| | Kommentare deaktiviert für Nichts wie raus! Das große Frühlingserwachen

Nichts wie raus! Das große Frühlingserwachen

Von Hendrik Jung. Fotos Tim Dechent.

Nach dem trübsten Winter seit 42 Jahren erwarten wir den Frühling sehnlicher denn je. sensor hat schon mal einen Tag im Freien verbracht. Und kam dabei auf die tollsten Frischluft-Ideen.

Reklame

Endlich mal ein sonniger Morgen. Erster Gedanke: Nichts wie raus! Und zwar am liebsten direkt zum Frühstück. Die Wahl fällt auf das „Home Made“ in der Dotzheimer Straße 28, ein noch ziemlich neuer Café- und Laden-(Geheim)tipp mit besonderem Charme. Im kultigen Gärtchen mit Outdoor-Sofa und einer Zinkbadewanne als Pflanzkübel machen wir es uns bequem. Der Name ist Programm: Vor allem gibt es hier selbst Gemachtes. Frische Früchte werden zu Smoothies, Limonade oder Milch-Shakes verarbeitet. Wir entscheiden uns für Zitronenlimo und stellen dann unsere Frühstücksbrote zusammen. Was auf dem kernigen Sauerteigbrot landet, entscheidet der Kunde nämlich selbst. „Wir haben 50 verschiedene Sorten getestet und gesagt: Wow! Das ist es. So war das früher“, berichtet Uwe Hellenbrandt, warum man sich für das Brot eines Taunusbäckers entschieden hat. Genussvoll füllen wir unsere Kohlenhydrat-Reserven und ziehen dann los.

Als erstes geht es auf den Wiesbadener Hausberg, den wir mit der Nerobergbahn erklimmen. Seit 125 Jahren (das Jubiläumsfest ist am 25. Mai, www.125-jahre.de) transportiert die Standseilbahn ihre Passagiere durch Befüllung des abwärts fahrenden Wagens mit bis zu sieben Kubikmetern Wasser. An der Talstation wird er entleert und das Wasser wieder den Berg rauf gepumpt. Oben angekommen, zieht es uns erst Mal in den Kletterwald. Erfreut stellen wir fest, dass die Preise in der neuen Saison nicht gestiegen sind und entscheiden uns für den Partner-Parcour, um den Teamgeist zu stärken. Ohne Hilfe des anderen funktioniert hier nicht mal der Einstieg. Der Blick auf die Stadt weckt Lust auf mehr, und so machen wir einen Abstecher zur russisch-orthodoxen Kirche. Wir haben Glück und erwischen eine Führung über den Friedhof, bei der wir russische Adlige, Militärs und Künstler kennen lernen, die in Wiesbaden bestattet wurden. Mit der schnuckeligen Stadtbahn Thermine fahren wir ins Nerotal zurück. Nächstes Ziel: Freudenberg.

Feuer mit allen Sinnen

Im Erfahrungsfeld der Sinne nehmen wir mit 18 anderen an der Feuerwerkstatt teil. „Es gibt keine Erfolgsgarantie“, warnt Feuermeister Tom Karcher, als er die Gruppen einteilt. Aber wenn nur eines der Teams erfolgreich sei, könnten wir am Ende Stockbrot backen. Wie es sich für das Erfahrungsfeld gehört, lernen wir die Qualität des Feuerholzes mit allen Sinnen zu prüfen. Man kann nicht nur sehen oder fühlen, ob das aus der Parkpflege stammende Material trocken genug ist, sondern man kann es auch am Geruch und am Klang feststellen. Mit einem eisenhaltigen Markasit und einem Flint gilt es dann, den berühmten zündenden Funken zu erzeugen. Anschließend folgt der schwierigste Teil, der einen langen Atem erfordert. „Es darf jetzt nicht ausgehen“, feuert Tom uns an. Doch hat er uns gewarnt: „Je mehr der Zunder raucht, desto näher seid Ihr an der Flamme, desto schwerer fällt aber das Pusten“. Na ja. Was zählt, ist dass am Ende alle Hyperventilierenden stolz in die Flammen schauen.

Neues auf dem Wochenmarkt

Jetzt brauchen wir eine Stärkung und steuern den Wochenmarkt an. Erst vor wenigen Wochen haben sechs neue Beschicker ihre Zulassung für die begehrten Plätze bekommen. Vom Wachtel-Ei bis zur Räucherforelle, vom veganen Brotaufstrich bis zur Marmeladenkreation und Kult-Käsekuchen, von Bio-Backwaren bis Demeter-Käse gibt es hier alles, was wir für das geplante Picknick am Warmen Damm benötigen. Auch am Stand von Kräuterfrau Barbara Bauerfeind grünt es schon kräftig. „Da ist viel wildes Zeug dabei“, erläutert sie lachend. Bärlauch, Pimpinelle und Sauerampfer stammen aus Wildsammlung. Kerbel, Löwenzahn und Schnittlauch dagegen aus dem Garten. Außer der Wärme ist auch der Wasserhaushalt dafür verantwortlich, ob es im Frühjahr üppig grünt oder nicht. „Diesen Winter war der Boden ständig triefend nass und total schwer“, blickt sie auf das Ende des vergangenen Jahres zurück, als in ihren Gärten das Umgraben anstand. Im Vergleich zur Vorsaison sprießen die Kräuter deshalb üppig. Mit vielen Vitalstoffen eingedeckt, lassen wir uns zum Picknick im Park nieder und gönnen uns anschließend eine Siesta. Schließlich will Frühjahrsmüdigkeit gelebt werden!

