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Fluxus-Scheiße, Vergnügen, Geschenke von Yoko Ono – und: ein Aufzug! Nichts wie hin zum NKV (ab) heute

Ann Noël hat und bereitet Vergnügen bei der „Fluxus Sex Ties“-Ausstellung, die heute um 18 Uhr im Nassauischen Kunstverein auf der Wilhelmstraße eröffnet wird. Foto: Dirk Fellinghauer

Von Dirk Fellinghauer (Text und Fotos).

1962 fanden im damals städtischen Museum Wiesbaden die „Fluxus – Internationalen Festspiele Neuester Musik“ statt – und kulminierten in der legendären Zerstörung eines Konzertflügels. Anlässlich des 60. Jahrestages dieser als Geburtsstunde von Fluxus in die Kunstgeschichtsschreibung eingegangenen Konzerte entspringt ab Juli 2022 im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden ein mäandernder Fluss von Ausstellungen. Zur Eröffnung der Ausstellung und Wiedereröffnung des NKV nach langer Um- und Aufzug-Einbau-Pause lohnt sich heute um 18 Uhr der Weg auf die Rue.

Wie in einem musikalischen Kanon überschneiden sich in dem Ausstellungs- und Rechercheprojekt FLUXUS SEX TIES / Hier spielt die Musik! historische und zeitgenössische Melodien, Stimmen und künstlerische Positionen von: ausschließlich und ausdrücklich Frauen. 60 Jahre Ausstellungsgeschichte belegen das weitgehende Verschwinden, Übersehen- oder auch Verschlafen-werden, wenn es um die Bedeutung der Künstlerinnen in der Fluxus-Bewegung geht. Der Nassauische Kunstverein mit seiner Vorsitzenden Elke Gruhn rückt nun die Wahrnehmung zurecht und die Fluxus-Frauen in den Mittelpunkt.

Zur Eröffnung von FLUXUS SEX TIES / Hier spielt die Musik! heute um 18 Uhr sind alle Interessierten eingeladen und dürfen sich gespannt freuen auf die Performance Musik Pi, Pa, Po ….. von Takako Saito – die 1929 in Japan geborene Künstlerin reist eigens aus Düsseldorf an – sowie die deutsche Uraufführung des Tristan Akkords von Mary Bauermeister (Jahrgang 1934) durch das Broken Frames Syndicate in Anwesenheit der Künstlerin.

Und dann dürfen natürlich alle die Ausstellung anschauen auf drei Stockwerken, die wie gehabt über die Treppen erklommen  oder – tada! – mit einem nagelneuen Aufzug angefahren werden können.

Ein Klavier? Viele Klaviere! Und was für welche …

Aufregend und anregend wird der Ausstellungsbesuch in jedem Fall. Zu sehen und mitunter zu hören sind vor allem jede Menge Klaviere – aber was für welche! In welcher Vielfalt und Buntheit und Fantasiegeladenheit – diesmal nicht zertrümmert, sondern bearbeitet, verwandelt, verändert, verzaubert, bemalt, beschriftet, bespielt … Allein die Anlieferung der wertvollen und mitunter äußerst fragilen Kunstwerke muss ein wahres Abenteuer gewesen sein. Ihre Entdeckung in den NKV-Räumlichkeiten ist es ebenso. Und die Ausstellung insgesamt, die thematisch weit über die Tasteninstrumente hinausgeht und bei der schon die Pressekonferenz mit teilweise von weither angereisten Gästen zu einem kleinen Fluxus-Klassentreffen mit fröhlichen Wiedersehen geriet, erst recht.

Täglich Tagebuch –  Fluxus-Wahrheit in der Nachttisch-Schublade

Ein riesiges Vergnügen bereitet Ann Noël den Anwesenden schon beim Presserundgang am Tag vor der Ausstellungseröffnung, als – natürlich – noch nicht alles ganz fertig ist. Sie zeigt und erklärt inmitten einer Rauminstallation mit insgesamt rund fünfzig – nach Aufrufen von Wiesbadener:innen gespendeten und mit hochkarätigen Leihgaben, partizipativen Objekten oder Informationen versehenen – Nachttischen von ihr ausgewählte Nachttische, die sie gestaltet hat. Sie sind den Fluxus-Künstlerinnen gewidmet, die sie selbst gekannt und mit denen sie zusammengearbeitet hat. Die Schubladen der Nachttische sollen, wie in amerikanischen Hotels mit der Bibel, mit ihrem Textbuch „The Gospel According to St. Ann“ bestückt werden. Es basiert auf ihren akribischen, bis heute täglichen Tagebucheinträgen und offenbart bisher unbekannte Fluxus-Geschichten und Erinnerungen.

