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Mittendrin dazwischen: AKK – Drei Wiesbadener Stadtteile und ihre Sonderrolle

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Von Hendrik Jung. Fotos Arne Landwehr.

Amöneburg, Kastel, Kostheim: AKK. Drei Stadtteile zwischen den beiden Landeshauptstädten Wiesbaden und Mainz. In deren Schatten und doch im Kommen. Ganz nach Betrachtungsweise. sensor taucht ein.

Bald gibt es wieder viele Gründe, in die Kasteler Reduit zu fahren. An dem historischen Ort, der natürlich auch ein Museum beherbergt, gibt es im Juni wieder das Graffiti-Festival „Meeting of Styles“, im Mai das Kinderfest, im Herbst ein erneutes Gastspiel von Cirque Bouffon und ständig Konzerte und Festivals, drinnen und draußen. Bei Letzterem kann es dem Publikum schon mal passieren, dass es von einer der Bands mit „Hallo Mainz“ begrüßt wird. Wie soll man auch wissen, dass man sich in Wiesbaden befindet, wenn man bei der Abfahrt in Toulouse Mainz-Kastel in sein Navigationsgerät eingegeben hat?

Seinen Ursprung hat die verwirrende Situation – Mainz im Namen und doch zu Wiesbaden gehörend – am Ende des zweiten Weltkriegs. Im Zuge der Aufteilung in eine französische Besatzungszone auf der Mainzer Seite und eine amerikanische Besatzungszone auf der Wiesbadener Seite des Rheins wurden die drei Vororte 1945 verwaltungstechnisch der Stadt Wiesbaden zugewiesen. Damals ist man wohl davon ausgegangen, dass es sich bei dieser Regelung um ein Provisorium handeln könnte. Um eine mögliche Rückgliederung problemlos durchführen zu können, wurde damals ein eigener AKK-Haushalt eingeführt. Ein Konstrukt, dass es eigentlich gar nicht geben dürfte, das aber nach wie vor Bestand hat. Nicht die einzige Besonderheit. So sind etwa in Kastel und Kostheim sowohl Mainzer Banken als auch Mainzer Stadtbusse und nicht zuletzt auch die Mainzer Ausgabe des sensor zu finden. Und die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt besitzt hier auch zahlreiche Grundstücke. Das muss nicht immer ein Nachteil sein.

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„Die Stadt Mainz hat uns sehr geholfen. Sie hat dafür gesorgt, dass der Boden sauber gewesen ist und wir bauen konnten“, berichtet Martin Rudolf vom Turnverein Kostheim. Das Gelände, auf dem das neue Sportzentrum des Traditionsvereins im vergangenen Jahr eingeweiht werden konnte, hatte zuvor ein Schrotthändler genutzt und daher Altlasten aufgewiesen. Drei Millionen hat der Verein mit Hilfe der Stadt Wiesbaden und dem Land Hessen in den Kauf des Grundstücks und den Bau investiert. Mit der Folge, dass die Mitgliederzahl mittlerweile auf rund 2.150 angestiegen ist, davon mehr als ein Drittel Kinder und Jugendliche. Martin Rudolf ist selbst schon seit seiner Kindheit hier aktiv.

Mainz? Wiesbaden? Oder ganz eigene Identität?

„Die Gespräche, die sich früher auf der Straße um Mainz gedreht haben, drehen sich immer mehr um Wiesbaden“, beobachtet der 43-jährige. Doch er findet, dass sich zumindest in Kastel und Kostheim immer mehr eine eigene Identität entwickelt. Das liegt seiner Meinung nach auch an dem Zuzug junger Familien, von der auch der Verein sehr profitiere. Großes Potenzial hat für ihn die geplante Wohnbebauung des ehemaligen Linde-Areals am Kostheimer Floßhafen. „Das kann ein eigenes Zentrum werden. Aber nur, wenn es nicht komplett zugebaut wird“, glaubt Rudolf. Bedenken, die auch in Kastel bestehen, wo in den kommenden Jahren ebenfalls mit der Entstehung von neuen Baugebieten zu rechnen ist. „Ich sehe, dass es einen Mangel an bedarfsgerechtem Wohnraum gibt“, findet jedenfalls Carolin Holzer.

