten Fotografien im „Labor Westend“ ausgestellt. Nicht nur, um die gewonnenen Eindrücke mit anderen teilen zu können. „Wir wollten mit der Ausstellung jungen Leuten zeigen, dass man was erreichen kann“, verdeutlicht Sally. Besonders schön sei es aber gewesen, dass am ersten Ausstellungstag tatsächlich einmal fast die ganze Familie beisammen gewesen ist. Die drei Fotografierenden hat zwar bereits zuvor ein besonders enges Band verbunden. Dieses ist aber noch einmal verstärkt worden. „Das war eine anstrengende Reise, die uns sehr geprägt und mehr zusammengeschweißt hat. Wenn es Unstimmigkeiten gibt, reden wir trotzdem miteinander“, betont Joshua.

Familie ist Wärme, Licht und Heilung

Familie hat denn auch einen großen Stellenwert für die Geschwister. „Sie bedeutet Wärme, Licht und Heilung für mich“, verdeutlicht Samira. Im Winter ist sie mit ihrem Bruder Joshua, ihrer Halbschwester Sally und ihrem Vater in dessen angolanische Heimat gereist, um mal wieder den Rest der Familie zu besuchen. Auch dies ein besonderes Abenteuer für das Trio. „Viele Leute kennen dort gar keine Touristen“, berichtet Joshua. Kein Wunder, dass die Geschwister schnell aufgefallen und auf einem Markt sogar erstaunt gefragt worden sind, warum sie denn keine Träger für ihre Einkäufe dabeihätten. Unter den Einheimischen verteilt haben sie einen Teil der erworbenen Lebensmittel zwar, jedoch als Geschenke. Achtköpfige angolanische Familien würden so sparsam haushalten, dass sie vier Monate lang mit einer kleinen Flasche Öl auskämen.

„Aber vielleicht sind sie glücklicher und mehr mit der Natur verbunden“, mutmaßt Joshua. Natürlich sind auch auf dieser Reise wieder zahlreiche Fotografien entstanden. „Das neueste Projekt, auf das wir hinarbeiten, ist eine Afrika-Ausstellung. Das wird ein Familienprojekt sein“, kündigt Sally an. Auch an den gemeinsamen Reisen hat das Trio Gefallen gefunden und kann sich durchaus vorstellen, sich erneut zusammen auf den Weg nach Indien zu machen. Angesichts der Begeisterung, mit der die Geschwister davon berichten, scheint dieses Kapitel des familiären Fotobuchs noch keineswegs abgeschlossen zu sein.

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