„Ich war dabei, deshalb kenne ich die Wahrheit“, sagt die Britin, die seit langem in Berlin lebt und arbeitet, auf Deutsch. Und was hat es mit den noch umherstehenden Nachttöpfen auf sich? „Da kommt Fluxus-Scheiße rein“, sagt die elegant erscheinende Dame ganz unverblümt. Aber keine Sorge: Mit entsprechenden Gestank ist nicht zu rechnen beim Besuch der Ausstellung.

Yoko Ono beschenkt Wiesbadener Publikum

Dafür mit Geschenken! Niemand Geringeres als Yoko Ono, zu der NKV-Chefin Elke Gruhn persönliche Kontakte unterhält, hat eigens für das Wiesbadener Ausstellungspublikum drei Werke ihres 1964 erschienenen Buchs „Grapefruit“ ausgesucht, die – akribisch auf Geheiß der Künstlerin auf exakt 14,8 x 14,8 Zentimeter zugeschnitten – auf Stapeln bereit liegen: Zugreifen erlaubt und erwünscht! Auch die Guerilla Girls steuern Kunst zum Mitnehmen bei. Überhaupt ist so manches in dieser Ausstellung nicht nur zum Betrachten, sondern zum Mitmachen gedacht – Überraschungen inklusive, wie sich ebenfalls schon beim Presserundgang zeigt. Auf einmal waren Journalist:innen damit beschäftigt, Tischtennisbälle vom Boden aufzulesen …

Bei aller Freude, allem Spaß, allem Witz gibt es auch ernste und ernsthafte Hintergründe und Aspekte der Ausstellung. Fluxus, ausdrücklich keine Kunstrichtung und ohne Anfang und ohne Ende, war und ist nicht nur poetisch, sondern auch politisch. Unfreiwillig aktuell etwa das „Bomb Cello“ von Charlotte Moorman, eines der absoluten Lieblingswerke von Elke Gruhn. Ihr war nicht nur die Fokussierung auf weibliche Fluxus-Künstlerinnen wichtig, sondern auch ein Anknüpfen an das Jetzt: „Die historischen Positionen werden durch zeitgenössische Positionen ergänzt.“

Unflätig schimpfender Chor

Andrea Büttner zeigt in ihrer 5-Kanal-Videoinstallation „Piano Destructions“ die (kunst-)historische Geschlechterdichotomie bild- und klanggewaltig auf. Mit einem schimpfenden Chor versetzt Andrėja Šaltytė Besucher:innen musikalisch in die Jetztzeit und hinterfragt die Politisierung von Sprache und Räumen mit ihrer jüngsten Videoarbeit mit dem Titel „Kijewer Zunge / Ich rufe Sie nicht dazu auf, die unflätige Sprache zu benutzen. Gott bewahre!“ – und mit allerdings unflätigen Begriffen. Der Chor singt – im Original mit deutschen Untertiteln – von Sachen wie „Fotze“, „Fotzerich“, „Verdammte Kacke“ oder „Pimmel“.

Wem das zu viel wird, kann sich direkt nebenan in „Ben´s Bar“ erholen – dem Raum des unvergessenen Fluxus-Künstlers Ben Patterson, der bis zu seinem Tod im Juni 2016 im Wiesbadener Westend lebte. Zur heutigen Eröffnung der Ausstellung, die von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet wird, reist auch seine Tochter an.

FLUXUS SEX TIES – Hier spielt die Musik! – Ausstellungseröffnung heute 18 Uhr, Nassauischer Kunstverein, Wilhelmstraße 15 – anschließend 15. Juli „Ein Tag nur für die Kunst – Zeit für einen Ausstellungsbesuch“ von 11 bis 18 Uhr, und Samstag, 16. Juli, ab 15 Uhr – sensor präsentiert als Medienpartner: „Ein Grund zum Jubeln – 175 Jahre Nassauischer Kunstverein Wiesbaden“. – Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm, auch in Kooperation mit Partnern wie zum Beispiel der Wiesbaden Biennale. Alle Infos auf www.kunstverein-wiesbaden.de

Anschau-Tipp – wie alles begann:

 

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