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In der Blücherstraße links: Der “Infoladen” ist eine rote Oase – und zugleich offene Kulturstätte

Text & Fotos Laura Ehlenberger.

Die Hausnummern in der Blücherstraße werden größer und größer, da ist sie endlich: die Nummer 46. Eine unscheinbare, graue Eingangstür, ohne Schild darüber. Hier muss er aber sein – der „Infoladen“. Dann doch ein Indiz: Ein Plakat mit der Aufschrift „Offene Werkstatt“. Zur gleichen Zeit steigt ein Mann von seinem Rad ab, darauf klebt ein Anti-Atomkraft-Sticker. Er verschwindet durch die Tür ins Innere. Nichts wie hinterher: Hinter der grauen Tür wartet ein großer, einladender Hof mit Pflanzen in bunten Blumentöpfen, einem Stehtisch, an dem gerade ein paar Leute beisammenstehen, und einer neugierigen Hundedame mit rotem Halstuch.

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Das Maskottchen des Infoladens, wie es heißt, verewigt ist die 16-jährige Vierbeinerin auf einem großen Wandbild in einem der Innenräume, mit rotem Halstuch. Ihr Besitzer, Micha Hodgson, ist einer von zwei Vorsitzenden des „Kunst- und Kreativwerkstatt e.V.“ – der Verein, der 1988 gegründet den Infoladen ins Leben rief. Seither ist dieser im Westend beheimatet. „Damals hieß der Verein aber noch anders“, sagt Micha, dann zeigt er die Räume des Ladens, der vor gut zwei Jahren aus der Werder- in die Blücherstraße umzog. „Hier haben wir eine Kinderecke eingerichtet, dort steht neuerdings ein Klavier, daneben sind die Gitarren, dann hätten wir da die Theke und eine kleine Küche.“ Die zwei großen Innenräume kommen einfach, aber gemütlich daher. Second-Hand-Möbel, besonders die Ecke mit Sesseln und direkt daneben eine Vielfalt politischer Zeitschriften zum Schmökern, sorgen für entspannte Wohnzimmer-Atmosphäre. „Uns gefällt es so“, sagt Micha und äußert sich dankbar, dass sich in der Blücherstraße passende Räumlichkeiten fanden. Über der Theke macht, groß und bunt, der Slogan „Kein Mensch ist illegal“ klar: Politisches Statement ist hier erwünscht, von sozial über alternativ bis natürlich – links, auch weit links. „Das spiegelt sich auch in den Gruppen wider, die im unserem Trägerkreis sind“, erklärt Rüdi Schilp, einer von etwa fünfzehn Mitgliedern.

Linke Tradition seit 1988

Vereinsmitgliedschaft. Vorsitzende. All das diene aber nur dem Formalen. „Bei uns herrscht Konsens“, sagt Rüdi. Gemeint ist eine basisdemokratische Entscheidungsstruktur. Als eingespielte Truppe stelle das aber kein Problem dar. Ein Dauerthema seien die Kosten, verrät Micha. Der Infoladen finanziere sich über Spenden und freiwillige Mitgliedsbeiträge. „So bekommen wir immer gerade so die Kurve“, weiß Rüdi. „Tradition seit ’88“, nennt Micha das. Damals seien Infoläden in Deutschland wie Pilze aus dem Boden geschossen: „Überall in den Städten wurden sie gegründet, damit sich die Leute informieren konnten.“ Daher also der Name – kurz „Infoladen“, auf der Homepage steht „Infoladen linker Projekte“. „In einer Zeit, in der es nur wenige Fernsehprogramme gab, waren alternative Medien unabdingbar“, sagt Micha und zeigt auf das Regal mit den politischen Magazinen. Es finden sich Titel wie „Rebell“, „Die Rote Hilfe“, „ZAG – Antirassistische Zeitschrift“ oder „Graswurzelrevolution“. Das habe durchaus noch seinen Nutzen, sei zugleich aber auch eine Art Relikt aus früheren Tagen. Inzwischen gibt es ja das Internet. „Doch das ersetzt niemals den persönlichen Kontakt“, so der Wiesbadener.

„Als außerparlamentarische Opposition wichtiger denn je“

„Die Infoläden verstanden sich durchaus als außerparlamentarische Opposition“, äußert Wolfgang Taul. Vor Ort verabredet, um einer Bekannten das Gitarre spielen beizubringen, jedoch von dieser versetzt worden, bringt sich der Stammgast spontan ins Gespräch mit ein: „Es ging um Themen wie die Wehrpflicht, Atomkraft – und bereits in den 80ern um Flüchtlinge.“ Eine Selbstverständlichlichkeit seien die Infoläden früher gewesen und heute, in unpolitischeren Zeiten, wichtiger denn je, ergänzt Micha. Sich informieren, ob politisch oder kulturell, Ideen weitertragen, neue hinzugewinnen, Kontakte knüpfen – all das sei Teil des Konzepts. „Auf die ein oder andere Weise ist das gesamte Angebot politisch“, sagen sie.

