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„Die tote Stadt“ – Sprengung zum Aufbruch des erstarrten Wiesbadens: Wagt radikal neue Wege!

Sinnbild für die ewige (?) Gestrigkeit Wiesbadens. Kaiser Wilhelm-Denkmal am Warmen Damm mit der Inschrift: „Die dankbare Stadt Wiesbaden“. Foto: Sascha Hach

Die Salzbachtalbrücke wurde erfolgreich gesprengt – und die Stadt Wiesbaden? Verharrt in ihrer Erstarrung und Zukunfts(fähigkeits)verweigerung. Wie in der Landeshauptstadt mit Stadtentwicklung und Verkehrs- und Mobiliätspolitik (nicht) umgegangen wird, treibt den Zugezogenen Sascha Hach um. In einem Gastbeitrag liefert er eine schonungslose Diagnose, sieht aber auch Potenziale und nennt hoffnungsvolle Therapieansätze für mehr Lebensfreude.

In der 1920 uraufgeführten Oper „Die tote Stadt“, die Erich Wolfgang Korngold angelehnt an den symbolistischen Roman „Das tote Brügge“ schrieb, verharrt der Protagonist Paul in seiner „Kirche des Gewesenen“, in der er unentwegt seiner verstorbenen Frau gedenkt. Als er sich in eine Tänzerin verliebt, geraten die Grundfeste dieser Kirche ins Wanken. Er träumt von Totenerweckungsritualen und der Entweihung der von ihm in einem Schrein aufbewahrten Locke seiner toten Frau. Als er seinem Freund von den Visionen berichtet, rät dieser ihm dazu, mit seinem alten Leben zu brechen und die „Kirche des Gewesenen“ zu verlassen.

Sinnbild für die Erstarrung der hessischen Landeshauptstadt

Atmosphäre und Handlung im „toten Brügge“ könnten Sinnbild sein für die Erstarrung, welcher die hessische Landeshauptstadt anheimgefallen ist. Sie sollte spätestens jetzt, mit der Sprengung der Salzbachtalbrücke, aufgebrochen werden. Wiesbaden zehrt von seiner glanzvollen Vergangenheit. Einst Zentrum des urbanen Fortschritts und Trendsetterin der Daseinsvorsorge, ausgestattet mit einem dichten Tram-Netz, modernster Kanalisation und Verkehrsplanung und mit internationaler Stahlkraft, pflegte die Kurstadt den Anschluss an die Welt und blieb auch in der Nachkriegszeit Beispiel für Fortschritt und (Selbst)erneuerung.

Eingekerkert im Schrein des Gewesenen

Was für ein Kontrast zu dem Bild, das die Stadt heute abgibt. Die beiden drastischsten Symptome ihrer Selbsteinkerkerung in einen Schrein des Gewesenen lieferten die letzten zwei Jahre. 2020 das fatale Referendum, in dem zwei Drittel der Wählerinnen und Wähler der City-Bahn und damit dem größten Stadtentwicklungsimpuls des letzten halben Jahrhunderts den Garaus gemacht haben. 2021 dann die Sperrung der ihrer Verwahrlosung preisgegebenen Autobahnbrücke und Einstellung des darunter führenden Zugverkehrs. Sie haben den ohnehin vom bundesweiten Fernverkehr nahezu abgekappten Wiesbadener Hauptbahnhof vollends in einen gespenstischen Ort verwandelt.

Jahrzehntelange Realitätsverweigerung – Wiesbaden als Retro-Konserve

Nein, Wiesbaden erlebt keinen Albtraum, wie es der Oberbürgermeister und andere Politiker nennen. Die Stadt (er)trägt vielmehr in geballter Form die unvermeidbaren Konsequenzen jahrzehntelanger Realitätsverweigerung in Verkehrs- und Stadtentwicklung. Während das benachbarte Mainz zur dynamischen Boomtown in der Region avanciert – experimentierfreudig, en vogue und mit im wahrsten Sinne soliden Weichenstellungen für eine nachhaltige und klimafeste Stadt- und ÖPNV-Entwicklung -, gleicht Wiesbaden einer Retro-Konserve aus den 70er und 80er Jahren. Inzwischen ist die Frage geklärt, wer auf der ebschen Seite liegt, zumindest was die Geschichtsschreibung betrifft. Bemüht um Besitzstandswahrung und sich an ihrer eigenen, weitestgehend kriegsunversehrten Vergangenheit labend, hat sich die Stadt selbst aufs Abstellgleis gestellt. Und zwar so, dass der Blick möglichst abgewandt bleibt von Vorbildern urbaner Zukunft wie Bordeaux, Kopenhagen, Zürich oder eben Mainz.