Dann zieht es uns zum Fluss. Zunächst zu dem Eis-Café am Rhein in Biebrich, vor dem sich in der Saison regelmäßig Endlos-Schlangen bilden. Neu im Repertoire, das mehr als 30 Sorten umfasst, sind Aperol-Sprizz, Walnuss-Mandel und Holunder-Joghurt. Außerdem will man zwei weitere laktosefreie Varianten entwickeln, weil die Nachfrage stetig steigt. „Wir versuchen immer mal was Neues zu kreieren. Aber von zehn Versuchen landen nur zwei wirklich in der Theke“, berichtet uns Inhaber Stefano Covre. Etwa 80 Prozent der Gäste entscheiden sich für Klassiker wie Schoko oder Vanille. „Die meisten wissen was sie wollen, egal was wir da haben“, fügt er hinzu. Bei Außentemperaturen bis zu 23 Grad sei vor allem Milch-Eis gefragt. Wenn es wärmer wird, sei dann Frucht-Eis beliebter. Wir sind uns über das passende Eis zum Wetter nicht einig und entscheiden uns für Mango sowie Cookies.

20 Mann in einem Boot

Glücklich ziehen wir Richtung Schierstein weiter, wo sich gerade Paddler des Wassersportvereins Schierstein zum Drachenboot-Training versammeln. Seit drei Jahren ist Sven Bäumer dabei, der zuvor keine Paddelerfahrung hatte. „Es braucht eine Weile, bis man die Technik raus hat. Aber es ist nichts Kompliziertes“, erläutert er uns. Ihn habe der Teamsport gepackt. „Mit 20 Mann in einem Boot. Das ist schon ein besonderes Ereignis bei einer Regatta“, fügt er hinzu. Ende April haben die „Rheingauner“ ein Heimspiel. Dann findet im Schiersteiner Hafen die vierte Deutsche Meisterschaft auf der Langstrecke statt. Knapp 20 Teams von Rostock über Wuppertal bis Bad Säckingen nehmen daran teil. Um da mithalten zu können, bittet Trainer Günter Rentschin die acht Frauen und zwölf Männer zum einstündigen Training aufs Wasser. Uns zieht es zu den Störchen weiter, die am Schiersteiner Wasserwerk brüten. Auf dem Hochwasserschutzdamm treffen wir Hubertus Krahner von der Storchengemeinschaft (www.schiersteinerstörche.de, mit Storchennest-Webcam). „Als wir vor 40 Jahren mit unserer Arbeit angefangen haben, gab es in Hessen keine Störche mehr. Seit 1975 wurden in Schiersten mehr als 1000 Jungtiere geboren“, erläutert uns der 55-jährige, der dem Verein seit seiner Jugend treu ist. „Der Storch liebt die Thermik. Bei gutem Wetter lohnt es sich besonders hier vorbei zu schauen“, fügt er hinzu. Während der Brutzeit ist auf jeden Fall täglich ein Vereinsmitglied vor Ort, um nach dem Rechten zu sehen. Gründe gibt es viele. Als im vergangenen Jahr ein Vogel in einem Paketband erstickt ist, haben die Storchenfreunde das überlebende Elternteil täglich mit Futterspenden bei der Aufzucht der beiden Jungtiere unterstützt.

Untreue Störche 

Da der Nachwuchs beringt wird, habe man schon viel über die Lebensweise der Tiere gelernt, berichtet Hubertus. Etwa, dass sie ihrem Partner nicht lebenslang treu sind, sondern durchaus der Liebe wegen den Standort wechseln. Notgedrungen mussten das auch die Mitglieder des Schiersteiner Angelvereins (www.asv-schierstein.de ). Deren Vorsitzenden treffen wir, als wir Richtung Walluf weiter laufen. „Grundsätzlich würden wir lieber im Schiersteiner Hafen im Stillwasser angeln“, berichtet uns Ralf Naß. Seit 2004 sei der Hafen jedoch wegen kontaminierten Schlicks  ganzjährig für die Angler gesperrt. „Das ist aber nur bei uns so. In den kleinen Häfen in Rüdesheim, Ginsheim oder Walluf ist es gestattet“, ärgert er sich über die Entscheidung des Regierungspräsidiums in Darmstadt. Zwar gebe es im Rhein 52 Fischarten zu fangen, doch sei es am neuen Standort zu gefährlich um auch mal Nachts angeln zu gehen und man könne die Jugendlichen nicht so gut an den Sport heran führen, klagt Ralf. Für uns ist es an der Zeit, nach Nordenstadt weiter zu fahren.