Bei der Entwicklung von Wohnquartieren werde häufig der Fehler begangen, dass diese zu sehr in sich geschlossen seien und zu wenig verbindende Elemente zur umliegenden Bebauung aufweisen. Um dem in Zukunft entgegen zu wirken, hat Holzer mit Gleichgesinnten den Verein „Bürgerinitiierte Quartiersentwicklung Kastel Kostheim“ gegründet. Gemeinsam hat man ein Konzept für das Gelände der Housing Area in der Wiesbadener Straße entwickelt.

Potenzial für ein neues Quartier

Dort ist zunächst die Unterbringung von Menschen auf der Flucht geplant. Später könnte jedoch auf der gesamten, mehr als elf Hektar umfassenden Fläche ein neues Quartier entstehen. Der Verein würde sich hier alternative Wohnformen, ein Quartierszentrum mit Café und Einzelhandel sowie Maßnahmen zur Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs wünschen. Mit zehn Erwachsenen und bald sieben Kindern ist auf jeden Fall die Gründung einer Baugemeinschaft in Arbeit. Ziel ist es, gemeinsam ein Mehrfamilienhaus zu gestalten, das ökologische Aspekte berücksichtigt und modular gebaut ist. Dafür sollen die Versorgungsstränge so angelegt werden, dass nach Auszug der Kinder später einmal aus zwei Familienwohnungen drei kleinere Wohneinheiten gestaltet werden können.

„Für mich ist das hier so ein bisschen das zukünftige Zentrum des Rhein-Main-Gebiets“, betont Carolin Holzer. Schließlich sei man hier unter anderem bestens an Frankfurt angebunden, ohne dass man dafür ein Auto benötigen würde. „Kastel ist weder Mainz noch Wiesbaden. Das ist so was Besonderes, das ist Mittendrin“, fügt die 32-jährige hinzu. Ein weiteres Anliegen ihres Vereins ist ein Urban-Gardening-Projekt auf dem Gelände der Housing Area. Derzeit sei man dabei, Paletten zu organisieren, um bewegliche Hochbeete einrichten zu können, die nach Möglichkeit mit torffreier Erde bestückt werden sollen. Bei dem für alle Interessierten offenen Projekt sollen auch die in Zukunft dort untergebrachten Geflüchteten integriert werden, so dass dort über das Gartenprojekt ein sozialer Raum geschaffen wird.

AKK vor Schlafstädte-Status bewahren

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Ideen, die ganz nach dem Geschmack von Irmtraud Jungels sind. „Ich möchte nicht, dass AKK zu Schlafstädten werden. Da muss Leben stattfinden“, sagt die 61-jährige. Damit meint sie nicht nur gesellschaftliches Leben, sondern auch die Tier- und Pflanzenwelt. Deshalb engagiert sie sich für den Cyperus-Naturpark im Biotop Petersberg, der in diesem Jahr sein 115-jähriges Bestehen feiert. Aus diesem Grund wird er derzeit für die bald beginnende Vegetationsphase besonders schön gemacht. Im Rahmen eines Seminars wird im April der Staudenhügel neu gestaltet, eine kleine Feuerstelle entsteht, damit Kinder Stockbrot backen können und die essbare Landschaft auf dem 12.000 Quadratmeter großen Gelände soll erweitert werden. Außerdem soll eine Tauschbörse für Pflanzen und alte Samensorten eingerichtet werden, und Irmtraud Jungels überarbeitet gerade die Website des Parks, der ab Ostern wieder an Sonn- und Feiertagen geöffnet ist. Auch Tiere wie Mauereidechsen oder Eisvögel fühlen sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Tierpark Kastel offenbar in freier Wildbahn wohl. Mit ihrem Engagement will sie sich dafür einsetzen, dass diese Oase erhalten bleibt. „Kastel ist eigentlich der Mittelpunkt zwischen Mainz und Wiesbaden. Es ist schade, dass es nicht im Mittelpunkt steht. Ich habe das Gefühl, wir sind so ein bisschen vergessen“, bedauert die Mutter dreier Kinder.

