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Geschäft des Monats: Westend Guitars, Hellmundstraße 7

Von Anja Baumgart-Pietsch. Fotos Kai Pelka.

Entspannt sitzt Stefan Wendling in seinem „Wohnzimmer“ – dem gemütlichen Laden, den er im September, ganz antizyklisch mitten in der Pandemie, eröffnet hat. Der 45-jährige Erzieher aus Wiesbaden hat sich mit „Westend Guitars“ einen Traum erfüllt. „Jetzt oder nie“ – trotz Corona ist Wendling guten Mutes, dass sich sein Spezialangebot herumspricht: Er repariert und baut E-Gitarren. Ein solches Geschäft gab es bislang in Wiesbaden nicht.

Wendling ist ein Gitarren-Freak und geborener Tüftler. Er spielt in verschiedenen Bands – aktuell Skullboogey und Smeltz – besitzt rund zwanzig Gitarren und weiß, wie man auch günstige Instrumente einem „Tuning“ unterzieht. Schon lange träumte er davon, seine kleine inoffizielle Hinterhof-Werkstatt zu einem richtigen Laden zu machen.

Von Chinamodell bis Vintage-Fender

Als dann das Juweliergeschäft in der Hellmundstraße 7 schloss, schlug Wendling zu. Er renovierte den Laden, beschaffte sich per Ebay-Kleinanzeigen schöne Möbel und richtete sich eine Tüftelwerkstatt ein. Dort repariert er E-Gitarren aller Art – von der Vintage-Fender oder -Gibson bis zum günstigen Chinamodell. „Auch damit kann man durchaus was machen“, sagt er.

Nichts ist peinlich, alles ist machbar

Es müsse niemandem peinlich sein, mit einem vermeintlichen „Billigmodell“ bei ihm aufzukreuzen. Aus den meisten Instrumenten ließe sich noch was rausholen. Typische Kundschaft? „Das sind Männer mittleren Alters wie ich“, sagt der Fachmann und grinst. Aber auch ein 13-Jähriger sei schon mal bei ihm gewesen. „Meine erste Gitarre hatte ich selbst auch schon mit 13“, sagt der Wiesbadener. Er versuche sich jetzt, in den entsprechenden Kreisen bekannt zu machen – Facebook helfe da eine Menge, meint Wendling, früher eher Social-Media-Verweigerer.

Der Musikszene fehlen Locations

Die lokale Musikszene in Wiesbaden findet er eher steigerungsfähig. „Wir haben vielleicht zweimal in Wiesbaden gespielt“ – es fehle hier einfach an entsprechenden Locations. Der Schlachthof sei schon wieder zu groß und international, und kleinere Clubs gebe es hier einfach nicht. Da sei man eher nach Frankfurt orientiert. Doch für das Reparaturgeschäft findet Stefan Wendling Wiesbaden gut – eben weil er der Einzige ist, der einen solchen Service anbietet. Seinen Erzieher-Job hat er auf vier Tage pro Woche reduziert, der Freitag ist für die Gitarrenwerkstatt reserviert. „Ansonsten halt mit Termin“ – denn wer mit einer reparaturbedürftigen Gitarre vorbeikommt, hat meist längeren Gesprächsbedarf.

Freude am Fachsimpeln

Fachsimpeln ist angesagt, und das ist auch das, was Stefan Wendling an diesem neuen Job so gut gefällt. Der Austausch mit anderen Musikern macht ihm einen Riesenspaß. Aber natürlich auch das Werkeln an den Instrumenten. Sowohl mit dem Werkstoff Holz als auch mit der Elektronik kennt er sich aus – „ich habe auch ganz offiziell eine Eintragung als Zupfinstrumentenmacher von der IHK“, berichtet er. Die dafür notwendigen Kenntnisse hat er sich autodidaktisch erworben. Es ist eins der so genannten „zulassungsfreien Handwerke“.

Wer seine eigenen „Guitar Heroes“ sind? „Ach, das sind zu viele, als dass ich einen raussuchen könnte“, sagt Stefan Wendling. Die ganz „alten Meister“ wie Hendrix oder Clapton seien ihm „zu sehr Mainstream“. Aber auch die „Flitzfinger“, also jene Gitarristen, die mit Überschallgeschwindigkeit ihre Soli spielen, sind nicht die, die er uneingeschränkt bewundert. „Es geht ja nicht darum, möglichst schnell zu spielen“, meint Wendling. Bluesgitarristen wie Lightning Hopkins (läuft auch bei unserem Besuch) oder Duane Allman finden eher seine Bewunderung. „Aber ich guck mir auch mal Eddie Van Halen an“.

Kiez mit Potenzial

Musik spielt auf jeden Fall eine entscheidende Rolle im Leben von Stefan Wendling. Und mit seinem Laden hofft er natürlich auf Erfolg. „Aber ich lass das ganz entspannt mit mir wachsen“, meint er. Im „Kiez“ in der Hellmundstraße, wo er auch wohnt, fühlt er sich wohl – „hier gibt es tolle kleine Läden“, zum Beispiel „Velo Sofie“ oder „Kraftroller“ – beide auch schon „Geschäfte des Monats“ im sensor. „Wer weiß, vielleicht machen wir ja mal ein nettes Straßenfest zusammen, wenn sich alles irgendwann mal wieder normalisiert hat“, sagt der Optimist.

Stefans Botschaft in der aktuellen Lage: „Hallo liebe Gitarrenfreaks. Um die Kontakte niedrig zu halten, wird der Laden freitags nicht öffnen. Die Werkstatt bleibt aber in Betrieb. Alle Anfragen für Reparaturen und andere Wehwehchen bitte per Email. Ich mache dann mit Euch individuelle Termine. Dabei wir natürlich auf Abstand geachtet und Maske getragen.“

Infos und Updates hier http://www.westend-guitars.de/ und hier https://www.facebook.com/westend.guitars