Welktkurstadt in Gestank und Lärm versunken

Stattdessen schaut die Stadt ehrfürchtig und „in Dankbarkeit“ auf ihr kaiserliches Erbe, huldigt den Denkmälern ihres mondänen und geschäftigen Âge d‘Or, ohne sie wieder mit Leben und Gründergeist zu füllen. Die neben Kurhaus, dem prunkvollen Staatstheater und Warmen Damm – einem einzigartigen Park- und Architekturensemble – verlaufende Wilhelmstraße gleicht einer Stadtautobahn. Als Prachtboulevard zum Flanieren geplant, hat sie ihre Aufenthaltsqualität längst verloren. Eine gigantische Asphaltrampe bildet das Stadt-Entrée vorm Hauptbahnhof, ohne jedes Konzept zur Verkehrsberuhigung. Die entrückte Weltkurstadt versank schon vor der versinkenden Brücke im eigenen Gestank und Lärm.

Gute Ansätze – aber es braucht mehr als Pinselstriche

Zwar versuchen Grüne, SPD, Linke und Volt in der Stadtverordnetenversammlung, das Ruder umzureißen. Auch das Fahrradwegenetz wurde substantiell erweitert. Doch braucht es mehr als ein paar Pinselstriche. Ein Bruch wäre nötig, ein tiefgreifender Aufbruch. Trotz, ja gerade wegen des anachronistischen Ausgangs des City-Bahn-Referendums. Der Ring, die Rheinstraße und viele andere in der Stadt böten mehr als genug Platz für schienengebundene Verkehrslösungen.

Mit verhältnismäßig wenig Aufwand könnten die S-Bahnlinien über eine still gelegte Friedrich-Ebert-Allee das Wiesbadener Zentrum an Frankfurt, den Flughafen und Mainz anbinden. Östlich vom Bahnhof wäre Raum für den Ausbau der Rhein-Main-Hochschule zu einer echten Universität, wie sie einer Landeshauptstadt zu Gesicht stünde. Aula und der Stadt offenstehende Gesellschafträume der Mattiaqua Universität könnten in Kurhaus und Kolonnaden das Casino ablösen, jene muffige Karikatur der Las-Vegas-Jahre im 19. Jahrhundert.

Es liegt etwas in der Wiesbadener Luft – wagt radikal neue Wege!

Es liegt etwas in der Wiesbadener Luft, und es ist nicht nur der Feinstaub des Autoverkehrs oder der pulverisierten Salzbachtalbrücke. Zarte Sprösschen des Veränderungspotentials sind sichtbar. Nächstes Jahr zieht im Gebäude des alten Gerichts ein Start-up- und Social-Entrepreneur-Hub. Im Bergkirchenviertel, wo Freigeistigkeit Tradition hat und dem Nationalsozialismus getrotzt wurde, öffnen junge Vinotheken, Bistros und Cafés. Rund um den Schlachthof blüht die Skaterszene. An diese stadtgesellschaftlichen Regungen ließe sich anknüpfen. Wiesbaden muss die Sprengung zum Anlass nehmen, seine „Kirche des Gewesenen“ zu verlassen und in der Verkehrs- und Stadtentwicklungspolitik radikal neue, mutige Wege beschreiten.

Sascha Hach setzt sich hauptberuflich mit internationaler Politik auseinander und forscht zu nuklearer Rüstungskontrolle und den Vereinten Nationen. Als Zugezogener in Rhein-Main beschäftigen ihn aber auch die Lokalpolitik und das Potenzial der Region und ihrer Städte für mehr Lebensfreude.

(Fotos: Sascha Hach)

10 Kommentare “„Die tote Stadt“ – Sprengung zum Aufbruch des erstarrten Wiesbadens: Wagt radikal neue Wege!

  1. In den inzwischen fast 7 Jahren, in denen ich hier lebe, gingen mir fast alle Bestandteile dieses Textes durch den Kopf (und noch mehr) – jedoch: kaum gedacht, waren sie schon von der Abwärtsspirale überholt. Deshalb vielen Dank für das kurze Innehalten-

  2. Ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag.Er ermuntert uns noch mehr den von uns erstmals in 2018 initiierten alljährlichen Wiesbadener Glückstag auch weiterhin -trotz grosser Herausforderungen- zu organisieren.Denn durch das Erwecken von mehr Herzlichkeit, Lebensfreude, Achtsamkeit, Kreativität, Dynamik und Verbundenheit sind manche Mitmenschen in Wiesbaden erst in der Lage solche Artikel nicht nur zu verstehen sondern auch eirklich gewillt eine positive, innovative Stadtentwicklung aktiv voranzubringen. Ohne diese Tugenden „scrollen“ die Entscheider regungslos einfach weiter. Bis dahin installieren wir weitere GLÜCKSPFADE, Glücksplätze, um zu berühren und öffnen möglicherweise neue Bahnen in den Köpfen. Sende allen ein Lächeln – Glück braucht Mut…Herzlichst Christine Stibi