So werde ausschließlich vegetarisch gekocht, zumeist auch vegan. Vorträge über Solidarische Landwirtschaft oder die Autonomiebewegeung in Spanien, Film- und Diskussionsabende zu akuten Themen oder Seminare und Workshops, zum Beispiel für mehr Achtsamkeit, stehen auf der Agenda. Jeden Dienstag wird sich getroffen, um Gebrauchsstücke in der „Offenen Werkstatt“ mit gegenseitiger Hilfe und Expertise zu reparieren – und seit Neustem hat sich nun auch ein Angebot für die Kleinsten geformt: Gemeinsam wird gebastelt. Dann gebe es da noch „Akustik im Hof“, das eigentlich gar nicht mehr im Hof stattfindet: „Unsere Konzerte sind wohl am öffentlichkeitswirksamsten“, verrät Micha. „Sie ziehen eine äußerst bunte Mischung an Besuchern an.“ Bezahlt würden die Getränke und Speisen am Konzertabend über freiwillige Spenden. „So gibt jeder, was er bereit ist, zu geben“, verrät Rüdi. Auch das sei politisches Statement: ein Ort, der Einkommensschwächeren ein kulturelles Angebot stellt.

Utopien einer gerechteren Gesellschaft

Utopien einer gerechteren Gesellschaft, alternative Ideen, innovative Projekte: Das findet hier Raum. So habe sich unter anderem der Gründer von „Apfelkomplott“ in seinem Vorhaben bestärken lassen: „Er plante, sich der Solidarischen Landwirtschaft zuzuwenden – und hier lief ein passender Vortrag.“ Die Entscheidung, es zu machen, sei bereits davor gefallen, hier fand er dann aber direkt die passsenden Leute, um das Projekt wirklich anzugehen, erinnert sich Rüdi. „Oder der „Tauschring“ aus dem Westend, der fand auch im Infoladen seinen Ursprung“, ergänzt Wolfgang Taul: „Unterschiedliche Menschen treffen sich, und es keimen neue Ideen auf.“ Auch die „Kulturpalast“-Gründer hätten zu Beginn ihre Treffen im Infoladen abgehalten, erinnerte Micha. Regelmäßige Treffen hielten vor Ort auch die einzelnen Gruppen ab, die Teil des Trägerkreises sind. „Da hätten wir ein breites Spektrum der undogmatischen Linken“, charakterisiert Rüdi die Gruppierungen, die im Infoladen aktiv sind. „Die Linke Westend“ fühlt sich so heimisch wie Umweltschützer und solidarisch denkende Landwirtschafter bis hin zu völlig Unpolitischem wie dem Schachclub.

Gefährdeter Treffpunkt

Vor knapp einem Jahr war dieser Treffpunkt gefährdet: „Wir erhielten ein Schreiben der Behörde, in dem es hieß, unsere Räume würden nicht vorschriftsmäßig genutzt werden.“ Eine Genehmigung für alle interaktiven Veranstaltungen, so die Werkstatt, Seminare oder Workshops, sei inzwischen erteilt. Für Events wie Konzerte und Vorträge stehe diese noch aus. „Jetzt heißt es: Abwarten.“ Im schlimmsten Fall müssten weitere rechtliche Schritte gegangen werden“, erklärt Micha, der sich aber sicher ist: „Die Räume werden in vorgesehener Weise genutzt.“ Trotz Bauchschmerzen, die das Ganze ihnen bereitet habe, bleiben die Infoladen-Betreiber optimistisch. Und solange wird in der Blücherstraße 46 weiterhin fleißig diskutiert, musiziert, gewerkt, gebastelt – und die Utopie einer gerechteren Gesellschaft gelebt.

Infoladen Wiesbaden Kunst- und Kreativwerkstatt e.V

Blücherstraße 46, 65195 Wiesbaden, Telefon: 0611 / 440664 

www.infoladen-wiesbaden.de

Info-Café & offene Werkstatt:

jeden Dienstag von 16-19 Uhr (Werkstatt ab 17 Uhr)

Aktuelle Veranstaltungen:

Seefeuer – Film & Diskussionsabend: 22. November, 19 Uhr

Schachliga: Schachfreunde Stiller Zug gegen SAbt TuS Dotzheum: 3. Dezember, 9.30 Uhr