Alles öko im Mietgarten

Auf dem Scholzenhof wollen wir uns über die Bewirtschaftung eines Gemüsegartens informieren. Ditmar Kranz ist gerade dabei, die ersten Reihen auf dem 3.000 Quadratmeter großen Grundstück zu ziehen. Ende des Monats wird er mehr als 20 Sorten Gemüse sowie Kräuter und Blumen pflanzen. Anfang Mai erfolgt dann die Übergabe der 60 Gärten an ihre Bewirtschafter. Ein Teil der Fläche steht ihnen für Pflanzen eigener Wahl zur Verfügung. „Bedingung ist, dass Ökosaatgut eingesetzt wird. Außerdem sind sie vertraglich verpflichtet ökologische Betriebsmittel einzusetzen“, betont der Bio-Bauer. Schließlich will er wegen der Gärten, die er gemeinsam mit der Firma „Meine Ernte“ (www.meine-ernte.de ) zum vierten Mal anbietet, nicht seine Bioland-Zertifizierung gefährden. „Wir essen immer noch davon“, berichtet uns Jeanine Erler, dass sich die 179 Euro Beitrag für die vergangene Saison durchaus ausgezahlt haben. Nun wisse sie, wie man Gemüse einkocht und Karotten im Winter einlagert. Drei bis vier Stunden habe sie pro Woche im Garten verbracht, sich dabei aber auch mit Nachbarn ausgetauscht. „Das bläst einem richtig den Kopf frei“, fügt Jeanine hinzu, die dank der guten Ernte jetzt viel mehr selbst kocht. Wir sind ebenfalls auf den Geschmack gekommen, wollen uns aber noch über das Probe-Imkern informieren.

Imkern in der Stadt

Hierfür stellt der Imker-Verein Wiesbaden (www.imkerverein-wiesbaden.de)  Interessierten ein Bienenvolk zur Verfügung. Paten helfen dann ein Jahr lang bei dessen Pflege und der Erzeugung des Honigs. Die Auftaktveranstaltung Ende April ist jedoch schon lange ausgebucht. „Dieses Jahr können wir uns vor Interessenten gar nicht retten“, freut sich Kurt Schüler. Imkern in der Stadt liegt im Trend und ist problemlos möglich, fügt der Vereinsvorsitzende hinzu. Bienenvölker auf Balkonen oder Dachterrassen würden von den Nachbarn oft jahrelang gar nicht bemerkt. Die Nahrungsgrundlage der Bienen sei wegen der vielen Blühpflanzen vielseitig. Dadurch finden die Bienen jederzeit Pollenspender und der Honig werde besonders aromatisch.

Bevor wir zu sehr ans Essen denken, wird es noch Zeit, etwas für die Freibad-Figur zu tun. In der Friedrich-Ebert-Anlage am Hauptbahnhof sind wir zum Outdoor-Circuit (www.source-zat.de) verabredet. Trainer des Zentrums für angewandte Trainingswissenschaft haben hier aus Kleingeräten wie Mini-Hürden, Medizinbällen und Springseilen zehn Stationen vorbereitet. „Wir bauen auch immer das Gelände mit ein. Zum Beispiel Stufen, Bänke oder Bäume“, erläutert uns Sportwissenschaftler Christian Hochgürtel. Das Training sei nach der Tabata-Methode aufgebaut und bringe bei wenig Belastung bereits viel für Ausdauer, Kraft und Koordination. Die kurzen aber intensiven Intervalle betragen lediglich eine Minute pro Station. Deshalb nimmt das Aufwärmen einen großen Teil des einstündigen Trainings ein.

Parkour der Mauerspringer

Wir fühlen uns jetzt jedenfalls fit genug, um auch noch an einem Parkour-Workshop (www.team-kiatsu.de)  teil zu nehmen. „Immer das Ziel im Auge behalten und nie zurück gehen, um neuen Anlauf zu nehmen“, gibt uns Niklas mit auf den Weg. Denn bei diesem Sport, auch als Free Running bekannt, gehören Aufgaben wie das Überwinden von drei nebeneinander stehenden Tischtennis-Platten oder der Aufstieg auf eine Mauer über einen Fahrradständer zum Training. „Dabei erarbeitet man sich einen Haufen Bewegungen, die man später einsetzen kann“, fügt Niklas Bolesta hinzu. Bis wir wie Rubén Rottmann per Katzensprung mit den Händen voraus von einer Mauer auf die nächste springen, wird es wohl noch ein Weilchen dauern. „Man merkt einfach, dass Ziele, die unmöglich erscheinen, gar nicht so fern sind, wenn man anfängt, etwas dafür zu tun“, versichert uns Rainer Mayer. Das nehmen wir erschöpft aber glücklich darüber, dass uns heute der Frühling endlich nah war, gerne für die nächsten Tage im Freien mit.