  3. Ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag.Er ermuntert uns noch mehr den von uns erstmals in 2018 initiierten alljährlichen Wiesbadener Glückstag auch weiterhin -trotz grosser Herausforderungen- zu organisieren.Denn durch das Erwecken von mehr Herzlichkeit, Lebensfreude, Achtsamkeit, Kreativität, Dynamik und Verbundenheit sind manche Mitmenschen in Wiesbaden erst in der Lage solche Artikel nicht nur zu verstehen sondern auch eirklich gewillt eine positive, innovative Stadtentwicklung aktiv voranzubringen. Ohne diese Tugenden „scrollen“ die Entscheider regungslos einfach weiter. Bis dahin installieren wir weitere GLÜCKSPFADE, Glücksplätze, um zu berühren und öffnen möglicherweise neue Bahnen in den Köpfen. Sende allen ein Lächeln – Glück braucht Mut…Herzlichst Christine Stibi

  4. …seine „Kirche des Gewesenen“ zu verlassen, ist mir als Tipp noch zu schwammig. Apropos „schwammig“, wie wäre es mit:

    Kinder, sprengt eure staubigen Ketten und lasst eure „Fake Dropping Parents“ in „der Küche verwesen“, oder so?

    Und auf’m T-Shirt dann so, untereinander: FCKFDP WASTED 500MIO

    LG Schmidt

  5. Mein erste Kommentar, aber das kann ich so nicht stehen lassen. Fatales Referendum der Volksbefragung, welche die Citybahn zu 2/3 ablehnte, Abschaffung des Casinos zugunsten Orte für Studierender, Kirche des Gewesenen, was für ein Schmarrn, aber jedem seine Meinung. So auch meine. Eine herrliche Stadt in der ich seit über 40 Jahren mit Freude wohne. Die Verkehrssituation, zu der die Schiersteiner Brücke, die Salzbachtalbrücke und die irren Pläne und deren Umsetzung im Verkehrswirrwarr geführt haben ist katastrophal. Noch sehe ich jedoch keine merkliche Zunahme an Drahteseln auf unseren Straßen. Allerdings kann ich erkennen, dass die Unfallquote nach oben schießt, die Autofahrer es merklich schwerer haben sich zu bezahlbarem Wohnraum in der Innenstadt zu quälen um dann einen Parkplatz zu finden. Diese sind allerdings entweder zu Parkplätzen für Fahrrädern oder Freiflächen für die coronageplagte Gastronomie geworden. Ein Besuch in der Stadt macht man den Autofahrern so unangenehm wie möglich, viel zu teuer sind die Parkgebühren, mit deren Umsetzung man die Menschen zwingen möchte auf dem Fuß-/Rad- oder Busweg umzusatteln. Herrlich die Ungezwungenheit mit der man die Innenstadt nicht belebt und die Einzelhändler nicht stärkt weil das Bestellen im Internet dadurch nur noch leichter erscheint. Kommen wir zum wohnwirtschaftlichen Teil, in welchem es immer wieder gelingt, Neubaugebiete als familienfreundliche Orte der Sehnsucht anzupreisen. Die sich nur kein einziger Normalverdiener je leisten können wird. Ein kleines Reihenhaus muss doch möglich sein dachte ich mir mit Beginn meiner Ausbildung, irgendwann einmal. Jetzt mit 40 und zwei kleinen Kindern weiß ich, nicht in Wiesbaden. Denn hier ist es unserer Politik nicht gelungen eine Schneise zu schlagen, das erträumte Reihenhaus kostet ab 600.000 EUR aufwärts und mit der Abbezahlung wäre ich tatsächlich mit fast 80 Jahren fertig, wenn keine Renovierungen dazwischen kommen. Bei Eigentumswohnungen sieht es nicht anders aus und wie schön es ist die Luft nicht mehr mit Kersosinabgasen der Flugzeuge zu belasten, da eine zweiwöchige Reise auf die frühere Putzfraueninsel gar nicht mehr erschwinglich ist.
    Jetzt erneuern wir aber einmal die Stadt, lassen sie hip und modern werden. Eine Stadt die so viel mehr kann als das, das Nizza des Nordens waren wir einmal. Vom Krieg hauptsächlich unversehrt. Macht Euch das Zunutze, setzt auf Straßencafes, Spielplätze mit Gastronomie, Open-Air-Events. Wir haben das RMCC, aber wo bleiben die Künstler die die Hallen füllen? Theater wird bei uns zum Glück groß geschrieben, aber auch nur deshalb weil kleine Gruppen dafür jeden Tag kämpfen. FGKH, Künsterlaus43, Tahlhaus und viel mehr, Ihr macht einen tollen Job! Im Kurpark fehlt die Gastronomie des Kleinen Mannes, ein Biergarten im hinteren Teil, am Warmen Damm werden Herbstmärkte angenommen, warum können kleine Bauernhöfe hier nicht ständig ihre Waren anbieten. Der Mauritiusplatz hatte einmal eine Gastronomie eine Wurstbude und eine Eisdiele, der Platz in der Sonne kann so herrlich belebt werden. Einzelhändler könnten von den Vergnügungssüchtigen profitieren und es könnte ein Angebot für unsere Jugend entstehen, die viel zu wenige Möglichkeiten hat in Ihrer Stadt auszugehen.
    Die Kirche des Gewesenen sollte nicht mit so viel Abscheu dargestellt werden, haucht ihr Leben ein, springt aber nicht auf jeden Zug, der gerade durch unsere schönen Gassen rollt. Nur weil es alt ist, ist es nicht schlecht. Auch ein alter Freund wirkt schöner wenn er lacht.