Eine Einschätzung, die sie unter anderem an der Fällung der Ulmenallee auf der Maaraue fest macht, sowie daran, dass die Schulen in AKK total vernachlässigt würden. Außerdem bedauert sie, dass es hier für den Nachwuchs keine Möglichkeiten mehr gebe, Abitur zu machen, seit die gymnasiale Oberstufe an der Wilhelm-Leuschner-Schule in Kostheim geschlossen worden ist. Dabei wirkt gerade die Schulzeit identitätsstiftend.

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Nach Einschätzung der Journalistin Marion Mück-Raab ist die Identitätsfrage zumindest in Kastel und Kostheim nach wie vor von Bedeutung. Das werde schon daran deutlich, dass viele sich ein Autokennzeichen mit „WI-MZ“ zulegen. Oder daran, dass hier bei den Fastnachtssitzungen über die Wiesbadener gelacht werde und nicht über die Mainzer.

„Ich kenne ganz viele, die sagen: Am besten wäre Autonomie“, fügt die 55-jährige hinzu. Ein schlechtes Gefühl hat sie im Zusammenhang mit dem geplanten Bau eines gemeinsamen Bürgerhauses für Kastel und Kostheim. Sie befürchtet, dass in diesem Zuge das alte Kostheimer Bürgerhaus abgerissen und der Platz darum herum, auf dem zur Zeit unter anderem der Wochenmarkt stattfindet, komplett bebaut wird. Fraglich ist auch, was aus der dort untergebrachten Stadtteilbibliothek wird, in deren Förderverein sie sich engagiert. „Wir brauchen eine Bürgerschaft, die sich für kleinere Treffpunkte einsetzt. Da muss man drum kämpfen, die bekommt man nicht einfach so“, kündigt Marion Mück-Raab an.

Hamam als einzigartiges Angebot

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Zu den außergewöhnlichen Bereicherungen, die in den AKK-Stadtteilen in jüngerer Zeit bereits entstanden sind, gehört das Hamam Omhara in Mainz-Kastel – das einzige weit und breit. Seit knapp einem Jahr gibt es in dem Osmanischen Bad die Möglichkeit, zu schwitzen, sich massieren oder ein Peeling vornehmen zu lassen. Dabei werden die Gäste nach Geschlechtern getrennt. „Eine gemischte Sauna findet man überall. Aber es gibt Kunden, die sagen, wir kommen nur, weil es hier getrennte Tage gibt“, erläutert Hakan Cankarra, der Geschäftsführer des Familienunternehmens. Dafür kommen die Gäste zum Teil aus Frankfurt oder Koblenz.

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Weit über die Region hinaus bekannt ist auch der Industriepark Kalle-Albert in Amöneburg. Bereits jetzt existieren dort auf einer Fläche von 96 Hektar rund 5.600 Arbeitsplätze. Nun ist es der Betreibergesellschaft InfraServ mit ihrem Chef Peter Bartholomäus gelungen, eine deutsche Tochter des chinesischen Kunststoffproduzenten Kingfa hier anzusiedeln. Rund fünf Millionen Euro investiert InfraServ dafür in die technische Gebäudeausstattung und die Anbindung der Produktion an Strom- und Dampfnetzwerk des Standorts. Bereits in diesem Sommer sollen hier mit 30 Mitarbeitern Spezialkunststoffe hergestellt werden. Mit dem neuen Standort Wiesbaden bauen die Chinesen, die ihrerseits 10 Millionen Euro in Amöneburg investieren, ihre erste Produktionsstätte in Europa auf, um etwa die Automobil- und Elektroindustrie aus lokaler Produktion bedienen zu können. Möglich geworden ist das nur, weil ein Gutachten des Münchner Fengshui-Meisters Jie Qian bestätigt hat, dass die Bedingungen hier günstig sind. „Ein idealer Standort nach chinesischem Fengshui sollte von Gebirge umschlossen und von einem Fluss umgeben sein, daher liegt der Industriepark Kalle-Albert an der Position goldrichtig“, heißt es da.

