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Pfand drauf!

Von Inka Mehr. Fotos Mary Goldfinger.

Zwei junge Wiesbadener setzen ihre pragmatische Pfandkisten-Idee in die Tat um – Rücken- und Gegenwind inklusive. Ich laufe durch die Stadt, es ist heiß. Schnell in einem der zahlreichen Kioske ein erfrischendes Getränk gekauft. Ah, das tut gut. Die Flasche ist schnell geleert… wohin nun mit dem Ding? Ist Pfand drauf. Klar, ist ja auch gut so. Wohin denn nun damit? In die Tasche gestopft? Nein. Auf dem Weg zu wochenendlichem Amüsement in der Hand halten? Nein, das verspräche ein nur mäßig unbeschwertes Freizeitgefühl. Also rein damit in den nächsten städtischen Müllbehälter.

Stopp, alles auf Anfang. Beginnen wir die Geschichte neu: Ich laufe durch die Stadt (der Mittelteil ist bekannt)… aber jetzt entsorge ich die geleerte Pfandflasche nicht im Müll ,sondern in einer speziellen Pfandkiste, die an einem Laternenmast hängt. Kennen Sie nicht? Dann ist Ihnen wohl noch keine solche Kiste begegnet. Eine der Pfandkisten, die die Freunde Nico Becher und Steve Hoffmann in Eigenregie in der Wiesbadener Innenstadt anbringen.

Es geht Ihnen nicht nur um die korrekte Wiederverwertung, um Schonung der Ressourcen. Nico Becher und Steve Hoffmann geht es vorrangig um die Menschen: „Aauf der Suche nach Pfand durchsuchen Sammler tagtäglich die städtischen Müllbehälter nach Pfandgeld bringenden Flaschen. Dass das Wühlen im Müll entwürdigend, unhygienisch und mitunter nicht ganz ungefährlich ist, liegt auf der Hand.“

Zwei, die handeln.

Angeregt durch Aktionen wie „Pfand gehört daneben“ und „LemonAid“ starteten Nico, der Fotograf, und Steve, der Informatiker, im Frühjahr ihre eigene Aktion. Sie sägen leere Pfandkisten zur Hälfte auf (so, dass Spannung darauf ist), überkleben alle Seiten mit der Bezeichnung „Pfandkiste“ (Schleichwerbung ist selbstverständlich Tabu) und befestigen sie mit Kabelbindern und Gaffa-Tape an Pfosten:

„Wir waren überrascht von dem positiven Feedback. Wir haben direkt Hilfe beim Aufhängen bekommen. Es war toll, wie schnell die Leute von der Idee überzeugt waren.“ In den Kisten finden diverse Flaschentypen Platz. Und da klassische Getränkekisten über durchbrochene Böden verfügen, kann Regenwasser direkt abfließen. Eine saubere Sache, schnell umgesetzt und ein klein wenig Charity im Vorbeigehen.

Warten auf Gespräch mit der Stadt

Ob Bahnhof oder Schlachthof: Nach wenigen Tagen sind die Kisten immer wieder verschwunden. Die Stadt Wiesbaden beteuert nach Angaben der Initiatoren, die Beseitigung nicht in Auftrag gegeben zu haben. Nico und Steve suchen also den Kontakt zur Stadt, erhoffen sich eine offizielle Lösung, gerne mit professionell gestalteter Kiste und optimaler Befestigung. Ideen, wie das aussehen kann, haben sie und die Stadt signalisierte bereits ein generelles Grundinteresse. Doch leider, berichten die Initiatoren der Pfandkisten-Aktion, kam es noch nicht zu dem versprochenen Gespräch mit Birgit Zeimetz (CDU), Dezernentin für Bürgerangelegenheiten und Grünflächen: „Es wäre schön, wenn man ein Konzept finden könnte, Hand in Hand mit der Stadt etwas auszuarbeiten. Ein komplettes Bundessystem wäre die perfekteste Lösung für uns. Wenn es eine offizielle Kiste mit Logo gäbe.“

Falls keine offizielle Lösung zustande kommt, wünschen sich die beiden eine Karte, auf der geeignete Masten ausgewiesen werden. Denn diese sind keineswegs ausschließlich in städtischem Besitz und rechtliche Probleme vorprogrammiert. Eine solche „Mikrolösung“ könnte ihnen (und den Nachahmern, die es schon jetzt gibt) gewähren, weiterhin Kisten aufzuhängen und keine Bußgelder zu riskieren.

Ein TV-Sender hat bereits Kontakt zu den Wiesbadenern aufgenommen. Ob das Medieninteresse Schwung in die Kiste bringt? Vielleicht ergreift Wiesbaden bald offiziell die Initiative und wird zum deutschlandweiten Vorreiter…? Sicher stellt die Pfandflasche nicht das eigentliche Problem dar. Es handelt sich hier vielmehr um die Folge eines umfassenden sozialen Problems. Ziel sollte soziale Gerechtigkeit mit einer ausreichenden Grundversorgung aller sein, sodass es niemand mehr nötig haben sollte, sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen über Wasser zu halten. Die Aktion vermag eine Problematik aufzuzeigen, die vielleicht nicht jeder sehen will. „Aber eigentlich“, so die Pfandkisten-Aktivisten, „ist es nur ’ne Kiste, die da hängt, um Leuten zu helfen.“

Nach Veröffentlichung des Artikels im September-sensor mailten uns die Initiatoren diese Update:

(“P.S. Wir hatten ein sehr erfolgreiches Gespräch mit der Ordnungsdezernentin und arbeiten nun an einer „ganzheitlichen“ Lösung. Sobald es da etwas Neues zu berichten gibt, melden wir uns wieder bei euch.”)

Ein Kommentar “Pfand drauf!

  1. Kann man irgendwo den Aufkleber erhalten? Und wie wurde es umgesetzt, dass mehrere Flaschentypen in die Kiste passen? Würde gerne auch bei uns Pfandkisten anbringen 🙂

    Viele Grüße
    Julius

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