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Ich feiere die Weiblichkeit – Wie Sanja nach ihrem Leben als Junge nun im Einklang mit ihrem weiblichen Selbst ist

Von Sanja Prautzsch. Illustration Lucie Langston.

Weiblichkeit und Trans*zendenz – Sanja Prautzsch, die ihr Leben zuerst als Junge bestritt und nun im Einklang mit ihrem weiblichen Selbst ist, erzählt.

Als trans*idente Frau mache ich mir oft Gedanken über Weiblichkeit. Wie ich sicher sein kann, eine Frau zu sein. Was es überhaupt heißt, eine Frau zu sein.

Ich denke, es gibt keine allgemeingültigen Antworten auf diese Fragen. Das Thema Gender ist so komplex und persönlich. Ich kann im Folgenden nur für mich sprechen. Was Weiblichkeit für mich bedeutet, und wie ich es geschafft habe, mich im Einklang mit mir selbst zu fühlen.

Was ich außerdem tun kann, ist mein Leben zu betrachten und Lebensgefühle zu vergleichen.

Kein Tag des Lebens als Junge hat sich gelohnt

Als ich noch nicht wusste, dass ich trans* bin, und mein Leben als Junge bestritt, hat sich jeder Tag wie ein Kampf angefühlt. Ein Kampf gegen mich selbst. Ein Streit mit mir selbst und um mein wahres Ich. Ich habe versucht, meine Weiblichkeit zu unterdrücken und habe versucht, nicht zu sensibel und nicht zu feminin zu sein, um meiner Rolle als junger Mann gerecht zu werden. Aber zu welchem Preis?

Rückblickend hat sich kein Tag, den ich so gelebt habe, gelohnt. Heute sehe ich in den Spiegel und sehe MICH. So wie ich bin. Mit all meinen Ecken und Kanten, aber auch mit all meiner Weiblichkeit, die ich heute so zeigen darf, wie ich es für richtig halte.

Langer Weg zum wahren „Ich“

Aber der Weg dahin war nicht einfach und erforderte viel Zeit, Geduld und vor allem den Raum, um mich zu entfalten und auszuprobieren. Zunächst nur in meinen vier Wänden und danach auch auf dem Weg zum Bäcker oder in die Stadt, oder zur Hochschule. Erste Experimente mit Make-up und Kleidung. Heute brauche ich aber keine Schminke mehr, oder keine spezielle Kleidung, um mich mit meiner Weiblichkeit verbunden zu fühlen. Heute kann ich sie jedem Moment leben.

Heimisch im weiblichen Körper

Meine Weiblichkeit ist emotional. Meine Weiblichkeit ist warm und wohlwollend. Meine Weiblichkeit ist stolz und arrogant. Meine Weiblichkeit ist feinfühlig und sensibel, aber auch stark und unerschütterlich. Ich liebe meine Weiblichkeit. Dass ich mich heute so heimisch in meinem Körper fühle. Dass ich mich bewegen kann wie ich möchte. Dass meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, wie ich mich schmücken und gestalten kann. Nicht nur meinen Körper, sondern auch mein Leben. Ich bin dankbar für alle Menschen in meinem Leben, die meine weibliche Seite an mir schätzen und mich deshalb feiern. Und ich feiere die Weiblichkeit!

Ich bin hier auf der Welt, um zu zeigen: Weiblichkeit und Femininität sind etwas unglaublich Schönes. Und egal ob du ein Mann oder eine Frau bist, inter* oder nicht-binär*: Finde einen Weg, deine ganz persönliche Weiblichkeit auszudrücken und zu leben.

Frei, glücklich, unbeschwert

Lebe frei, lebe in all deinen Facetten. Lebe so, dass du dir selbst treu bleibst. Wenn du im Einklang mit dir bist, dann merken das deine Mitmenschen, und du inspirierst auch sie, zu sich selbst zu stehen. Zusammen können wir alle ein glücklicheres und unbeschwerteres Leben führen. Be free. Set yourself free.

Ein Tipp von mir, wie man zu sich selbst findet: Es geht nicht so sehr darum, etwas Außergewöhnliches zu tun. Es geht eher darum, sich fallen zu lassen. Sich auf sich selbst einzulassen. Es geht darum, aufzuhören, sich selbst zu bekämpfen. Den Krieg mit sich selbst aufzugeben. Dann wirst du aufblühen.

Begriffe

Transident:  Eine Person, die sich nicht mit ihrem Geburtsgeschlecht identifiziert.

Inter: Eine Person, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde.

Nicht-binär: Eine Person, die sich weder als Mann noch als Frau identifiziert.

Sanja Prautzsch arbeitet nach ihrem Studium an der Hochschule RheinMain als Illustratorin und Künstlerin (www.sanjaillustration.com). Sie hat auch das Cover dieser sensor-Ausgabe gestaltet.

Ihre Kollegin Lucie Langston (www.lucielangston.de), deren Comic „Through The Dunes“ von der New York Times veröffentlicht und von den Art-Direktoren zu einer der „most memorable illustrations 2020“ gekürt wurde, hat sie für diesen Beitrag porträtiert.

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