Leben mit der Industrie

Durchaus charmant findet auch Amöneburgs Ortsvorsteherin Maike Soultana ihren Stadtteil. Und zwar sowohl wegen der alten Industriedenkmäler, denen sie lediglich gerne ein bisschen Farbe verpassen würde, als auch wegen der Natur, die am Rheinufer zu finden ist. „Die Industrie hat erheblich aufgerüstet, was den Umweltschutz angeht“, findet die ursprünglich von der Mainzer Seite stammende Frau, die seit 1982 hier lebt. Auch wenn es immer mal wieder ein bisschen Staub und Dreck gebe, habe sich die Situation doch deutlich verbessert. Und nach zehn Jahren als Ortsvorsteherin hofft sie darauf, dass es auch in Zukunft weiter besser wird – vor allem durch die geplante grüne Mitte, die zum neuen Zentrum von Amöneburg werden soll, das ausschließlich für Fußgänger und Radfahrer nutzbar sein und die bestehende Bebauung mit der neu geplanten Bebauung am Rheinufer verbinden soll. „Ich hoffe, dass im Sommer die Bagger rollen“, meint Maike Soultana, die auch die geplante Anlage einer öffentlich zugänglichen Rheinterrasse zwischen der Hafenzufahrt der Dyckerhoff-AG und der Paddlergilde begrüßt.

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Nur wenige hundert Meter flussaufwärts, aber schon im Stadtteil Kastel gelegen, soll auch das ehemalige Gelände der Firma Gersch Bootsbau weiter entwickelt werden. Allerdings handelt es sich beim dem Gelände streng genommen um ein Gewässer. Was heute Rheinport Marina heißt, schwimmt hier seit 1959 mitten im Rhein. Fast 40 Jahre lang wurde dort ein alter Schaufelrad-Schlepper von der Familie Gersch als Werkstatt genutzt. Nun möchte Christian Kirk als Geschäftsführer der European Consult und Invest GmbH, die der neue Eigentümer des ehemaligen Bootsbau-Unternehmens ist, den Schlepper zum Restaurant-Schiff ausbauen. Nur ein kleiner Teil eines Gesamtkonzepts, das auch die Umwandlung des ehemaligen Firmengeländes des Verpackungsherstellers Ludwig Clemens in ein Wohnviertel mit dem Titel „Rheinblick-Quartier“ beinhaltet. „Ich bin der Überzeugung, dass der Stadtteil in den vergangenen Jahrzehnten extrem vernachlässigt worden ist. Das hat er nicht verdient“, findet Christian Kirk. Nach seinen Vorstellungen soll die Wohnbebauung hier durch Grün- und Erholungsflächen sowie eine Kindertagesstätte ergänzt werden. Barrierefreiheit und Energieeffizienz sollen beim Bau berücksichtigt werden. Auch die Anregungen der Bürgerinitiative „Leben am Fluss“ seien in seine Vorplanung eingeflossen.

Geboren auf dem Hausboot

Ein Konzept, das auch den gelernten Bootsbauer Rolf Gersch überzeugt, der 1948 auf dem elterlichen Hausboot, damals noch in Schierstein, erstmals das Licht der Welt erblickt hat. Nach wie vor lebt er mit seiner Frau im Hausboot auf dem Werftgelände und freut sich daran, dass Angler hier nach dem Fischsterben früherer Tage wieder Welse von bis zu drei Metern Länge aus dem Wasser ziehen. Außerdem beobachte er von seiner Veranda aus Eisvögel und Kormorane, aber auch Füchse. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Natur zwischen Mainz und Wiesbaden ist“, freut sich der 68-jährige. Wo er lebt, da ist man dann wirklich mittendrin zwischen den beiden Städten, die AKK umschließen.

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