  6. Toller Aufsatz. Spricht mir aus der Seele. Vor 14 Jahren hat es mich aus einer norddeutschen Großstadt nach Mainz verschlagen. Ich war entsetzt über die verkehrlichen\städtebaulichen Zuständen in Mainz und Wiesbaden. Es sagt immer hier ist es eng, laut und es stinkt. Von wegen am Rhein ist es schön. Mittlerweile hat sich einiges zum Guten veränder, wie z.B. die Mainzelbahn mit dem Anschluss der Uni, Fachhochschule und dem Stadtion an die Innenstadt und den Hauptbahnhof. In bin vorallem mit dem Rad in Mainz und Wiesbaden unterwegs. In Mainz tue ich das, weil es für mich die schnellste, gesündeste, preiswertes, sicherste, … Art der Mobilität ist. Sehr häufig fahre ich auch mal rüber nach Wiesbaden zum Shoppen – meist verbunden mit einem ‚Krafttraining‘ an der Kaiserring (übrigens ist das der einzige benutzungspflichtige Radweg – blaues Schild gem. Rad-\Fußweg, den ich kenne, der hat Treppen hat!). Das Fahrrad nehme ich, um den Wiesbadener Straßenverkehr – was für ein schrecklicher Hahnen\-Gockel-kampfplatz – den Platz streitig zu machen. Auch mit dem Rad habe ich das Recht die öffentliche Straßeninfrastrukur zu nutzen.
    Wird Zeit, das der Windschutzscheibenblick – wie der von Andy L. – in den Rohestand geschickt wird. Im nächsten Jahrzehnt wird der individuelle, motorisierte Verkehr erheblich an Bedeutung und Prestiges verlieren.

  7. Ohne Zweifel ein ambitionierter und ebenso drastischer Beitrag, der es gar schafft, aus der „Kirche“ ja dem „Schrein des Gewesenen“ den historistisch-versüßten Verwesungsgeruch der toten, in Leichenerstarrung verfallenen Landeshauptstadt Wiesbaden (LHW) aufsteigen zu lassen. Klarerweise kommt dabei auch die zu eitler wie uninspirierter Selbstgefälligkeit verkommene Wiesbadener Nizza-Fake- und Fassaden-Show als „Retro-Konserve“ ins Spiel, das im „Casino (…), jene muffige Karikatur der Las-Vegas-Jahre im 19. Jahrhundert“ gipfelt. Bei diesem Hintergrundrauschen einer visionsfreien Wiesbadener „Endzone“ als hermetische „World Apart“, zu zweidritteln bevölkert von einer Population der Untoten, die sich – zum Beispiel – der sog. City-Bahn als dem „Größten Stadtentwicklungsimpuls des letzten halben Jahrhunderts“ verweigert haben, da wächst das Verständnis, wenn die Sprengung einer maroden Autobahnbrücke über das Salzbachtal zur Metapher für den Aus- und Aufbruch aus dem erstarrten LHW avanciert. So – pikanterweise von einem jungen Konfliktforscher – in „Bombenstimmung“ gebracht, drängt sich die Frage auf, ob das von Ernst May in den 1960ern etwa mit der Niederlegung der City-Ost nicht zu Ende gebrachte Neue Wiesbaden nun und besser, vielleicht als smarte Stadt „radikal neue Wege“ beschreiten sollte. Die Eröffnung dieser Aussicht macht auf jeden Fall neugierig darauf, worin diese geforderte Radikalität denn – gerne etwas konkreter – bestehen könnte; dieses also in freudiger Erwartung eines Folgebeitrags, in dem die angekündigte „schonungslose Diagnose“ Wiesbadener Eigenlogik – gerne evidenzbasiert – etwas tiefer schürft.

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