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Geschäft des Monats: Kiosk am Schillerplatz – nach 33 Jahren unter neuer Leitung

Von Anja Baumgart-Pietsch. Fotos Kai Pelka.

Wer an der markanten Ecke Bahnhof- und Friedrichstraße vorbeikam, für den war der Anblick der über und über mit Zeitschriftencovern bedeckten Schaufenster des kleinen Häuschens über Jahrzehnte hinweg ein sehr vertrauter: Hier gab es auch Naheliegendes, aber auch Besonderes, beispielsweise hochwertige Innenarchitektur- und Wohnmagazine. Nach 33 Jahren hatte die Inhaberin Evelyn Heuss jedoch am Ende genug von den vielen Einbrüchen und Vandalismus. Sie spürte natürlich auch den Rückgang der Print-Kultur. Zwei Monate war der Kiosk geschlossen, nun hat er unter neuer Leitung wiedereröffnet.

Fremdenführer in Nepal, Kioskbesitzer in Deutschland

Rana Manohar Bikram heißt der Mann, der seit einigen Wochen vom frühen Morgen bis zum sehr späten Abend hier sitzt und seine Kunden mit einem freundlichen Lächeln empfängt. Der aus Nepal stammende Bikram ist schon lange in Deutschland. Er habe in seinem Geburtsland als Fremdenführer gearbeitet, auch studiert, berichtet er. Wie er dann in dem Wiesbadener Kiosk gelandet ist? „Das ist eine lange Geschichte“, sagt er, genau erzählen möchte er sie aber nicht. Er lässt sich lediglich entlocken, dass er viele Jahre als Koch in der Gastronomie Wiesbadens gearbeitet hat. „Ich kann alles, fernöstlich, bayrisch, italienisch…“, sagt er. Im Café Blum hat er gekocht, im Café del Sol, in der American Sportsbar – „ich kenne hier unheimlich viele Leute.“ Das merkt man auch, denn Bikram grüßt bei unserem Gespräch immer wieder Vorbeigehende, winkt und freut sich.

Im Kiosk mehr Kontakt als in Küchen

Hier im Kiosk habe er viel mehr Kontakt und Abwechslung als in den Küchen, sagt er. „Das gefällt mir gut.“ Beim Kaffeetrinken an der gegenüberliegenden Ecke habe er vom Entschluss der vorherigen Inhaberin gehört, den Kiosk aufzugeben. Da er schon immer anstrebte, einmal einen eigenen Laden aufzumachen, griff er zu. In den Monaten der Schließungszeit überlegte er mit seinem Geschäftspartner, wie man den Kiosk umgestalten könne. Herausgekommen ist ein fast kompletter Verzicht auf Printmedien. Es gibt noch die Wiesbadener Tageszeitungen, die großen überregionalen Blätter, aber auch den Kölner Express, die Münchner Abendzeitung, natürlich das Vier-Buchstaben-Knallblatt und exotischerweise auch „Le Monde“ und die „New York Times“. Davon verkaufe er tatsächlich immer wieder Exemplare, sagt Bikram. Die Times lese er auch selbst, so wie mehrere andere Zeitungen.

Beobachterposten als Arbeitsplatz

Obwohl er täglich Doppelschichten schiebt und in seiner „freien“ Zeit auch immer noch in Restaurants kocht, gefällt ihm sein Arbeitsalltag sehr gut. Von seinem „Beobachterposten“ aus hat er eine sehr belebte Ecke der Landeshauptstadt im Blick. Was die Kunden hauptsächlich verlangen, sind Zigaretten. Bikram selbst ist allerdings Nichtraucher.  Dazu gibt es Getränke aller Art, eine neue Kaffeemaschine für unterschiedliche Kaffeespezialitäten wurde angeschafft, es gibt aber auch Bier, Cola, Energydrinks und kleine Schnäpse. „Natürlich“ lasse er sich da immer die Ausweise zeigen, sagt Bikram. Weiter im Sortiment: Kleine Helfer wie Feuerzeuge oder Batterien. Es werde sich im Laufe der Zeit sicher noch einiges ändern: „Ich sammele jetzt erst mal Erfahrungen, was so verlangt wird.“ Mit Betrunkenen habe er bislang auch zu später Stunde kein Problem gehabt, notfalls habe er einen kurzen Draht zur Polizei. Sein Patentrezept ist jedoch ein ganz anderes: Freundlichkeit.

Liebe geben, Liebe zurückbekommen

„Wenn du Liebe gibst, bekommst du Liebe zurück. Wenn du Hass gibst, bekommst du auch Hass.“ Der äußerst freundliche Kioskinhaber praktiziert das tatsächlich. Jeder, der etwas kauft, bekommt einen schönen Tag gewünscht Hier ist die vielzitierte „Servicewüste Deutschland“ weit entfernt. Stammkunden bekommen ohne Aufforderung die richtige Zeitung über die Auslage gereicht, und alle empfängt Manohar Bikram Rana mit einem Lächeln. „Anders kann ich mir das Arbeiten nicht vorstellen.“ In seinem kleinen, nur wenige Quadratmeter umfassenden Kiosk fühle er sich zu Hause. Und wenn er selbst mal Pause machen muss, kann er die „Infrastruktur“ des Cafés gegenüber nutzen, denn der freundliche und sehr entspannte Buddhist ist bei allen gern gesehen.

(Öffnungszeiten täglich ab 8.30 Uhr, Montag bis Donnerstag bis 23 Uhr, Freitag bis 1 Uhr, Samstag bis 24 Uhr, Sonn- und Feiertag 17 bis 23 Uhr.)

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